Ein Bericht von Emma Hense, Praktikantin bei MareMundi, Frühjahr bis Sommer 2022

Lebendig werden sie gefürchtet, tot fasziniert betrachtet und als hübsches Andenken eingesammelt. Der Begriff „Hassliebe“ beschreibt die Beziehung zwischen Schülern und Seeigeln auf den Punkt genau.

Hier in der Kvarner Bucht, beim MareMundi Institut Krk, sind Seeigel neben den Seegurken meist das erste Lebewesen, welches unsere Schüler beim Schnorcheln entdecken. Die meisten von ihnen haben ständig Angst, in einen Seeigel zu fassen oder zu treten, denn sie haben gehört, dass diese Tiere giftig sind. Und auch wir vom MareMundi-Team erinnern unsere Gäste regelmäßig daran, die Augen nach den stacheligen Tierchen offen zu halten.

Deshalb ist die Verwunderung groß, wenn die Schüler im Wasser vom Schnorchel-Lehrer gefragt werden, ob sie einen Seeigel in die Hand nehmen möchten. Prompt fallen die Fragen: “Ist der nicht giftig?” oder “Tut das Anfassen nicht weh?”. Auch wenn der Schnorchel-Guide versichert, dass das sanfte Anfassen ungefährlich und schmerzfrei ist, strecken nicht alle Schüler die Hand aus, um einen Seeigel  zu halten. Das Misstrauen gegenüber lebendigen Seeigeln bleibt wach.

Vollkommen anders die Reaktion auf tote Seeigel bzw. ihr Gehäuse. Mit viel Begeisterung tauchen die Schüler die bunten Seeigelgehäuse auf und bewundern sie fasziniert.

Während der meeresbiologischen Woche der Schulklassen wird die Tiergruppe der Stachelhäuter, zu welcher die Seeigel gehören, in Form von Vorträgen und während der Schnorchel-Einheiten ausgiebig thematisiert. Die Seeigel werden dabei aufgrund ihrer Häufigkeit nie stiefmütterlich behandelt. Und obwohl die Angst bleibt, in einen Seeigel zu steigen (was wirklich unangenehm ist), entwickelt sich durch die nähere Auseinandersetzung mit den Tieren bei dem ein oder anderen Schüler sogar etwas Sympathie für die lebenden Seeigel.

Seeigelgehäuse / Foto: Emma Hense

Was lernen die Schüler bei uns über die Seeigel?

Körperbau

Seeigel (wissenschaftlicher Name: Echinoidea) sind kugelförmige bis ellipsoide (bei irregulären Seeigeln auch scheibenförmige) Meerestiere von 8–15 cm Größe, die rundum mit Stacheln bedeckt sind. Das Gehäuse der Seeigel besteht aus zehn Doppelreihen verschmolzener Calciumcarbonat-Platten, die Ambulakral- und Interambulkralplatten genannt werden. Je zwei Plattenreihen nebeneinander enthalten kleine Löcher (das sind die Ambulkralplatten), durch welche die sogenannten Amulakralfüßchen hindurchtreten. Die Ambulakralfüßchen kann man sich wie kleine Saugnäpfe vorstellen, mit denen sich der Seeigel unter anderem fortbewegt. Zudem liegen auf den Platten und ihren kleinen Höckern die Stacheln. An der Ober- und Unterseite des Seeigels befindet sich jeweils eine Öffnung (Oral- und Aboralseite). Oben liegt der After, unten die Mundöffnung. Seeigels besitzen eine fünfstrahlige Radiärsymmetrie (Pentamerie), die am besten sichtbar wird, wenn man von unten in ein Seeigelgehäuse hineinschaut.

Lebensraum und Fortpflanzung

Der Lebensraum von (den meisten) Seeigeln sind felsige Meeresböden sowie Seegraswiesen. Dort ernähren sie sich von Algen, Schwämmen, Hydrozoen und Cyanobakterien, welche sie mit ihrem komplexen Kieferapparat, der Laterne des Aristoteles, zerkleinern. Auch die Laterne besitzt die fünfstrahlige Symmetrie, da sie aus fünf Kieferplatten besteht. Durch ihre Ernährungsweise regulieren Seeigel die Bestände von Algen.

Die Fortpflanzung findet bei Seeigeln über äußere Befruchtung statt. Es gibt zwei Geschlechter. Männchen und Weibchen geben jeweils ihre Ei- und Samenzellen ins Wasser ab, wo nach der Befruchtung die planktonische Phase des Seeigels als Larve beginnt. Auch bei uns in der Meeresschule finden wir in unseren Planktonproben häufig Seeigellarven.

Zugehörigkeit zum Stamm der Stachelhäuter

Seeigel gehören zum Stamm der Stachelhäuter (Echinodermata) – wie auch die Seesterne, Seegurken, Schlangensterne sowie Haarsterne und Seelilien. Die Verwandtschaft zu Seesternen lässt sich über die fünfstrahlige Symmetrie erkennen. Man kann sich einen Seeigel wie einen Seestern vorstellen, der sich nach oben zu einem Ball zusammengeklappt hat. Der Körperbau einer Seegurke ist wie der eines lang gezogenen Seeigels, der sich auf die Seite gelegt hat.

Seeigelarten

In der Adria leben etwa 20 Seeigelarten. Wir begegnen am häufigsten den folgenden drei Arten: Dem Steinseeigel, der ein grünes Gehäuse besitzt, dem schwarzen Seeigel, welcher wiederum ein bräunlich-rotes Gehäuse hat, und dem violetten Seeigel, der – wie der Name schon verrät – eine violette Schale hat.

Violetter Seeigel mit ausgefahrenen Ambulakralfüßchen / Foto: Alicia Ackermann

Seeigel mit Muscheln und Algen zum Selbstschutz (der Grund für dieses Bedecken durch Fremdgegenstände ist noch nicht  restlos klar) / Foto: Filip Šetena

Irreguläre Seeigel

Neben den bereits genannten und allgemein gut bekannten Seeigeln gibt es noch die bereits erwähnten irregulären Seeigel, die sich schon auf den ersten Blick von den regulären Seeigeln unterschieden. Sie sind deutlich flacher, die Stacheln sind stark reduziert und die Symmetrie ist (sekundär) eine andere. Ihr Skelett ist weiß bis braun und hat eine fünfstrahlige Musterung auf der Oberfläche des Gehäuses. After und Mundöffnung liegen nicht an der Ober- und Unterseite, sondern vorne und hinten. Ihr Lebensraum sind sandige Meeresböden.

Gehäuse eines irregulären Seeigels  / Foto: Alicia Ackermann

Irregulärer Seeigel  / Foto: Christina Braoun

Ist ein Seeigelstich gefährlich?

Nur wenige Seeigelarten im Mittelmeer sind giftig, und hier bei uns findet man beim Schnorcheln nur eine giftige Art: den Violetten Seeigel (Familie Toxopneustidae). Aber auch vor diesem brauchen wir uns nicht zu fürchten, denn seine winzig kleinen Giftzangen (Pedicellarien) liegen tiefer als seine Stacheln,  sodass sie uns kaum erreichen können. Außerdem schaffen es die kleinen Zangen nicht, menschliche Haut zu durchdringen. Fasst oder tritt man jedoch in einen Seeigel, brechen die Stacheln ab und bleiben in der Haut stecken. Giftig sind sie nicht, aber sie tun weh. Die Stacheln sollte man entfernen und die Wunde versorgen, damit sie sich nicht entzündet.

Umweltschutz: Wie geht es eigentlich den Seeigeln?

Seeigel haben ein Problem: Überfischung. Denn ihre  Gonaden (Geschlechtsdrüsen) gelten in vielen Regionen als Delikatesse. Von der Überfischung ist vor allem der Schwarze Seeigel betroffen.

Quellen:

  • Kursmaterial des MareMundi Instituts Krk
  • Körner, Helge: Planktontafeln Mittelmeer (Planktonorganismen auf 10 Tafeln) – eine Orientierungshilfe im Zooplankton des Mittelmeers/ Helge Körner. Aachen: Shaker, 1999 (Berichte aus der Biologie)


Bericht: Emma Hense
Redaktion: Christina Widmann, Helmut Wipplinger
Fotos: Alicia Ackermann, Christina Braoun, Emma Hense, Filip Šetena,