Wenn man fragt, was die größte Bedrohung für Weihnachten ist, denken die meisten Menschen an den Grinch oder vielleicht an Coca-Cola. Für die Weihnachtsinsel jedoch ist die Bedrohung realer und weit gravierender: der Klimawandel. Die Vereinten Nationen prognostizieren, dass der Inselstaat Kiribati in den nächsten 30 bis 40 Jahren durch den Meeresspiegelanstieg, die Versalzung der Süßwasservorräte und zunehmende Überflutungen unbewohnbar werden könnte.

Mitten im zentralen Pazifischen Ozean, weit entfernt von großen kontinentalen Landmassen, liegt Kiritimati (ausgesprochen „Kee-ri-ti-ma-ti“ in der lokalen kiribatischen Sprache). International ist die Insel auch als Weihnachtsinsel bekannt. Diesen Namen erhielt sie, nachdem der britische Seefahrer James Cook Kiritimati am Heiligabend des Jahres 1777 sichtete und kartierte. Kiritimati gehört zur Republik Kiribati und ist mit einer Landfläche von rund 388 km² das größte Korallenatoll der Erde. Aufgrund ihrer isolierten Lage, ihrer geringen lokalen menschlichen Belastung und ihrer außergewöhnlich ausgedehnten Korallenriffe gilt Kiritimati als bedeutender Hotspot für die Meeres- und Klimaforschung. Gleichzeitig macht genau diese Abgeschiedenheit die Insel besonders verwundbar gegenüber den Folgen des Klimawandels.

Steigende Wassertemperaturen

Korallenriffe reagieren äußerst empfindlich auf Veränderungen der Meerestemperatur. Bereits eine länger andauernde Erwärmung von 1–2 °C über dem jahreszeitlichen Mittel kann zu Korallenbleichen führen. Dabei stoßen die Korallen ihre symbiotischen Algen (Symbiodiniaceae) ab, die ihnen normalerweise Energie durch Photosynthese liefern. Ohne diese Symbiose verlieren die Korallen nicht nur ihre Farbe, sondern auch ihre wichtigste Energiequelle.

Ein besonders drastisches Ereignis war das starke El-Niño-Phänomen der Jahre 2015–2016. Während dieser Phase erreichten die Wassertemperaturen im zentralen Pazifik außergewöhnlich hohe Werte. Auf Kiritimati ging die lebende Korallenbedeckung um 89 % zurück, der stärkste jemals auf dem Atoll dokumentierte Rückgang. In vielen Riffbereichen kam es zu großflächigen Korallensterben. Zwar zeigten einige Riffe in den Folgejahren erste Anzeichen von Erholung, doch die Regeneration verläuft langsam und ungleichmäßig, und wiederholte Hitzewellen erhöhen das Risiko dauerhafter Schäden.

Im Juli 2015 begann die Korallenbleiche bei großen Plattenkorallen (Acropora) auf Kiritimati / Foto: Kristina Tietjen. Baum Lab, University of Victoria

Im August 2025, zehn Jahre nach dem starken El-Niño Phänomen zeigen sich manche Riffe auf Kiritimati wieder erholt / Foto: Mareike de Breuyn. Baum Lab, University of Victoria

Anstieg des Meeresspiegels und Küstendynamik

Als niedrig gelegener Inselstaat ragt der Großteil der Landfläche Kiribatis nur wenige Meter über den Meeresspiegel hinaus. Der fortschreitende globale Meeresspiegelanstieg, verursacht durch die thermische Ausdehnung der Ozeane sowie das Abschmelzen von Gletschern und polaren Eisschilden, stellt daher eine existenzielle Bedrohung für das Land dar. Bereits geringe Anstiege des Meeresspiegels können erhebliche Folgen haben: Küstenerosion nimmt zu, schmale Landstreifen verlieren an Stabilität und tiefliegende Gebiete werden häufiger überflutet. Gleichzeitig dringt Salzwasser verstärkt in die flachen Süßwasserlinsen ein, die für die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung unerlässlich sind. Diese Prozesse gefährden nicht nur natürliche Ökosysteme, sondern auch Siedlungen, Infrastruktur und die langfristige Bewohnbarkeit vieler Inseln Kiribatis.

Veränderungen mariner und terrestrischer Ökosysteme

Die Auswirkungen des Klimawandels beschränken sich nicht nur auf die Korallen selbst, sondern betreffen das gesamte Ökosystem. Korallenriffe bilden die strukturelle Grundlage für eine hohe marine Biodiversität. Wenn Riffe degradiert werden, verlieren zahlreiche Fischarten ihre Laich-, Schutz- und Nahrungsgebiete. Dies kann zu einer Abnahme der Fischbestände führen und damit auch die Nahrungsgrundlage für die lokale Bevölkerung beeinträchtigen.

Darüber hinaus wirken sich Veränderungen in den Riffökosystemen auf höhere trophische Ebenen aus. Seevögel, die auf Kiritimati in großer Zahl brüten, sind eng mit dem marinen Nahrungsnetz verknüpft. Veränderungen in der Fischverfügbarkeit oder im Plankton können sich somit auch auf ihre Brut- und Überlebensraten auswirken. Selbst kleine Verschiebungen von Temperatur, Nährstoffverfügbarkeit oder Strömungsmustern können die empfindliche Balance dieser eng gekoppelten Ökosysteme nachhaltig stören.

Der Rotfußtölpel (Sula sula) ist auf Kiritimati ein häufiger Brutvogel. Er nutzt die abgeschiedenen Sandbänke sowie die niedrige Vegetation des Atolls als Nistplätze und ist eng an die produktiven marinen Nahrungsnetze der umliegenden Korallenriffe gebunden / Foto: Mareike de Breuyn. Baum Lab, University of Victoria

Forschung in einem  natürlichen Labor

Aufgrund der extremen Klimaereignisse der letzten Jahrzehnte wird Kiritimati heute häufig als „natürliches Labor“ betrachtet. WissenschaftlerInnen untersuchen hier, wie Korallen und ihre mikrobiellen Gemeinschaften auf wiederholten Hitzestress reagieren und ob es Mechanismen der Anpassung oder Akklimatisierung gibt. Langzeitstudien des Baum Lab’s der University of Victoria (Kanada), analysieren die Erholungsprozesse der Riffe nach Korallenbleichen und identifizieren Faktoren, die die Widerstandsfähigkeit einzelner Riffabschnitte erhöhen. Diese Forschung liefert wichtige Erkenntnisse darüber, welche Bedingungen Korallen helfen könnten, zukünftige Hitzewellen zu überstehen. Solches Wissen ist entscheidend für die Entwicklung effektiver Schutz-, Management- und Restaurationsstrategien für Korallenriffe weltweit.

Ein Forschungstaucher des Baum Lab’s erstellt Unterwasseraufnahmen für ein sogenanntes MPQ (Mega Photo Quadrat), eine standardisierte Methode zur detaillierten Erfassung der Korallenbedeckung und Riffstruktur. / Foto: Mareike de Breuyn. Baum Lab, University of Victoria

Ein Symbol globaler Verantwortung

Kiritimati steht exemplarisch für viele kleine Inselstaaten, die nur minimal zum globalen Treibhausgasausstoß beitragen, aber besonders stark von den Folgen des Klimawandels betroffen sind. Die Veränderungen, die hier bereits heute sichtbar sind, geben einen Ausblick auf die möglichen Zukunftsszenarien tropischer Küsten- und Meeresökosysteme weltweit. Der Schutz der Weihnachtsinsel ist deshalb nicht nur eine lokale, sondern eine globale Herausforderung. Entscheidend ist, die globale Erwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen: Klimamodelle zeigen, dass bereits bei einer Erwärmung von 2 °C ein nahezu vollständiger Verlust der weltweiten Korallenriffe droht. Bei 1,5 °C könnten noch Teile der Riffe überleben, während häufigere und intensivere marine Hitzewellen bei 2 °C die Anpassungsfähigkeit der Korallen überfordern und ihr großflächiges Aussterben verursachen würden.

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Quellen:

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Cumming, G. S., James, N. L., Chua, C. M., & Huertas, V. (2024). A framework and review of evidence of the importance of coral reefs for marine birds in tropical ecosystems. Ecology and Evolution, 14(8), e70165. https://doi.org/10.1002/ece3.70165

Fiertz et al. 2022. CORVI Risk Assessment: Tarawa, Kiribati https://www.stimson.org/2022/corvi-risk-profile-tarawa-kiribati/

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Mehr Informationen und aktuelle wissenschaftliche Publikationen zur Meeres‑ und Korallenriff‑Forschung auf Kiritimati: https://kiritimati.weebly.com/



Bericht: Mareike de Breuyn
Redaktion: Julian Robin
Fotos: Mareike de Breuyn, Kristina Tietjen

Veröffentlicht am 29.01.2026