
Pottwalmutter mit Kind / Foto: Gabriel Barathieu, CC BY-SA 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0>, via Wikimedia Commons
Viele Menschen sind von der Vorstellung fasziniert, dass die Tiefen des Ozeans mit Sinn und kontextgefüllten Stimmen erfüllt sind. Um zu erkunden, inwiefern diese Vorstellungen erfüllt oder sogar übertroffen werden, lade ich euch ein zu einer Reise in die dunklen, aber vor Leben aller Art vibrierenden Tiefen unserer Welt. Pottwale, diese majestätischen Herrscher der Tiefsee, kommunizieren auf eine Weise, die weit über das hinausgeht, was wir mit Alltagsgesprächen verbinden. Ihre Sprache ist eine Kunst der Kontextualität und Kombinatorik: Oberflächlich betrachtet ist sie eine Folge von Klicklauten, die jedoch je nach Umgebung, Motivation des Aussenders und sozialer Beziehung zu den Empfängern ihre Bedeutung verändern kann. Hierfür nutzen sie ununterbrochen eine komplexe Mischung aus verschiedenen Codierungsoptionen wie Klickintervallen, Rhythmus, Tonhöhe und Tempo, um Informationen zu verschlüsseln, Geschichten zu erzählen und Beziehungen zu knüpfen. Was für das menschliche Ohr zunächst nur wie ein rätselhaftes Echo klingt, offenbart sich bei näherer Beobachtung als hochgradig strukturierte Kommunikation, die in der Tiefe des Ozeans Sinn erzeugt und gemeinschaftliche Handlungen koordiniert.
Die physiologischen Besonderheiten, die Pottwale im Laufe ihrer Evolutionsgeschichte entwickelt haben, sind mindestens ebenso faszinierend wie die Kultur, die daraus erwachsen ist. Pottwale erzeugen ihre charakteristischen Klicklaute in einem hochspezialisierten akustischen System in ihren Köpfen. Diese Lauterzeugung beginnt in den Nasengängen, wo Luft durch sogenannte Schalllippen gepresst wird – eine evolutionsgeschichtlich umgewandelte Struktur des rechten Nasenlochs. Dadurch entstehen kurze, teils sehr energiereiche Schallimpulse. Das sogenannte Spermaceti-Organ spielt dabei eine zentrale Rolle: ein mit öl- und wachsartigen Lipiden gefüllter Hohlraum, der einen Großteil des enormen Kopfvolumens dieser Tiere einnimmt. Dieses Organ wirkt als akustische Linse und Resonanzkörper und funktioniert folgendermaßen: Die Klicklaute werden im Spermaceti-Organ gebündelt, verstärkt und fokussiert. Durch die variierende Dichte des Gewebes und die Form des Organs wird der Schall stark gebündelt – ähnlich wie Licht in einer optischen Linse. Diese extreme Richtwirkung erlaubt Pottwalen eine präzise Echoortung zur Orientierung und Jagd, selbst in vielen tausend Metern Tiefe, die niemals vom Licht der Sonne erreicht werden.

An der Wasseroberfläche sehen Pottwale von der Ferne oft aus wie herumtreibende Baumstämme. Foto: Helmut Wipplinger / Azoren
Diese Echoortungs-Klicks sind strikt von jenen Klickmustern zu unterscheiden, die der Kommunikation dienen. Für kommunikative Zwecke verwenden Pottwale nicht nur einfache Signale, sondern kompakte Muster, die sich zu langen, harmonischen Sequenzen verbinden können. Diese Sequenzen sind nicht bloß eine Folge von Geräuschen; sie sind reich an Bedeutungen, tragen historische Spuren der Gruppenidentität und fungieren als Gedächtniswerkzeuge der Kultur. Es geht nicht nur darum, was gesagt wird, sondern auch darum, wer, wann, wo und warum spricht. Die gleiche Lautfolge kann in einem bestimmten Kontext eine Bedeutung haben, die in einem anderen Kontext völlig anders verstanden wird. So erzeugen Pottwale eine flexible, interpretierbare Grammatik, die an die Vielschichtigkeit ihrer subjektiven Erfahrungen angepasst ist.
Darüber hinaus offenbart sich die Stärke ihrer Sprache in der Kunst der Wiederholung und der Variation. Durch wiederkehrende Muster innerhalb ihrer gemeinsamen Sprache bauen sie kollektives Wissen auf: Sie erinnern sich an sichere Wanderwege, gute Jagdgründe, an Veränderungen in den Meeresströmungen und an Gefahren, die teils weit zurückliegen. Gleichzeitig ermöglicht Variabilität neue Bedeutungen, indem kleine Modifikationen an einem Signalstrang neue Informationen transportieren. Diese Fähigkeit zur Kombination und Neukomposition von Lautfolgen schafft eine Kultur, die über Generationen hinweg weitergegeben wird – eine kulturelle Linie, die durch Klang und Kontext gezeichnet ist. Die Pottwal-Kultur zeigt, wie Sprache nicht nur Kommunikation, sondern auch Identität, Kooperation und gemeinsames Lernen ermöglicht.

Ein junger Pottwal beim Spielen. Foto: Helmut Wipplinger / Azoren
Die sichtbarste Ausprägung dieser Kultur zeigt sich in der äußerst vielschichtigen Sozialstruktur der Tiere. Pottwale verbringen ihr Leben eingebettet in eine detailreiche Gesellschaftsordnung, deren größte Einheit ein sogenannter Clan ist, der aus bis zu 20.000 Tieren bestehen kann. Innerhalb dieser Clans sprechen die Wale die gleichen Dialekte und sind über soziale Bande eng miteinander verbunden. Die Clans lassen sich in zahlreiche Familiengruppen untergliedern. Diese engen sozialen Einheiten bestehen weitgehend aus weiblichen Tieren und sehr jungen Männchen. Erwachsene männliche Pottwalbullen verlassen ab einem bestimmten Alter – wenn auch eher unfreiwillig – ihre Familien und führen ihr Leben weitgehend als Junggesellen. Sie schließen sich nur zur Paarung zeitweise den weiblich dominierten Familien-Clans an. Auf diese Weise wird Inzest verhindert und zugleich ein genetischer Austausch auf globaler Ebene ermöglicht.
Die Entscheidungsfindung innerhalb einer Gruppe dieser gemeinschaftlich lebenden Tiere basiert neuesten Erkenntnissen zufolge eher auf Konsens als auf einer stark ausgeprägten hierarchischen Machtstruktur. Beobachtungen zeigen, dass eine Gruppe von Pottwalen über eine Kursänderung mitunter länger als eine Stunde „diskutiert“ – so lange dauert der akustische Austausch, der dieser Entscheidung vorausgeht.
Doch wie funktioniert die Sprache der Pottwale im Detail? Wie schaffen sie es, sich mit Hilfe von Klicks in der ewigen Finsternis der Tiefsee zu orientieren? Wie erzeugen sie durch Klicks Kultur? Obwohl Pottwale ihr bioakustisches System heute nahezu ununterbrochen nutzen, um miteinander zu kommunizieren, hat es sich in ihrer Evolutionsgeschichte vorwiegend aus der Echoortung entwickelt. Diese ermöglichte es ihnen, in den dunklen Tiefen der Meere nach Beute zu jagen. Jeder kurze, hoch zielgerichtete Breitband‑Echoortungs-Klick dient dazu, sich ein genaues dreidimensionales Bild einer Umgebung zu machen, die niemals von Licht erreicht wird. Diese Klicks werden ausschließlich bei der Beutejagd während der Tauchgänge eingesetzt und können bei ausgewachsenen Pottwalbullen Lautstärken von bis zu 230 Dezibel erreichen. Damit sind sie lauter als ein Düsentriebwerk oder eine startende Rakete. Wie bereits angedeutet, unterscheiden Pottwale sehr konsequent zwischen Klickmustern, die der Jagd dienen, und jenen, die kommunikative Zwecke erfüllen. Die markerschütternden Echoortungs-Klicks spielen bei der direkten Kommunikation keine Rolle.

Pottwale haben nur ein einziges stark nach links versetztes Nasenloch. Dadurch sind sie an ihrem schrägen Blas auch gut von anderen Walen zu unterscheiden. Foto: Helmut Wipplinger / Azoren
Für soziale Kommunikation verwenden die Wale kürzere Folgen deutlich leiserer Klicks, die sich zu sich wiederholenden Mustern – den sogenannten Codas – zusammenfügen lassen. Ein typischer Coda besteht aus 2 bis 40 unidirektionalen Breitband-Klicks, die weniger als zwei Sekunden andauern und unter anderem spezifische und komplexe Informationen über die Identität eines Tieres codieren. Das ist eine unerlässliche Fähigkeit, um sich innerhalb der hochstrukturierten und vielschichtigen Pottwalgesellschaft gegenseitig zu erkennen. Zahlreiche Dialekte dieser klickbasierten Pottwalsprache wurden in verschiedenen Meeresregionen identifiziert. So variieren diese Dialekte beispielsweise zwischen Pottwalpopulationen im Pazifischen, Atlantischen und Indischen Ozean und trennen damit auch kulturell unterschiedliche Tierpopulationen voneinander.
Wie schaffen es diese Tiere nun, mit Hilfe dieser oberflächlich betrachtet simplen Klickmuster ein nahezu unbegrenztes Codierungssystem für Informationen zu erzeugen? Indem man die einzelnen Klicks eines jeden Codas hochpräzise zeitlich aufgelöst hat, konnte dieses Rätsel zumindest teilweise gelüftet werden. Dank moderner Forschungen wurden mindestens vier verschiedene Codierungsoptionen entdeckt, die diese Tiere nutzen, um ihrer Sprache eine hohe Informationsdichte und Tiefe zu verleihen. Diese Optionen wurden mit den englischen Bezeichnungen Tempo, Rhythm, Ornamentation und Rubato beschrieben. Sie verleihen der Pottwalsprache etwas, das wir bei menschlichen Sprachen als Semantik bezeichnen – sie dienen also der Zuordnung spezifischer Bedeutungen zu bestimmten Lautfolgen.
Mit Tempo meinen die Forschenden die Gesamtlänge eines gegebenen Codas, die durch den Wal moduliert werden kann – vor allem durch den zweiten Mechanismus, den Rhythm. Durch diesen Rhythmus können Pottwale die winzigen Zeitspannen zwischen den einzelnen Klicks eines Codas (Inter-Klick-Intervalle) verändern oder zusätzliche Klicks zu bestehenden Codas hinzufügen (Ornamentation). Zusätzlich können sie nicht nur die Gesamtlänge eines Codas steuern, sondern auch die Dauer einzelner Klickfolgen innerhalb eines Codas variieren.

In den Mägen erlegter Pottwale fand man oft Tintenfisch- oder Kalmar-Schnäbel, ihrer bevorzugten Beute. Foto: Helmut Wipplinger / Azoren, Faial, Walfangmuseum
Diese Details der Pottwalsprache wurden nicht willkürlich in die Forschung hineininterpretiert, sondern empirisch nachgewiesen. Pottwale verwenden alle diese Mechanismen während sozialer Interaktionen aktiv und bewusst. Damit erzeugen sie nicht nur komplexe sprachliche Muster, sondern schaffen auch die Grundlage ihrer millionen Jahre alten, hochkomplexen Kultur. Berechnungen legen nahe, dass die theoretischen sprachlichen Codierungsmöglichkeiten der Pottwalsprache diejenigen menschlicher Sprachen sogar übertreffen. Wir wissen zwar noch nicht im Detail, in welchem Ausmaß diese einzigartigen Tiere dieses enorme Potenzial tatsächlich ausschöpfen, doch wir beginnen zu verstehen, mit welcher komplexen, nicht-menschlichen Hochkultur wir diesen Planeten teilen. Und im Gegensatz zu uns Menschen, deren sprachliche Fähigkeiten erst vor wenigen Zehntausend Jahren ihre Hochblüte erreichten, existieren Sprache und Kultur dieser Tiere bereits seit Millionen von Jahren.
Diese Erkenntnisse lassen die Gräuel der Walfangära rückblickend noch monströser erscheinen. Wir haben nicht nur einen Krieg gegen hochsensible, leidensfähige und ökologisch bedeutende Lebewesen geführt, sondern auch ganze Pottwalfamilien und Millionen Jahre alte kulturelle Informationen ausgelöscht. Schließlich wurden die globalen Pottwalbestände nahezu vernichtet – für Banalitäten wie Lampenöl, Kosmetik, Maschinenöl oder Haustierfutter.

Beim „socialising“ – meist in Familiengruppen aus Weibchen und Jungtieren – reiben sich die Tiere oft aneinander und kommunizieren mit Codas. Foto: Helmut Wipplinger / Azoren
Das Schlusswort gehört dem amerikanischen Ökologen und Umweltschützer Carl Safina, der seinen Appell überaus vielsagend formuliert und uns damit zugleich ins Gewissen redet:
„Für sie (Wale) ist das pure Sein genug. Für uns, in unserer isolierenden Entfremdung und unserem Rückzug vom Leben, reicht nichts mehr aus. Es ist merkwürdig, wie unzufrieden wir darauf bestehen zu sein, während da so viel von dieser Welt ist, was es zu wissen und zu lieben gibt.“
Wie entstehen in den Tiefen Bedeutungen? Welche Rolle spielen Kognitionsprozesse, Gedächtnis und soziale Interaktion bei der Entstehung sprachlicher Struktur? Und wie lässt sich dieses einzigartige Zusammenspiel aus Kontext, Kombination und Kultur so beschreiben, dass auch Menschen in die lebendige Welt der Pottwale und anderer Tiere eintauchen können? Diese Fragen sind nicht leicht zu beantworten, doch indem wir die Sprache der Pottwale als integrale Komponente ihrer Kultur verstehen und erforschen, gewinnen wir tiefere Einblicke in eine faszinierende Spezies. Dabei lernen wir selbst mehr über die universellen Grundlagen von Sprache, Kooperation und kollektiver Intelligenz. Pottwale stehen uns bei unserer eigenen menschlichen Suche nach mehr Sinn erstaunlich nahe …
Quellen:
– Contextual and combinatorial structure in sperm whale vocalisations; Jacob Andreas et al. 2024; nature communications
– Toward understanding the communication in sperm whales; Robert J. Wood et al. 2022; CellPress
– Becoming Wild; Carl Safina

Pottwal vor dem Abtauchen. Foto: Helmut Wipplinger / Azoren
Bericht: Rouven Metternich
Redaktion: Helmut Wipplinger
Fotos: Gabriel Barathieu, Helmut Wipplinger
Veröffentlicht am 20. Februar 2026
