Oktopus Zeichnung von unserem Vorstandsmitglied Elena Turac, siehe auch ouraniaart.com

Das Genie im Meer: Warum Oktopusse so klug sind – und was ihre Zellen damit zu tun haben

Eine Geschichte, die alles sagt:

Im Mai 1873 standen die Pfleger des Aquariums im englischen Brighton vor einem Rätsel: Aus einem Becken verschwanden immer wieder junge Seehasen – spurlos. Die Auflösung fand der Naturforscher Henry Lee eines Morgens im Fischbecken selbst: Dort saß ein Krake, der nachts aus seinem eigenen Becken geklettert war, um sich am Nachbarbecken zu bedienen. In späteren Nacherzählungen kehrt der achtarmige Dieb nach seinem Beutezug sogar seelenruhig in sein eigenes Becken zurück – ob das stimmt, ist nicht belegt. Aber schon die verbürgte Version zeigt, wozu diese Tiere fähig sind.

Ein modernes, gut dokumentiertes Beispiel ist die Flucht des Oktopus Inky im Jahr 2016. Er schlüpfte im National Aquarium of New Zealand durch einen Spalt am oberen Beckenrand, kroch über den Boden und entkam vermutlich durch ein rund 50 m langes Abflussrohr ins Meer.

Acht Arme, ein gewaltiges Gehirn

Oktopusse sind Weichtiere (Mollusca) – also näher verwandt mit Schnecken und Muscheln als mit uns Menschen oder anderen scheinbar intelligenten Lebewesen. Und doch besitzen sie ein Nervensystem, das in seiner Komplexität dem kleiner Primaten entspricht. Während ein Mensch rund 86 Milliarden Neurone (Nervenzellen) im Gehirn hat, verfügen Oktopusse über mehrere Hundert Millionen Nervenzellen – verteilt nicht nur im zentralen Gehirn, sondern auch in ihren acht Armen. Es handelt sich gewissermaßen um einen Geist im ganzen Körper, während unser Gehirn im Kopf sitzt und alles steuert, ist das Nervensystem des Oktopus über seinen ganzen Körper verteilt. Zwei Drittel seiner Neuronen sitzen in den Armen. Jeder Arm kann quasi „für sich selbst denken“, schmecken und entscheiden. Das macht Oktopusse zu Meistern der Improvisation: Sie lösen Probleme, öffnen Schraubgläser, erkennen menschliche Gesichter und zeigen sogar etwas, das wir nur als Persönlichkeit bezeichnen können. Doch wie ein so hochkomplexes Nervensystem bei einem Tier entstand, das evolutionär so weit von uns entfernt ist – ist nach wie vor eines der großen Rätsel der Biologie, doch scheinbar sind wir der Lösung mal wieder einen Schritt nähergekommen.

Der Kokosnussoktopus (Amphioctopus marginatus)  nutzt leere Muschelschalen als mobilen Unterschlupf. Er trägt die Schalen mit sich und setzt sie bei Gefahr zu einer schützenden Kammer zusammen. Dieses Verhalten gilt als eines der wenigen dokumentierten Beispiele für Werkzeuggebrauch bei wirbellosen Tieren (Finn et al., 2009). Foto: Helmut Wipplinger

Eine zufällige Entdeckung verändert alles

Forscher der Harvard University und des Dana-Farber Cancer Institute machten im Jahr 2026 eine überraschende Entdeckung – und das fast zufällig. Während sie routinemäßig RNA aus Oktopusgewebe extrahierten, bemerkten sie etwas Ungewöhnliches: Eine bestimmte molekulare Struktur im Inneren der Zelle war bei Oktopussen anders als bei allen anderen bisher untersuchten Tieren auf der Erde. Die Rede ist von Ribosomen – den winzigen Proteinfabriken in jeder lebenden Zelle. Ribosomen lesen den genetischen Bauplan einer Zelle, der in Form von RNS-Molekülen aus dem Zellkern herausgeschleust wird und bauen daraus Proteine – also jene Moleküle, die schlussendlich so etwas wie die funktionellen Einheiten unserer Körper sind. Sie sind so fundamental für das Leben, dass ihre Kernstruktur seit Milliarden von Jahren in nahezu allen Lebewesen nahezu identisch geblieben ist. Bei Bakterien, Pilzen, Fischen, Säugetieren – überall besteht und arbeitet dieselbe Grundkonstruktion. Nur beim Oktopus scheint es etwas komplizierter zu sein.

Der Bruch, der alles verändert

Die Forscher entdeckten, dass das Erbgut der Oktopusse eine einzigartige strukturelle Veränderung in einem zentralen Bauteil des Ribosoms aufweist: einen sogenannten „Bruch“ in der ribosomalen RNA – genauer gesagt in einer Region namens Helix 88. Man kann sich das vorstellen wie ein Sollbruch in einer Maschine, der diese – paradoxerweise – präziser und zuverlässiger macht.

Dieser Bruch existiert in keinem anderen bekannten Tier. Nicht bei Kalmaren und Sepien, nicht bei Menschen, nicht bei Würmern oder Schnecken. Nur bei den sogenannten Incirrata – jener Gruppe von Oktopussen, die überwiegend in flachen, reichen Küstengewässern lebt und über besonders komplexe Nervensysteme verfügt. Oktopusse aus der Tiefsee, die sogenannten Cirrata, haben diesen Bruch übrigens nicht – und sie haben auch deutlich einfachere Nervensysteme.

Genauer, schneller, klüger – dank besserer Proteinfabriken?

Aber was bewirkt dieser Bruch eigentlich? Die Antwort ist faszinierend.

Ribosomen können beim Zusammenbauen von Proteinen Fehler machen – sie bauen die falschen Bausteine (Aminosäuren) ein, was zu fehlerhaften Proteinen führt. Fehlerhafte Proteine verklumpen sich gerne zu sogenannten Aggregaten, die Zellen und damit auch Gewebe schädigen können – ähnlich wie bei Alzheimer oder Parkinson beim Menschen.

Die Oktopus-Ribosomen mit ihrem einzigartigen Bruch machen deutlich weniger solcher Fehler. Wissenschaftlich gesprochen: Sie übersetzen den genetischen Code mit einer höheren Treue (Fidelität). In Laborversuchen zeigte sich, dass Oktopus-Ribosomen genauer arbeiten als jene von Tintenfischen, Meeresschnecken – und sogar als menschliche Ribosomen. Die Konsequenz: Im Nervengewebe von Oktopussen finden sich erheblich weniger dieser schädlichen Proteinverklumpungen als bei allen anderen untersuchten Tieren.

Das Beeindruckende: Als Wissenschaftler diesen Bruch experimentell in die Ribosomen von E. coli-Bakterien einbauten, wurden auch diese plötzlich präziser. Der Effekt steckt also tatsächlich im Bruch selbst.

Gemeiner Krake (Octopus vulgaris) bei der Jagd. Der Krake hat seine Arme samt der dazwischenliegenden Hautmembran schirmartig über eine Felsspalte gespannt. Mit dieser „Netz“-Technik schneidet er möglichen Beutetieren wie Krebsen oder kleinen Fischen den Fluchtweg ab und tastet die Hohlräume darunter mit den Armspitzen ab. Die blasse, bläulich-weiße Färbung mit gelblichen Flecken zeigt, wie schnell Kraken ihr Erscheinungsbild über Chromatophoren in der Haut verändern können. Aufnahmeort Krušija-Kanal bei Krk, Nacht. Foto: Helmut Wipplinger

Das doppelte Genie: RNA-Editierung und Hochpräzisions-Ribosomen

Oktopusse haben noch einen weiteren molekularen Trick auf Lager, der in der Tierwelt seinesgleichen sucht: Sie betreiben in einem extremen Ausmaß sogenannte RNA-Editierung. Das bedeutet, sie können ihre eigene Erbgut-„Gebrauchsanweisung“ im laufenden Betrieb umprogrammieren – an bis zu 130.000 Stellen in proteincodierenden Genen. Das erlaubt ihnen, ihre Proteine blitzschnell an neue Umgebungsbedingungen anzupassen, ohne das eigentliche Erbgut zu verändern.

Das Problem: Diese massenhafte Umprogrammierung produziert ungewöhnliche Botschaften für die Ribosomen, die bei anderen Tieren zu Fehlern, Proteinstau und Zellstress führen würden. Beim Oktopus nicht – denn seine hochpräzisen Ribosomen können auch diese „editierten“ Nachrichten sauber und fehlerfrei lesen. Die beiden Systeme ergänzen sich perfekt: RNA-Editierung für maximale Flexibilität, Hochpräzisions-Ribosomen für maximale Zuverlässigkeit.

Dieser Synergieeffekt könnte der Schlüssel dazu sein, wie der Oktopus ein so außergewöhnlich komplexes Nervensystem entwickeln konnte – trotz einer Evolutionsgeschichte, die grundlegend anders verlief als bei Wirbeltieren.

Evolution auf eigene Faust

Das alles macht die Oktopusse zu einem der spannendsten Beispiele für das, was Biologen konvergente Evolution nennen: Komplexe Intelligenz entstand unabhängig voneinander auf völlig verschiedenen evolutionären Wegen. Unsere eigene Intelligenz baute auf sozialen Strukturen und über Jahrmillionen akkumulierten Genomveränderungen auf. Die Intelligenz der Oktopusse hingegen scheint nicht nur auf Genmutationen zu beruhen, sondern auf einer einzigartigen Kombination aus molekularen Innovationen – einer Art „Hochrüstung“ der grundlegendsten Zellmaschinerie.

Und das Besondere: Dieser Prozess verlief bei Oktopussen nicht durch ein üppig verändertes Erbgut, sondern durch eine gezielte, elegante Modifikation in einer der ältesten Molekülmaschinen des Lebens überhaupt.

„Das ist wahrscheinlich das, was einer Begegnung mit einem intelligenten Außerirdischen am nächsten kommt“   Peter Godfrey-Smith (Philosoph und Taucher)

Wunderpus (Wunderpus photogenicus). Charakteristisch sind die langen, dünnen Arme mit scharf abgesetzter brauner und weißer Bänderung sowie die markant erhöhten Augen, die wie kleine Hörner über den Körper ragen. Das weiße Fleckenmuster auf Kopf und Mantel ist bei jedem Tier individuell verschieden und erlaubt es Forschenden, einzelne Exemplare auf Fotos wiederzuerkennen. Foto: Helmut Wipplinger

Oktopusse zwingen uns in vielerlei Hinsicht dazu althergebrachte scheinbare Wahrheiten in Frage zu stellen, zum einen durch ihre Intelligenz aber auch durch eine weitere faszinierende Eigenschaft, ihr Sehvermögen. Genetisch betrachtet müssten diese Tiere komplett Farbenblind sein, da sie nur über einen einzigen Photorezeptor-Typen verfügen. Und doch weiß jeder, der auch nur einmal gesehen hat wie Oktopusse dazu in der Lage sind innerhalb von Sekundenbruchteilen die genauen Farben ihrer Umgebung anzunehmen (sei es um sich zu tarnen oder auch um mögliche Angreifer oder Rivalen einzuschüchtern), dass dies nicht das Ende der Geschichte sein kann. Eine Hypothese von Stubbs & Stubbs (2016) erklärt das Oktopusse dank der Nutzung eines physikalischen Prinzips namens chromatische Aberration dazu in der Lage sind. Licht das durch eine Linse fällt, wird gebrochen. Jedoch hängt die Intensität der Brechung von der Wellenlänge des jeweiligen Lichts ab, weil blaues Licht stärker abgelenkt wird als rotes Licht, treffen die verschiedenen Farben des Spektrums nicht alle am selben Punkt auf der Netzhaut auf. Wenn das Auge des Oktopus auf eine bestimmte Wellenlänge scharf stellt (zum Beispiel Rot), verschwimmen andere Farben (wie Blau oder Grün) und erzeugen damit einen unscharfen Rand. Das außergewöhnliche Gehirn des Oktopus berechnet aus dieser gezielten Unschärfe, um welche Farbe es sich jeweils handelt. Unterstützt wird das Ganze durch ihre einzigartigen, hantel- oder U-förmigen Pupillen. Diese extrem weiten Pupillen verstärken den Effekt der chromatischen Aberration absichtlich. Der Oktopus verändert einfach den Abstand seiner Linse zur Netzhaut (er fokussiert also hin und her), scannt die Unschärfe und weiß dadurch blitzschnell, welche Farbe vor ihm liegt. Und das alles wie bereits erwähnt mit nur einem Photorezeptor-Typen.

Großer Blauer Krake (Octopus cyanea) – zwei Tiere bei der Paarung. Das Männchen streckt seinen speziell umgebildeten Begattungsarm, den Hectocotylus, zum Weibchen hinüber und überträgt damit Spermienpakete in dessen Mantelhöhle. Beide Tiere haben ihre Hautpapillen aufgestellt und tragen eine fleckige Tarnfärbung, mit der sie fast mit dem bewachsenen Untergrund verschmelzen. Octopus cyanea ist im Indo-Pazifik weit verbreitet und im Gegensatz zu vielen anderen Kraken vor allem tagsüber aktiv, daher auch der englische Name „Day Octopus“. Foto: Helmut Wipplinger

Was bedeutet das für uns?

Die Entdeckung der Forscher aus Harvard ist nicht nur für Oktopus-Fans aufregend. Sie eröffnet völlig neue Fragen: Könnten ähnliche Ribosomen-Innovationen auch in anderen Tieren mit ungewöhnlichen kognitiven Fähigkeiten verborgen sein? Könnte ein besseres Verständnis dieser Hochpräzisions-Proteinmaschinen helfen, Krankheiten zu bekämpfen, bei denen Proteinverklumpungen eine Rolle spielen – wie Alzheimer, Parkinson oder ALS?

Der Oktopus, dieses fremdartige Wesen aus den unermesslichen Weiten unserer Ozeane, könnte uns nicht nur staunen lassen über die Vielfalt des Lebens und der vielfältigen Wege die es einschlagen kann – er könnte uns auch zeigen, welche molekularen Pfade der Evolution bei der Erschaffung und Formung von Lebewesen noch möglich sind.

„Ein Oktopus ist wie flüssiges Leben. Er hat keine feste Form, er fließt durch das Meer wie ein Gedanke durch den Kopf.“

Quelle:
Mitra, Han, Scott et al.
(2026): „Evolution of a core ribosomal innovation in octopus.“ Current Biology 36, 4059–4068. 

https://doi.org/10.1016/j.cub.2026.07.008

Stubbs A., Stubbs C. (2016): „Spectral discrimination in color blind animals via chromatic aberration and pupil shape“ PNAS 113 (29) 8206-8211

https://doi.org/10.1073/pnas.1524578113



Bericht: Rouven Metternich
Redaktion: Helmut Wipplinger
Zeichnung: Elena Turac
Fotos: Helmut Wipplinger

Veröffentlicht am 2. Oktober 2026