
Warum war der Walhai bisher nicht im Mittelmeer?
Und warum taucht er jetzt manchmal auf?
Eine biogeographisch-ökologische Analyse von Robert Hofrichter
Wir alle lieben Superlative — immer das Größte und das Kleinste, das Schnellste und das Langsamste. Kein Wunder, dass uns auch der Walhai (Rhincodon typus) schon immer fasziniert hat. Dieser sanfte Riese der Ozeane mit seiner bläulich wirkenden Haut und den vielen weißen Punkten ist geradezu mystisch von Geschichten umwoben. Auch was seine Größe betrifft: Gerne werden 20 oder zumindest 18 Meter angegeben. Das zuverlässigst vermessene Exemplar maß 18,8 Meter — größere Tiere sind möglich, aber nicht durch direkte Messung belegt (McClain et al., 2015). Und neuerdings sorgt seine Verbreitung für Aufregung unter Mediterranisten und Mittelmeerliebhabern: Seit einigen Jahren taucht der Walhai immer häufiger im Mittelmeer auf.
Anmerkung: die Fotos in diesem Artikel sind nicht aus dem Mittelmeer, sondern aus dem Indischen Ozean.
Temperatur ist (oder war?) der entscheidende Faktor
Rhincodon typus ist eine Art der tropischen und warm-temperierten Ozeane. Die klassische Verbreitung des Walhais folgte stets der Temperatur — zwischen etwa 30° Nord und 35° Süd. Satellitentracking-Studien belegen, dass Walhaie 94 Prozent ihrer Zeit in Flachwasser mit mehr als 22 °C verbringen (Arrowsmith et al., 2021). Natürlich spielen auch das Nahrungsangebot, die Anwesenheit von Artgenossen zur Fortpflanzungszeit und weitere Faktoren eine Rolle. Aber die Temperatur dominiert.
Wie bei den riffbildenden Steinkorallen (Scleractinia) ist nicht der Sommer das Problem — da wäre das Wasser im Mittelmeer ähnlich warm wie in den Tropen —, sondern die winterlichen Temperaturen. Die mittlere winterliche Wassertemperatur im Mittelmeer lag unterhalb von 20 °C und war damit der limitierende biogeographische Faktor. Doch die Zeiten ändern sich. Auch das Mittelmeer wird messbar wärmer — ein Faktum, das von der überwältigenden Mehrheit der Klimawissenschaft belegt ist und von dem nur wenige, aus schwer nachvollziehbaren Gründen, abweichen.
Die Überschneidung mit den Korallenriffen ist dabei eher ein Nebenprodukt: Die Temperatur steuert beides — Korallen und Walhaie. Aber Walhaie sind nicht zwingend mit Korallenriffen assoziiert. Natürlich gibt es Wechselwirkungen — Korallen, Schwämme und Rifffische laichen, und das bietet auch Walhaien Nahrung. Doch die Abwesenheit von Korallenriffen im Mittelmeer war nicht der Grund für die Abwesenheit der Walhaie. Es war stets die Temperatur, von der in der marinen Ökologie so vieles abhängt.

Alles ändert sich — und Rhincodon typus ist ein Indikator dafür
Bis zum Jahr 2021 gab es keinen einzigen wissenschaftlich bestätigten Nachweis des Walhais im Mittelmeer. Der Stichtag war der 18. Oktober 2021: Ein Walhai wurde vor der türkischen Küste bei Samandağ (Provinz Hatay, nordöstliches Mittelmeer) von einem kommerziellen Langleinenfischer per Video dokumentiert (Turan et al., 2021). Seitdem war es offiziell — der Walhai wurde in die Haiinventarliste des Mittelmeers aufgenommen.
Doch macht bekanntlich eine Schwalbe noch keinen Sommer. Deshalb sorgte am 6. Dezember 2022 ein weiterer Fund für Aufregung in Fachkreisen: Ein Walhai wurde vor Ceuta (Spanien) im westlichen Mittelmeer — genauer im Alboran-Meer — gefilmt und wissenschaftlich dokumentiert (Spinelli & García de los Ríos y los Huertos, 2023). Damit war die Art auch im westlichen Mittelmeer-Becken belegt.
Und schließlich lieferte der 17. Oktober 2025 die dritte Bestätigung: Ein Walhai wurde vor Khan Younis im südlichen Gazastreifen gesichtet, an Land gezogen und von hungernden Fischern und Vertriebenen verzehrt. Über Wochen zuvor war das schätzungsweise 8–10 Meter lange und etwa 2 Tonnen schwere Tier entlang der israelischen Mittelmeerküste beobachtet worden — bei Ashdod, Ashkelon, Netanya, Bat Yam und Tel Aviv. Meeresforschende gaben dem Tier den Namen „Ofek“. Manchmal entsteht eine emotional-ideologische Auseinandersetzung um einzelne Tiere, die in den Fokus der Medien rücken. Doch in diesem Fall hatte das Ende von Ofek einen menschlichen Sinn: Das Fleisch wurde an Tausende hungernde Gazabewohner verteilt. Der Vorfall ist sowohl als wissenschaftlicher Fund als auch als humanitäres Dokument in Fachzeitschriften veröffentlicht worden (Al-Najjar et al., 2026; Khalaf-Prinz Sakerfalke von Jaffa, 2026).

Lessepsische Migranten oder nicht?
Eine intensive Diskussion entbrannte um die Frage, ob Ofek aus dem Roten Meer durch den Suezkanal ins Mittelmeer eingewandert war. Das ist gut möglich: Die Mündung des Suezkanals liegt nicht weit von Gaza entfernt, und der Kanal selbst wurde in seiner Geschichte mehrfach vertieft und erweitert und stellt heute eine gewaltige Wasserstraße dar. Die Autoren der Gaza-Publikation sind überzeugt, dass der Walhai ein sogenannter Lesseps’scher Migrant war.
Das Phänomen selbst ist nicht neu — erste Indo-Pazifik-Arten wanderten bereits in den ersten Dekaden nach der Eröffnung des Suezkanals (1869) ins Mittelmeer ein. Doch zeichnet sich der Prozess heute vor allem durch eines aus: Beschleunigung. Bisher wurden im Mittelmeer rund 1.000 lessepsische Migranten aus dem Roten Meer nachgewiesen — überwiegend thermophile, also wärmeliebende Arten, die sich anfänglich vor allem im wärmeren Ostbecken (Levantinisches Becken) etablierten. Wie dramatisch dieser Vorgang ist, belegen folgende Zahlen: In den ersten zwanzig Jahren des 21. Jahrhunderts sind mehr Indo-Pazifik-Fischarten ins Mittelmeer eingewandert als im gesamten 20. Jahrhundert zusammen (Katsanevakis et al., 2025).
Vor unseren Augen vollzieht sich die Tropikalisierung des Mittelmeers — eine erdgeschichtlich bedeutende biogeographische Veränderung. Speziell das Levantinische Becken ist zu einem Extinktions-Hotspot geworden: Die ursprüngliche Fauna und Flora, die zum Teil atlantischen Ursprungs war, verschwindet wegen zu hoher Temperaturen. Der menschengemachte Klimawandel hat seit den 1990er Jahren den Rückgang nativer Biodiversität massiv beschleunigt. Gleichzeitig ist das östliche Mittelmeer — und zunehmend auch der Rest des Beckens — ein Bioinvasions-Hotspot. Ohne den Suezkanal wäre eine Einwanderung aus südlicheren Breiten unmöglich, da das Mittelmeer ein geschlossenes Becken ist, in dem natürliche Arealverschiebungen aus den Tropen nicht stattfinden können (Khalil et al., 2025). Wir haben also zwei Faktoren: den Suezkanal als künstlichen Korridor — der natürliche Seeweg war seit mehr als 15 Millionen Jahren durch Plattentektonik verschlossen — und die steigenden Meerestemperaturen als Verstärker.

Freude oder Beunruhigung — das ist hier die Frage
Jeder Taucher, Schnorchler und Meeresfreund freut sich über die Sichtung eines Walhais. Das ist verständlich. Würden die Walhaie häufiger werden, würde sich gewiss ein eigener Tourismussektor entwickeln — wobei es sich um eine weltweit als gefährdet (Endangered) eingestufte Art handelt (IUCN, 2025).
Dennoch sollten wir die Sache differenziert betrachten. Vor unseren Augen spielt sich die größte globale ökologische Veränderung der jüngeren Erdgeschichte ab — diesmal eindeutig durch den Menschen ausgelöst. Darum begleitet die Wissenschaft und den Meeresschutz das Auftauchen von Ofek nicht mit einem uneingeschränkten Jubel, sondern mit dem gleichzeitigen Erkennen der ökologischen Gefahr. Es steht außer Diskussion, dass wir in einer Zeit des globalen Artensterbens leben — in Fachkreisen als „Big Six“ bezeichnet, nach den fünf vorangegangenen großen Aussterbewellen der Erdgeschichte. Noch nie hat eine solche Welle eine menschliche Zivilisation von über acht Milliarden Menschen getroffen. Noch nie war der Mensch selbst der Auslöser.
Ofek wurde so zum Botschafter einer wichtigen Botschaft: Es hilft nicht zu klagen — die globalen Veränderungen sind da und spielen sich vor unseren Augen ab. Das Einzige, was sinnvoll ist, ist alles zu unternehmen, was in unserer Macht steht, um Schritt für Schritt ökologische Verbesserungen herbeizuführen. Die große Politik lässt uns manchmal zweifeln. Aber Menschen weltweit machen uns Mut: Es formiert sich eine Bewegung jener, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind und aktiv zum Klima- und Umweltschutz beitragen.
siehe auch Blogbeitrag: Walhai oder Riesenhai in der Adria?
Da das Thema hier nur gestreift werden konnte, bietet die folgende Literaturliste die Möglichkeit, selbst in der Fachliteratur nachzulesen.

Literatur
Al-Najjar, T., et al. (2026): First Record of the Globally Endangered Whale Shark (Rhincodon typus Smith, 1828) in the Mediterranean Waters of the Gaza Strip, Palestine, and Its Consumption Shortly After the Ceasefire. — Crimson Publishers, Environmental Issues & Mobilizing Businesses for Organisms (EIMBO) 8(1).
Arrowsmith, L.M., Sequeira, A.M.M., Pattiaratchi, C.B. & Meekan, M.G. (2021): Water temperature is a key driver of horizontal and vertical movements of an ocean giant, the whale shark Rhincodon typus. — Marine Ecology Progress Series 679: 101–114. https://doi.org/10.3354/meps13899
Hazen, E.L., et al. (2017): Association of whale sharks (Rhincodon typus) with thermo-biological frontal systems of the eastern tropical Pacific. — PLOS ONE 12(8): e0182599. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0182599
Hearn, A.R., et al. (2022): Movement, behavior, and habitat use of whale sharks (Rhincodon typus) in the tropical eastern Pacific Ocean. — Frontiers in Marine Science 9: 793248. https://doi.org/10.3389/fmars.2022.793248
IUCN (2025): Rhincodon typus. The IUCN Red List of Threatened Species. https://doi.org/10.2305/IUCN.UK.2025-2.RLTS.T19488A126673248.en
Katsanevakis, S., Nikolaou, A., Tsirintanis, K. & Rilov, G. (2025): Lessepsian migration in the Mediterranean Sea in an era of climate change: Plague or boon? — Science Talks 13: 100412. https://doi.org/10.1016/j.sctalk.2024.100412
Khalaf-Prinz Sakerfalke von Jaffa, N.A. (2026): A rare catch of a whale shark (Rhincodon typus A. Smith, 1828) off the Khan Younis coast, southern Gaza Strip: The second record from the Palestinian Mediterranean coast. — Gazelle: The Palestinian Biological Bulletin 44(237): 1–14. ISSN 0178-6288.
Khalil, M.T., Mostafa, A.B. & El-Naggar, M.M. (2025): Climate change and Lessepsian migration to the Mediterranean Sea. — In: The Suez Canal: Past Lessons and Future Challenges. Springer Nature. https://doi.org/10.1007/978-3-031-74897-4_4
Lara-Barajas, F., et al. (2025): Whale shark Rhincodon typus foraging on small schooling fish in the northern Mexican Caribbean. — Journal of Fish Biology. https://doi.org/10.1111/jfb.16084
Matsumoto, R., et al. (2023): Underwater ultrasonography and blood sampling provide the first observations of reproductive biology in free-swimming whale sharks. — Endangered Species Research 51: 1–12. https://doi.org/10.3354/esr01245
McClain, C.R., et al. (2015): Sizing ocean giants: patterns of intraspecific size variation in marine megafauna. — PeerJ 3: e715. https://doi.org/10.7717/peerj.715
Miller, I.B., et al. (2025): The needle in the haystack: uncovering the first whale shark (Rhincodon typus) aggregation in the Coral Sea. — Ecology and Evolution 15: e71552. https://doi.org/10.1002/ece3.71552
Ong, J.J.L., et al. (2020): Annual bands in vertebrae validated by bomb radiocarbon assays provide estimates of age and growth of whale sharks. — Frontiers in Marine Science 7: 188. https://doi.org/10.3389/fmars.2020.00188
Rohner, C.A., et al. (2015): Laser photogrammetry improves size and demographic estimates for whale sharks. — PeerJ 3: e886. https://doi.org/10.7717/peerj.886
Spinelli, A. & García de los Ríos y los Huertos, Á. (2023): First record of Rhincodon typus (Orectolobiformes: Rhincodontidae) from the western Mediterranean Sea. In: Dragičević, B., et al.: New records of introduced species in the Mediterranean Sea (April 2023). — Mediterranean Marine Science 24(1). https://doi.org/10.12681/mms.33544
Syakurachman, I., et al. (2025): First evidence of neonatal whale sharks (Rhincodon typus) in Saleh Bay, West Nusa Tenggara, Indonesia. — Diversity 17(12): 839. https://doi.org/10.3390/d17120839
Turan, C., et al. (2021): A new record for the shark fauna of the Mediterranean Sea: Whale shark, Rhincodon typus (Orectolobiformes: Rhincodontidae). — Annales, Series Historia Naturalis 31(2): 127–132. https://doi.org/10.19233/ASHN.2021.13
Villagómez-Vélez, J.L., et al. (2025): Microplastic existence in two feeding zones of whale sharks in the Gulf of California, Mexico. — Ocean & Coastal Management. https://doi.org/10.1016/j.ocecoaman.2025.107756
Yong, M.M.H., et al. (2021): Microplastics in fecal samples of whale sharks (Rhincodon typus) and from surface water in the Philippines. — Microplastics and Nanoplastics 1: 17. https://doi.org/10.1186/s43591-021-00017-9
Bericht: Robert Hofrichter
Redaktion: Helmut Wipplinger
Fotos: Robert Hofrichter
Veröffentlicht am 11. Juni 2026
