
Plastikverschmutzung überall – weltweit gelangen jährlich rund 19 bis 22 Millionen Tonnen Kunststoff in die Natur, womit ein endloser Teufelskreis der Fragmentierung beginnt.
Wir alle, die wir die Natur lieben, haben eine Schwäche für kleine Wörter: Bio. Eco. Grün. Recycled. Sie beruhigen uns an der Supermarktkasse in Sekunden – besser Bio als nicht Bio, denken wir, und greifen zu. Das Gefühl ist ehrenwert. Nur stimmt es leider nicht immer. Denn nicht überall, wo Bio draufsteht, ist Bio drin.
Ein besonders tückisches Feld sind die sogenannten Biopolymere. Sofort drängt sich die Vorstellung auf: Das muss doch besser sein als Erdölplastik. Aber ist es das wirklich? Unser Team war selbst überrascht, was bei genauerem Hinsehen ans Licht kommt – und einiges davon wirst Du so noch nie gehört haben.

Getränkeverkauf irgendwo im Globalen Süden: Plastik hat längst noch die letzten „unberührten“ Ecken der Erde erreicht.
Biobasiert heißt nicht, was Sie glauben
Beginnen wir mit dem Ursprung. „Biobasiert“ bedeutet nur eines: nicht aus Erdöl, sondern aus Biomasse – meist aus Pflanzen. Klingt gut. Doch manche dieser Kunststoffe wachsen auf dem Acker, aus Mais oder Zuckerrohr. Und jetzt denken wir als Ökologen weiter: Was heißt das für die Natur?
Es heißt Flächenverbrauch. Es heißt Monokultur, Herbizide, Pestizide, Kunstdünger. Es heißt ausgelaugte Böden, die für lange Zeit nicht mehr sind, was sie sein sollten. Und es heißt, dass wir Ackerland, das Menschen und Tiere ernähren könnte, verwenden, um daraus – Plastik zu machen. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Felder für Flaschen statt für Brot.
Ja, man kann auch Reststoffe nehmen, pflanzliche Abfälle, die ohnehin anfielen. Das wäre der ehrliche Weg. Aber oft ist es nicht so. Und selbst dann bleibt die nüchterne Frage: Könnten wir jemals die gesamte Plastikflut der Welt auf diese Weise wirklich nachhaltig herstellen? Das ist erst der Anfang der Geschichte.

Der Autor bei der Arbeit: In nahezu allen gängigen Lebensräumen werden angeblich abbaubare, „grüne“ Biopolymere unterschiedlichster Art ausgebracht. Doch die Zertifikate sind in den meisten Fällen irreführend – sie beruhen auf Laborversuchen, nicht auf Freilandbeobachtungen. Die wenigsten Materialien halten in der Natur, was sie im Labor unter speziellen Bedingungen versprechen.
Das Rezept mit über 16.000 Zutaten
Nun zu einer Sache, die kaum jemand weiß und die selbst uns ins Grübeln gebracht hat. Ein Kunststoff kann nicht zugleich steinhart und weich sein, nicht elastisch und starr, nicht bruchsicher und zerbrechlich. Damit ein Material genau das kann, was Industrie und Handel verlangen, wird es zubereitet – wie ein Gericht nach Rezept. Und die Speisekammer der Kunststoffindustrie ist gewaltig: Über 16.000 Chemikalien sind heute mit Kunststoffen verknüpft, die allermeisten synthetisch. Das ist keine Schätzung aus dem Bauch heraus, sondern der Stand der aktuellen Wissenschaft (PlastChem-Report 2024, exakt 16.325 Stoffe).

Selbst in Korallen der Ozeane findet sich heute Mikroplastik, nicht nur im weichen Gewebe, sondern sogar eingeschlossen im harten Kalkskelett.
Halten wir kurz inne. Sechzehntausend. In einem einzelnen Biopolymer stecken mal zwei, mal fünf, mal zwanzig dieser Zusatzstoffe. Welcher Mensch behält da noch den Überblick, was jeder Einzelne tut, vor allem, was sie im Zusammenspiel miteinander anrichten? Die ehrliche Antwort lautet: niemand.
Und jetzt kommt der Satz, bei dem viele Leser innehalten werden. Eine aktuelle Übersichtsarbeit in einer Fachzeitschrift der Nature-Familie kommt zu einem verblüffenden Schluss: Ausgerechnet biologisch abbaubare Materialien können mehr Zusatzstoffe abgeben als herkömmliche. Biologisch abbaubare Mulchfolien gaben in einer Untersuchung 76 Milligramm Additive pro Quadratmeter frei – gegenüber 37 bei konventioneller Folie. Mehr als die Hälfte dieser freigesetzten Stoffe ließ sich nicht einmal identifizieren: unbekannte Verbindungen mit unbekannter Wirkung (Shanmugam et al., npj Materials Sustainability, 2026). Das „grüne“ Material war das chemisch auffälligere. Das muss man erst einmal sacken lassen.

Mikroplastik zieht Umweltgifte an wie ein Magnet. Das hat zwei fatale Seiten: Einerseits geben die Teilchen ihre eigenen Schadstoffe an die Umwelt ab, auch in unsere Getränke und Nahrung, andererseits reichern sie Gifte aus dem Wasser bis zum Zehntausendfachen an. So gelangen Toxine, an Plastik gebunden, verstärkt in die Nahrungsnetze.
Damit stellt sich die eigentliche Schlüsselfrage: Was geschieht mit all diesen Stoffen, wenn das Material zerfällt? Verschwinden sie restlos, oder kumulieren sie irgendwo in Boden, Wasser, in der Nahrungskette, in uns? Und was macht das mit dem Recycling? Die großen Recyclinganlagen wollen Kunststoffe in den Kreislauf zurückholen. Doch die wuchernde Vielfalt an Biopolymeren und Additiven kann ihre Arbeit erschweren oder unrentabel machen. Das ist fatal, denn Recycling ist eine unserer wichtigsten Waffen gegen die Vermüllung des Planeten – wir dürfen sie nicht stumpf machen.

Korallenriff in Indonesien: Plastik tötet auf zwei Weisen – schnell, wenn größere Tiere es verschlucken, und langsam, durch die permanente Belastung mit Mikro- und Nanoplastik.
Biobasiert und biologisch abbaubar – zwei völlig verschiedene Paar Schuhe
Hier liegt das Missverständnis, das alles durcheinanderbringt. Woher ein Material kommt (biobasiert) und wohin es geht (biologisch abbaubar) sind zwei grundverschiedene Dinge. Es gibt erdölbasierte Kunststoffe, die abbauen, und pflanzenbasierte, die in der Natur bleiben wie ein Stein im Wasser. „Aus Zuckerrohr“ heißt eben nicht „verschwindet wieder“. Eine Flasche aus Pflanzen kann so unvergänglich sein wie eine aus Erdöl.

Schweine waren einst der ganze Stolz der papuanischen Familien. Heute tummeln sich diese Tiere vielerorts zwischen Bergen von Plastik: Die Menschen werden mit dem Material beliefert, doch niemand sorgt dafür, dass es wieder eingesammelt und recycelt wird. Selbst in den reichen Ländern liegt die Recyclingquote bei nur rund 9 Prozent.
Greenwashing, Zertifikate, Lobbys und die entscheidenden zwei Prozent
Jetzt wird es unbequem. In einem kapitalistischen System müssen Firmen Gewinne schreiben, die großen Konzerne bedienen Aktionäre und Dividenden. Das ist das Spielprinzip. Es bedeutet aber auch, dass Gewinnoptimierung mitunter unlautere Pfade nimmt und dafür braucht es keinen groben Betrug, kein finsteres Komplott. Es genügt, eine Prüfung geschickt einzurichten.
Nehmen wir Verbundmaterialien: Karton mit einer aufgesprühten Plastikschicht. Jeder von uns hat schon ratlos vor der Mülltonne gestanden: Papier oder Plastik? Nun kann man einen Prüfkörper so gestalten, dass der Papieranteil hoch und der Plastikanteil relativ klein ist. Papier ist Zellulose, es zerfällt im Industriekompost brav. Und die Norm sagt: Bleiben am Ende weniger als – sagen wir – ein kleiner Prozentsatz an Fragmenten über einer bestimmten Größe zurück, gilt das Ganze als bestanden.

Seit einigen Jahren weiß man: Nicht nur Tiere und Pflanzen sind mit Mikroplastik belastet, sondern auch Pilze. Es gibt praktisch keinen plastikfreien Raum mehr auf dieser Erde, bis hinauf in die Umlaufbahn.
Aber genau um diese wenigen Prozent geht es. Denn das kann persistentes Mikroplastik sein. Und hier lohnt der genaue Blick auf die Norm, den kaum jemand kennt: Das Desintegrations-Kriterium der EN 13432 ist erfüllt, wenn nach zwölf Wochen höchstens 10 % der Masse als Bruchstücke größer als 2 Millimeter zurückbleiben. Zwei Millimeter. Diese Grenze liegt vollständig im Mikroplastik-Bereich, der bei fünf Millimetern beginnt. Anders gesagt: „Desintegriert“ im Sinne der Norm heißt nichts anderes als „in mikroplastikgroße Stücke zerfallen“. Ein Material kann den Test bestehen und dabei buchstäblich Mikroplastik erzeugen.
Und dieses Mikroplastik verschwindet nicht. Es zerfällt weiter, in immer kleinere Teilchen, bis zum Nanoplastik, das so winzig ist, dass es kaum noch zu untersuchen ist. Wie klein diese Reise geht, ahnt man erst, wenn man eine einzige Zahl hört: Forschende der Columbia University fanden in durchschnittlichem Flaschenwasser rund 240.000 Nanoplastik-Teilchen pro Liter, hundertfach mehr, als man zuvor vermutet hatte (Qian et al., PNAS, 2024). Wir trinken sie. Wir wissen nicht, wohin diese Reise führt. Wir wissen nur: Es wird immer mehr.

Ein Müllwagen pro Minute, so viel Plastik landet jede Minute im Meer. 8 bis 14 Millionen Tonnen sind es Jahr für Jahr, und jedes Stück beginnt dieselbe Reise: zerfallen, aber nie verschwinden.
Fazit – zwei Wege, und kein dritter
Die schönen Vorsilben – Eco, Grün, Bio – gaukeln uns oft etwas vor, das mit den Tatsachen nicht übereinstimmt. Biobasierte Kunststoffe sind nicht automatisch abbaubar. Fachleute haben in unzähligen Experimenten weltweit gezeigt: Die Versprechen der Zertifikate stimmen zwar für die eng definierten Bedingungen eines Laborversuchs, aber sie sagen nichts darüber aus, was mit dem Stück Plastik geschieht, wenn es ins Meer gelangt, in einen Bach, einen See, den Wald.

Deutliche Mikroplastikbildung am Rand eines angeblichen Biopolymers. Was die Augen nicht sehen, bekümmert das Herz nicht, sagt man und leider gilt das auch für Mikroplastik und noch kleinere Partikel. Desintegration und Fragmentierung bedeuten eben keinen biologischen Abbau: Die Teilchen können viele Jahre, ja Jahrzehnte persistent bleiben. Foto: Matthias Burba
Man muss unterscheiden lernen: zwischen Degradation, Desintegration, Fragmentierung, biologischem Abbau, Remineralisierung. Im Alltag aber reicht den Menschen ein einziges Wörtchen: „Bio“ und alles wird zusammengeworfen. Die Folge ist ernüchternd: Ein Großteil dessen, was wir mit gutem Gewissen kaufen: abbaubare Müllsäcke, Mulchfolien, Gartenprodukte, angeblich recycelbar, angeblich ungiftig , baut sich in der realen Natur eben nicht ab, trägt zahllose Additive in sich, deren Schicksal wir kaum kennen, und hinterlässt am Ende Mikroplastik, das über Jahre und Jahrzehnte bleibt.
Deshalb sind Offenheit, Ehrlichkeit und unabhängige Forschung so entscheidend. Verstehen Sie uns nicht falsch: Wir können Plastik nicht abschaffen, das wäre Illusion. Aber wir können es Schritt für Schritt besser machen und wirklich Materialien entwickeln, die in der Natur vergehen, manche schneller, manche langsamer. Am Ende bleiben nur zwei Wege, und es gibt keinen dritten: die gute alte 3R-Regel – Reduce, Reuse, Recycle, also verbrauchen wir weniger, verwenden wir wieder, führen wir zurück und die unbestechliche Suche nach ehrlichen Materialien, die uns nichts vortäuschen.
Denn die Natur lässt sich nicht mit Vorsilben täuschen. Sie ist der ehrlichste Prüfer, den es gibt. Proofed by nature liefert (nicht nur) in dieser Beziehung die einzige Wahrheit.
Bericht: Robert Hofrichter
Redaktion: Helmut Wipplinger
Fotos: Archiv Robert Hofrichter, Matthias Burba
Veröffentlicht am 21. September 2026
