Die Begeisterung war groß: Eine österreichische „Qualitätszeitung“ berichtete von einer Touristengruppe vor der Küste Pulas (Südspitze Istriens), die Delfine in Kroatien sehen wollte. Stattdessen konnten sie „eine ganz besondere Beobachtung machen: Ein riesiger Walhai wagte sich ganz nah an ihr Boot heran.“ Das beigefügte Archivfoto eines Walhais steigerte noch die Begeisterung, und pflichtschuldig ergänzte der Artikel: „Der Walhai ist nicht nur weltweit der größte Hai, sondern auch der größte Fisch der Gegenwart.“ Der Wermutstropfen an dieser Geschichte ist, dass Walhaie (Rhincodon typus) im Mittelmeer praktisch nicht vorkommen und es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um einen Riesenhai gehandelt hat. Zu den extremen Ausnahmesichtungen im Mittelmeer berichten wir weiter unten.

Ein paar Tage später veröffentlicht der kroatische Speerfischer Matej Njavro auf youtube und in den sozialen Medien Filmaufahmen von einer Begegnung mit einem Riesenhai (Cetorhinus maximus) ebenfalls vor Pula:

Golema psina (Cetorhinus maximus) – Muzil, Pula 11.04.2026.

Auf facebook schreibt er (aus dem Kroatischen übersetzt):
Am Samstag, den 11.04.2026, habe ich mich mit meiner Frau zum Speerfischen in die Gewässer vor Pula aufgemacht. Der Tag war wunderschön, das Meer hatte eine Temperatur von etwa 15 Grad, war leicht trüb, aber ruhig. Ich tauchte im Bereich vor Muzil, als ich, nachdem ich den Kopf über die Wasseroberfläche gehoben hatte, in etwa dreißig Metern Entfernung eine große Flosse erblickte.

Mein erster Gedanke war, dass es sich um einen Delfin handelt, doch schon nach wenigen Sekunden wurde klar, dass es weder ein Delfin noch ein Großer Tümmler war, sondern ein Hai. Obwohl mich die Neugier dazu trieb, mich ihm sofort zu nähern, war es mir für die erste Begegnung lieber, an Bord zu sein, und so machte ich mich in zügigem Tempo auf den Weg zu unserem Schlauchboot, das etwa hundert Meter entfernt lag.

Als ich mich mit dem Boot der Flosse näherte, erkannte ich, dass es sich um eine Art Riesenfisch handelte – wie sich später herausstellte, war es ein Riesenhai (Cetorhinus maximus), und zwar von beeindruckender Größe, nach meiner Schätzung über 7 Meter lang. Ich nahm die Kamera und hielt unsere erste Begegnung fest. Der Riesenhai schwamm ruhig dahin, tauchte gelegentlich ab und erschien dann wieder an der Oberfläche. Er bewegte sich gelassen und ernährte sich von Mikroorganismen, die er direkt unter der Meeresoberfläche aufnahm.

In einem Moment gelang es mir sogar, mich ihm zu nähern und ihn sanft am Schwanz zu berühren. Die ganze Begegnung dauerte etwa zwanzig Minuten, danach „trennten“ wir uns und jeder ging seines Weges.

Das ist eine Erfahrung, an die ich mich mein ganzes Leben lang erinnern werde – die Begegnung mit einem majestätischen, aber friedlichen Tier in seiner natürlichen Umgebung, ein Moment, der mich einmal mehr daran erinnert hat, warum ich diesen Sport ausübe und wie viele Geheimnisse dieses Meer birgt.

Der Riesenhai (Cetorhinus maximus) kann zwölf Meter Länge erreichen. Sichtungen sind immer wieder eine kleine Sensation, auch wenn es sich nicht um Einzelbeobachtungen handelt. Diese Art ist in der Nordadria im Frühjahr durchaus regelmäßig zu beobachten. Wir bei MareMundi halten seit fast 20 Jahren sehnsüchtig Ausschau nach ihr – doch da würde nur ein Kleinflugzeug oder ein Hubschrauber helfen. Aus der Luft sollten die riesigen Kolosse leicht zu finden sein.

Der Riesenhai ist nach dem Walhai der zweitgrößte Fisch der Erde und zugleich einer der rätselhaftesten Bewohner unserer Meere. Trotz seiner beeindruckenden Größe und seines Gewichts von mehreren Tonnen stellt er für den Menschen keinerlei Gefahr dar. Im Gegenteil: Der scheinbar furchteinflößende Meeresriese ernährt sich nahezu ausschließlich von winzigem Zooplankton – ein Paradoxon, über das man als Meeresbiolog:in nie ganz aufhört zu staunen.

Immer wieder fragen sich Menschen, wie es möglich ist, dass ausgerechnet marine Großtiere Plankton fressen, also in der Regel kleinste Nahrung. Spezialisierte Kiemenreusen machen es möglich: Sie filtern die Nahrung heraus – ein Prozess, der energetisch effizient ist, aber eine entscheidende Voraussetzung braucht: ausreichend hohe Planktondichten. Beim Schwimmen hält der Riesenhai sein gewaltiges Maul weit geöffnet und lässt enorme Wassermengen hindurchströmen – bis zu Millionen Liter pro Stunde. Die Nahrung besteht hauptsächlich aus Ruderfußkrebsen, den sogenannten Copepoden, dem allerwichtigsten Teil des tierischen Zooplanktons.

Diese Bedingungen erfüllt die Adria speziell bei der Frühjahrs-Planktonblüte. Die Tage werden länger, die Sonneneinstrahlung intensiver, das Wasser wärmer – das Phytoplankton vermehrt sich schlagartig und mit ihm das Zooplankton, welches die Basis der weiteren Nahrungskette darstellt. Der Riesenhai ist somit keineswegs ein zufälliger Irrgast in dieser Region. Sein Auftreten im Mittelmeer und bis in die nördlichste Adria ist lange bekannt. Das Tier folgt hochdynamischen Nahrungslandschaften, die sich saisonal und räumlich verändern, und die Kvarner Bucht scheint ein solcher Hotspot zu sein.

Kroatische Meeresbiologen sammeln schon lange Daten über diesen sanften Giganten. Auch wenn Riesenhaie oft Panik auslösen – dafür reicht schon ihre Größe, aber nicht nur. Vom Boot aus können manche Beobachter ihn durchaus mit dem Weißen Hai verwechseln, und das nicht völlig zu Unrecht: Beide Arten sind näher verwandt und zählen zu den Lamniformes (Heringshaiartigen). Der entscheidende Unterschied zeigt sich beim Kopf und den gewaltigen Kiemenschlitzen des Riesenhais, die für die filtrierende Ernährung charakteristisch sind.

Die ersten Riesenhaie tauchen manchmal bereits im Februar auf. Die Häufigkeit der Beobachtungen steigt ab März und erreicht ihren Höhepunkt im April und Mai, bevor sie ab Juni wieder zurückgehen. Sie zeigen damit ein klares Muster, das eng mit Planktonblüten verknüpft ist (Soldo et al. 2022). Andere ökologische Faktoren – Temperatur, Salzgehalt – scheinen die Riesenhaie weniger zu interessieren; die unmittelbare Verfügbarkeit von Nahrung hingegen sehr wohl.

Für Liebhaber:innen des Meeres und insbesondere Meeresbiolog:innen bedeuten diese Sichtungen viel. Das geheimnisvolle Tier taucht wie ein Botschafter der wenig bekannten Tiefen auf, um dann wieder zu verschwinden. Zweifellos ist es einer der rätselhaftesten Bewohner europäischer Meere.

Da die Adria so eine Art Sackgasse des Mittelmeeres bildet, hat man sie zu Unrecht immer schon unterschätzt. Der Mensch hat sie in den letzten 100 Jahren massiv degradiert, das stimmt, doch ist die nördlichste Adria auch Teil des endlosen Kontinuums der Weltmeere. Alles kann da hinschwimmen, auch wenn es sich manchmal um einen Irrgast handelt.

Neue Analysen kroatischer Forscher:innen zeichnen ein differenziertes Bild, das auf historischen Aufzeichnungen, Fischereidaten und aktuellen Beobachtungen basiert. Sie deuten darauf hin, dass die Region regelmäßig von Riesenhaien genutzt wird – möglicherweise nicht nur als Nahrungsgebiet, sondern auch als Teil eines komplexeren Lebenszyklus. So berichtet Soldo (2025) über juvenile Tiere in der südlichen Adria. Noch braucht es viel Forschung, doch derzeit kann man nicht ausschließen, dass es sich auch um Aufwuchsgebiete handelt, was die ökologische Bedeutung der Adria erheblich steigern würde. Temporäre Aufenthaltsorte oder potenziell essenzielle Habitate innerhalb des Mittelmeersystems? Das ist eine der wichtigen Fragen für die kommenden Jahre.

Ebenso steht genetische Forschung auf der Agenda: Sie kann beantworten, ob die Mittelmeerpopulation des Riesenhais stärker eigenständig sein könnte als bislang angenommen und ob genetische und ökologische Unterschiede gegenüber atlantischen Populationen bestehen.

Das Wanderverhalten des Riesenhais bleibt ein zentrales Rätsel. Auch wir bei MareMundi nahmen lange an, dass Riesenhaie im Winter schlicht in tiefere Gewässer abtauchen und dort möglicherweise inaktiv bleiben, während sie ihre Kiemenreusen erneuern. Moderne Telemetriestudien haben dieses Bild grundlegend verändert.

Dass sie wandern, ist unbestritten – und dabei legen sie teils Distanzen von mehreren tausend Kilometern zurück. Sie wechseln die Regionen, aber auch die vertikale Position bzw. Wassertiefe. Im Frühjahr und Sommer sind sie häufig oberflächennah anzutreffen, so wie man sie aus der Adria kennt. Im Winter hingegen tauchen sie in Tiefen von mehreren hundert Metern ab, womit die Beobachtungsmöglichkeiten naturgemäß rarer werden. Ob sie dabei derselben Dynamik planktonischer Nahrungsquellen folgen, die ihrerseits durch Strömungen, Temperaturverhältnisse und Klimavariabilität beeinflusst werden, ist noch nicht vollständig geklärt.

In den kommenden Jahren dürfen wir uns mehr Aufschluss über die entscheidende Frage erhoffen: Sind die im Mittelmeer beobachteten Tiere Teil größerer atlantischer Wanderungen oder handelt es sich um eine zunehmend eigenständige Population?

Trotz seiner Größe gehört der Riesenhai zu den verletzlichsten Haiarten überhaupt. Seine Fortpflanzungsrate ist extrem niedrig – das trifft auf viele große Haiarten zu –; Weibchen bringen vermutlich nur wenige Jungtiere nach langen Tragzeiten zur Welt. Gleichzeitig ist die Art stark von stabilen Nahrungsbedingungen abhängig. Internationale Gremien wie ICCAT und ICES stufen den Riesenhai daher weiterhin als schutzbedürftig ein. Für das Mittelmeer gilt dies in besonderem Maße, da die Datenlage hier deutlich lückenhafter ist als im Nordatlantik. In Kroatien sind wir seit zwei Jahrzehnten Zeugen davon, dass Riesenhaie oft unbeabsichtigt in Netzen landen und zu Tode kommen.

Die anthropogenen Einflüsse tragen ihr Übriges zum Rückgang bei: Beifang in Fischereinetzen, Kollisionen mit Schiffen und zunehmend auch Umweltbelastungen wie Mikroplastik. Filtrierende Arten nehmen enorme Wassermengen auf und damit auch Plastik unterschiedlicher Größenordnung, mit all den Schadstoffen, von denen wir bei manchen wissen, dass sie hochtoxisch sind, und bei anderen die langfristigen Auswirkungen noch nicht vollständig verstanden sind (Fossi et al. 2014).

In den letzten Jahren hat sich das wissenschaftliche Interesse am Riesenhai spürbar intensiviert. Neue Technologien – von Satelliten-Tags bis hin zu KI-gestützten Auswertungen von Sichtungsdaten – ermöglichen Einblicke, die noch vor wenigen Jahrzehnten undenkbar waren. Gleichzeitig bleibt das Gesamtbild fragmentarisch. Viele grundlegende Fragen sind offen: Wo genau finden Fortpflanzung und Geburt statt? Wie stark sind einzelne Teilpopulationen miteinander vernetzt? Und welche Rolle spielen Regionen wie die Adria im Gesamtgefüge?

Gerade deshalb sind lokale Beobachtungen von großer Bedeutung. Jede bestätigte Sichtung, jede fotografische Dokumentation und jede wissenschaftlich erfasste Begegnung trägt dazu bei, das Puzzle Stück für Stück zu vervollständigen.

Der Riesenhai ist ein Paradoxon: ein Tier von enormer Größe, das sich dennoch weitgehend dem menschlichen Blickfeld entzieht. Sein Auftreten im Mittelmeer – und insbesondere in der Adria – erinnert daran, wie viel wir selbst über die größten Bewohner unserer Meere noch nicht wissen. Für den Meeresschutz ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Schutz kann nur dort wirksam sein, wo ökologische Zusammenhänge verstanden werden. Der Riesenhai steht exemplarisch für Arten, deren Zukunft eng mit Prozessen verknüpft ist, die sich unserer direkten Kontrolle entziehen – aber dennoch von menschlichem Handeln beeinflusst werden. Die Herausforderung besteht darin, diese verborgenen Dynamiken sichtbar zu machen, bevor sie sich unwiederbringlich verändern.

Nun zurück zu der Zeitungsente über die angebliche Walhaisichtung. Zwar gab es über die Jahrzehnte im gesamten Mittelmeerraum einige wenige Sichtungen – meist im wärmeren südlichen und östlichen Becken –, doch handelt es sich dabei um absolute Ausnahmeerscheinungen verirrter Einzeltiere. In der Adria wurde dagegen noch nie ein Walhai beobachtet, und das hat gute Gründe: Die Art ist tropisch, das Mittelmeer hingegen ein warm-gemäßigtes Meer, und die Adria, vor allem ihr nördlicher Teil, zählt zu den kühleren Meeresgebieten des Mediterrans. Die aktuellste Sichtung war Ende September 2025 vor Aschdod an der israelischen Mittelmeerküste. Wissenschaftlich bestätigt wurde sie von Dr. Aviad Scheinin, Leiter des Apex Marine Predators Lab an der Morris Kahn Marine Research Station der Universität Haifa.
Das traurige Ende der Geschichte: Das Tier — von der NGO Sharks in Israel auf den Namen Ofek („Horizont“) getauft — wanderte nach mehrfachen Sichtungen vor Aschdod, Aschkelon, Netanja, Bat Yam und Tel Aviv weiter südwärts und wurde schließlich vor der Küste von Khan Younis im Gazastreifen von Fischern erbeutet. Davor gab es nach unserem Wissensstand im Mittelmeer nur zwei verifizierte Walhai-Nachweise: einen vor der türkischen Küste (2021) und ein adultes Weibchen, das im Dezember 2022 vor Ceuta (Straße von Gibraltar) lebend gefilmt wurde.

ergänzende Infos dazu:

The Jerusalem Post – Whale shark documented at Ashdod beach–a first for Israel’s Mediterranean coast

youtube: Massive Whale Shark Gets Trapped in Tuna Net (Ceuta)

Kronenzeitung: Mega-Hai schwamm ganz nah an Touristenboot vorbei

Literatur

Soldo, A. (2025): Observations of a juvenile basking shark (Cetorhinus maximus) in the Adriatic Sea support the hypothesis of a distinct Mediterranean population. Annales Series Historia Naturalis.

Soldo, A. et al. (2022): 200 years of records of the basking shark in the Eastern Adriatic.

Fossi, M. C. et al. (2014): Are basking sharks exposed to microplastics? Marine Environmental Research.

Ellis, J. R. et al. (2025): Conservation status of basking shark in the ICCAT area.

ICES (2024): Basking shark assessment in the Northeast Atlantic and adjacent waters.



Bericht: Robert Hofrichter, Helmut Wipplinger
Redaktion: Helmut Wipplinger
Foto: mit KI Unterstützung / Helmut Wipplinger

Veröffentlicht am DATUM EINFÜGEN