
Edlen Steckmuschel (Pinna nobilis), Foto Herbert Frei
Seit 2016 kommt es im Mittelmeer zu einem beispiellosen Zusammenbruch der Bestände der Edlen Steckmuschel (Pinna nobilis), einer endemischen Muschelart des Mittelmeers. Gleichzeitig taucht ihre kleinere Verwandte, die Rauhe Schinkenmuschel (Pinna rudis), an Orten auf, an denen sie früher selten war. In diesem Beitrag erklären wir, was passiert ist, warum die Adria besonders wichtig ist und wie vielleicht auch du helfen kannst.
Wir alle neigen dazu, Superlative zu lieben: die schnellsten, die seltensten, die größten … Nun passt auch die Edle Steckmuschel (Pinna nobilis) mit bis zu 120 cm Gehäuselänge (meist 60 bis 90 cm) in dieses Muster. Sie ist bei weitem die größte Muschelart des Mittelmeeres und auch weltweit ein „Schwergewicht“.
Für die ältere Generation der Taucher war diese imposante Muschel, die wortwörtlich im Sediment steckt und so ihren Namen erhalten hat, ein alltäglicher Anblick. Sie war praktisch überall im Mittelmeer zu finden. In küstennahen, sandigen Seegraswiesen (Zostera- und Posidonia-Gemeinschaften) in geringen Tiefen von drei bis zehn Metern war sie das Normalste der Welt. Da jede einzelne Muschel einen eigenen Mikrokosmos darstellte – innen und auf der Oberfläche –, war Pinna auch ökologisch ein „Schwergewicht“. Da bildete sich nicht nur ein Licht-, sondern auch ein Strömungsschatten. Die Muschelschale stellte ein biogenes Hartsubstrat dar. Und das kennt jeder Taucher: Auf ihm gibt es immer allerhand buntes Leben.
Wie häufig einst die Steckmuscheln waren, können wir anhand eines ganz besonderen kulturhistorischen Phänomens deutlich machen – der Muschelseide.
Byssusfäden und Muschelseide
Viele Muschelarten produzieren mit speziellen Drüsen Sekrete aus phenolischen Proteiden, die sich im Meerwasser zu Haftfäden vereinigen und erhärten – diese nennt die Meeresbiologie Byssus. Manche Muschelarten produzieren diese Fäden nur als Jungmuscheln, andere zeitlebens. Die allseits bekannten Miesmuscheln (Gattung Mytilus, besser bekannt als „vongole“) etwa brauchen diese Fäden, um in der Brandungszone den enormen mechanischen Kräften des Meeres widerstehen zu können. Dass die globalen Veränderungen und die Versauerung der Meere selbst die Byssus-Bildung der Muscheln bedrohen, wollen wir noch zum Schluss ansprechen.
Aus diesen Fasern der Muscheln, dem Byssus, wurde bereits seit der Antike die sogenannte Muschelseide hergestellt – ein passendes Beispiel für die Verknüpfung zwischen dem Meer, der Natur, der Biologie und den berühmtesten Zeugnissen der Kulturgeschichte im Mittelmeerraum. Die Faser bzw. die daraus gewonnene Seide ist goldglänzend, sehr dünn, fest und über lange Zeiträume haltbar. Sie ist mit modernen Nylonfäden vergleichbar.
Die berühmteste Muschelseide wurde nicht etwa aus Miesmuscheln, sondern eben aus der Großen oder Edlen Steckmuschel gewonnen. Das Wort byssos war in der Antike weit verbreitet und bezog sich nicht nur auf Muschelseide, sondern auch auf andere Stoffe wie kostbares, feines Leinen oder Baumwolle. In dieser Verwendung kommt es selbst im Neuen Testament vor (z. B. Lk 16,19).
Das alte Handwerk des Seidenwebens aus den Muschelfasern, die einen Querschnitt von etwa 10–50 µm haben, ist im Mittelmeerraum nahezu ausgestorben. Doch nicht nur das Handwerk ist es, sondern (beinahe) leider auch die Muschel selbst. Es gibt nur noch eine Manufaktur, in der die alte Tradition bewahrt wird – auf der sardischen Insel Sant’Antioco, wo sich auch ein Byssus-Museum befindet. Eine Muschel lieferte bis zu zwei Gramm Rohbyssus, etwa 20.000 sehr feine, bis 25 cm lange Fäden. Für ein Kilogramm reine Muschelseide war somit die Ernte von bis zu 4.000 Tieren nötig. Aber wir müssen nicht in das Mittelalter oder die frühe Neuzeit zurückblicken: Noch in den 50ern, 60ern und stellenweise bis in die 80er Jahre war die Steckmuschel nahezu ein Massenphänomen. So schnell kann es gehen – inzwischen ist fast jede einzelne noch lebende Muschel registriert und gezählt.
Ältere Mittelmeerreisende, Schnorchler und Taucher können sich noch gut erinnern: Vom Urlaub nahm man die Schalen als beliebtes Souvenir mit, und keinen kümmerte es. Jeder ordentliche Taucher dekorierte damit seine Wohnung (auch heutige Meeresschützer). Die geschätzte Meeresdelikatesse war damals noch so weit verbreitet, dass keiner ernsthaft daran dachte, dass sie einmal aussterben könnte.
Aus dem Leben der Steckmuschel
Die Tiere stecken mit der spitzen Seite aufrecht im Sediment, was bei der gegebenen Hydrodynamik in seichten Gewässern entscheidend ist: Nur stehend kann das Weichtier gut gedeihen. Es ernährt sich – wie die meisten Muscheln –, indem es Plankton aus dem Wasser filtert. Die großflächigen Schalen bieten Siedlungsfläche für Aufwuchsorganismen – oft sind es Hydrozoen, Seescheiden, verschiedene Schwammarten, Algenbewuchs und eigentlich alles, was am Hartboden lebt. Doch noch verblüffender sind ihre „Innenbewohner“, Symbionten oder Mitbewohner im Mantelraum, darunter die Steckmuschelgarnele (Pontonia pinnophylax) und kleine, Muschelwächter genannte Krabben (Nepinnotheres pinnotheres und Pinnotheres pisum).
Was ist passiert?
Wenig überraschend zeigen Untersuchungen, dass die Krise der Steckmuschel multifaktoriell ist: Ein relativ neu beschriebener, einzelliger Muschelparasit (Haplosporidium pinnae) tritt gemeinsam mit bestimmten Bakterien (z. B. Mycobacterium) und weiteren Stressoren auf. In einer Studie an der Küste Griechenlands (Zotou et al., 2021) wurde die Dimension des Niedergangs gut dokumentiert: Von knapp 5.000 gefundenen Exemplaren waren nur noch etwa 70 lebendig – das sind bloß 1,4%. Diese Zahl macht das Ausmaß des „global change“ greifbar. Kumulative Effekte aller erdenklichen Negativfaktoren – praktisch alle gehen auf das Walten des Menschen zurück – spielen da zusammen.

Steckmuscheln wachsen typischerweise senkrecht – doch nicht immer findet man sie in dieser aufrechten Position. Umgefallene Exemplare wurden möglicherweise durch einen Schiffsanker aus dem Boden gerissen. Foto: Felix Rossbach
Warum jetzt Pinna rudis?
Mehrere Studien, Feldbeobachtungen und Citizen‑Science‑Meldungen zeigen, dass die Rauhe Schinkenmuschel (P. rudis) in den letzten Jahren in Gebieten häufiger wurde, in denen die Edle Steckmuschel (P. nobilis) verschwunden ist. Zwei Hauptgründe für diesen Wechsel werden diskutiert:
Freigewordener Lebensraum und Nahrung: Große Individuen von P. nobilis haben früher Unmengen von Plankton, Larven und Partikeln aus dem Wasser gefiltert. Ihr Verschwinden konnte die Überlebenschancen anderer Larven erhöhen. Tatsächlich berichtete eine relativ aktuelle Studie (Kersting & Ballesteros, 2021), dass P. rudis nach dem lokalen Verschwinden von P. nobilis deutlich mehr Rekrutierung zeigte.
Klimatische Verschiebung: Wir leben im Zeitalter des menschengemachten Klimawandels. Sehr viele Mittelmeerbewohner waren atlantischen Ursprungs und an warm‑gemäßigte Temperaturen adaptiert. P. rudis ist „thermophiler“ – mag also eher warme Gewässer, was ihr „in Zeiten wie diesen“ einen Vorteil verschafft. Das Mittelmeer „tropikalisiert“, wie Ökologen dieses Phänomen beschreiben.
Scheinbar ist P. rudis ökologisch flexibler als P. nobilis, was vermutlich zu ihrer besseren Widerstandsfähigkeit beiträgt. Ob diese Art jedoch die ökologischen Funktionen von P. nobilis vollständig ersetzen kann, ist unklar, aber für Biologen ziemlich unwahrscheinlich. Der mediterrane Endemit P. nobilis ist (hoffentlich nicht war) einzigartig.
Die Lage in der Adria: gemischt, aber kritisch
Die Adria ist hydrologisch und geomorphologisch recht heterogen: Zwei Drittel im Norden sind eher seicht bis sehr seicht, erst im Süden wird das Meer tiefer. Die Westküste ist eintönig – was der Steckmuschel an sich nicht schadet –, die Ostküste zerklüftet mit vielen Buchten, Lagunen und Seegraswiesen. Platz genug gäbe es also. Wichtig ist es, die allgemeine Umweltsituation zu stabilisieren, damit die Art wieder Fuß fassen kann. Nach der IUCN gilt sie als „critically endangered“, und manche rechneten bereits mit ihrem Aussterben. Obwohl über 99% der Population verschwunden sind, könnten die wenigen überlebenden Individuen oder kleinen Gruppen möglicherweise genetisch oder ökologisch resistenter sein. Solche Flaschenhals-Effekte hat es in der Erdgeschichte oft gegeben.
Studien aus griechischen Gewässern (Zotou et al., 2021) haben Orte mit deutlich geringerer Mortalität und sogar erfolgreichem Nachwuchs gefunden. Solche geschützten Buchten mit besonderen Salz‑ oder Temperaturbedingungen können anscheinend die Ausbreitung der Erreger verlangsamen und finden sich höchstwahrscheinlich auch an der Adriaküste. Das macht Hoffnung. Die Mittelmeerländer – darunter auch Kroatien – unternehmen viel, um der Art zu helfen. Und das muss noch intensiviert werden, denn vorerst können wir nur streng gemanagte Populationen erhalten und punktuell wieder ansiedeln. Einige der Schlüsselfaktoren sind, resistente Linien aufzubauen, Krankheitsdruck lokal zu mindern und Seegraswiesen großflächig zu schützen. Was viele von uns in Zeiten der Kriege und Unsicherheit fast vergessen haben: Ohne Klimaschutz wird es nicht gehen!
Was kann getan werden?
– Suche nach Refugien mit überlebenden Individuen und deren sofortiger Schutz, etwa durch Zugangs‑, Anker‑ und Fischereibeschränkungen.
– Intensives Monitoring, auch mittels eDNA, um die Steckmuscheln, aber auch den Muschelparasiten (Haplosporidium pinnae) nachzuweisen.
– Erforschung der Resistenz lebendiger Individuen und möglicher Zuchtprogramme. In diesem Bereich gibt es bereits Erfolgsmeldungen aus einem Nachzuchtprojekt im Aquarium Pula.
– Citizen Science stärken: Taucher:innen, Fischer:innen und Küstengemeinden melden Sichtungen und liefern Fotos und Standortdaten.
Wie auch du helfen kannst
– Melde uns Muschelfunde bitte an office@mare-mundi.org.
Möglichst mit Angabe, ob das Tier lebendig oder tot ist. Hilfreich sind Videos oder Fotos der Funde mit GPS-Position und Tiefe.
Wir leiten diese Informationen auch an andere Institute und die Behörden weiter.
Übrigens: Echte Naturfreunde müssen nicht alles anfassen! Das wäre falsch verstandene Liebe zur Natur.
Wie erkennt man eine lebende Steckmuschel?
Im Inneren der Schale ist bei leicht geöffneten Muscheln weiches Gewebe zu sehen, der sogenannte Mantel. Wenn man neben der Muschel ganz vorsichtig das Wasser bewegt, ohne sie zu berühren, dann schließt sie sich dabei meist. Für ein Beispiel siehe auch:
https://youtu.be/iImt0tLMsVw?si=ybLBVXxQ79ICExF_
– Was für engagierte Meeresfreunde selbstverständlich sein sollte: Vermeide Ankern in Seegraswiesen und respektiere Sperrzonen und Meeresschutzgebiete!
Abschließende Gedanken
Die Geschichte von Pinna nobilis ist eine Mahnung: Krankheiten, Umweltstress und menschliche Einflüsse können selbst langlebige, großwüchsige Arten schnell an den Rand des Aussterbens bringen. Doch es ist vielleicht noch nicht zu spät: Refugien mit einigen lebenden Muscheln wurden gefunden, und auch Nachwuchs wurde wiederholt nachgewiesen. Nicht nur Wissenschaftler, sondern auch die interessierte Öffentlichkeit beteiligt sich an Schutzprojekten. Wir haben noch die Chance, die letzten Überlebenden zu schützen und die Grundlagen für eine mögliche Wiederherstellung zu legen.
Möchtest du auch dabei sein?
Quellenhinweis (Auswahl)
Kersting & Ballesteros (2021), Oprandi et al. (2024), Zotou et al. (2021) und Rubino et al. (2024).

Pinna nobilis bei Pula, Foto: Marinko Babić, Wikimedia Commons, lizenziert unter CC BY-SA 4.0
Bericht: Felix Rossbach, Helmut Wipplinger, Robert Hofrichter
Redaktion: Helmut Wipplinger
Veröffentlicht am 25. März 2026
