Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


das_mittelmeer:lebensraeume:benthal_und_pelagial

Unterschiede

Hier werden die Unterschiede zwischen zwei Versionen gezeigt.

Link zu dieser Vergleichsansicht

das_mittelmeer:lebensraeume:benthal_und_pelagial [2015/08/26 11:44]
jakob angelegt
das_mittelmeer:lebensraeume:benthal_und_pelagial [2015/09/02 15:17]
jakob
Zeile 3: Zeile 3:
 Man unterscheidet grundsätzlich zwischen dem Benthal und dem Pelagial, zwischen zwei grundverschiedenen Reichen mit eigenen Gesetzmäßigkeiten,​ allerdings mit den bereits betonten Wechselwirkungen. Unter Benthal (gr. benthos = Tiefe) versteht man die Gesamtheit aller Lebensräume des Meeresbodens,​ von der Wasserlinie bis in die Tiefseegräben;​ unter Pelagial (gr. pelagos = offene See) den Freiwasserraum eines Gewässers bzw. die Gesamtheit aller Lebensräume des Freiwassers von der küstennahen Zone bis zur Hochsee. Man unterscheidet grundsätzlich zwischen dem Benthal und dem Pelagial, zwischen zwei grundverschiedenen Reichen mit eigenen Gesetzmäßigkeiten,​ allerdings mit den bereits betonten Wechselwirkungen. Unter Benthal (gr. benthos = Tiefe) versteht man die Gesamtheit aller Lebensräume des Meeresbodens,​ von der Wasserlinie bis in die Tiefseegräben;​ unter Pelagial (gr. pelagos = offene See) den Freiwasserraum eines Gewässers bzw. die Gesamtheit aller Lebensräume des Freiwassers von der küstennahen Zone bis zur Hochsee.
  
-Benthal und Pelagial werden entlang ihrer vertikalen Ausdehnung (bathymetrische Gliederung) mit zunehmender Tiefe in weitere Teilbereiche gegliedert: das Benthal in das Litoral, Bathyal und Abyssal (Hadal); das Pelagial in das Epi-, Meso-, Bathy- und Abyssopelagial (Hadopelagial). Das Mittelmeer erreicht nur an wenigen Stellen Tiefen, bei denen man von echten Tiefsee-Ebenen (abyssal plain) sprechen kann, da diese der Definition nach bei etwa 4000 m Tiefe oder darunter beginnen. Bestimmte charakteristische Isothermen der Tiefsee – etwa 4 °C – kommen im Mittelmeer überhaupt nicht vor. Scharfe Abgrenzungen zwischen Bathyal, Abyssal und Tiefseegräben sind kaum möglich. Dennoch spricht man an vielen Stellen vom Abyssal (z. B. Ionian abyssal plain), und die UNEP-Richtlinien führen das Abyssal an (biocenosis of abyssal muds). Das Hadal, Tiefseegräben unterhalb von 6000 m mit zum Teil steil abfallenden Wänden, fehlt als definierter Lebensraum im Mittelmeer, obwohl es Tiefseegräben gibt.+Benthal und Pelagial werden entlang ihrer vertikalen Ausdehnung (bathymetrische Gliederung) mit zunehmender Tiefe in weitere Teilbereiche gegliedert: das Benthal in das Litoral, Bathyal und Abyssal (Hadal); das Pelagial in das Epi-, Meso-, Bathy- und Abyssopelagial (Hadopelagial). Das Mittelmeer erreicht nur an wenigen Stellen Tiefen, bei denen man von echten Tiefsee-Ebenen (abyssal plain) sprechen kann, da diese der Definition nach bei etwa 4.000 m Tiefe oder darunter beginnen. Bestimmte charakteristische Isothermen der Tiefsee – etwa 4 °C – kommen im Mittelmeer überhaupt nicht vor. Scharfe Abgrenzungen zwischen Bathyal, Abyssal und Tiefseegräben sind kaum möglich. Dennoch spricht man an vielen Stellen vom Abyssal (z. B. Ionian abyssal plain), und die UNEP-Richtlinien führen das Abyssal an (biocenosis of abyssal muds). Das Hadal, Tiefseegräben unterhalb von 6.000 m mit zum Teil steil abfallenden Wänden, fehlt als definierter Lebensraum im Mittelmeer, obwohl es Tiefseegräben gibt.
  
-Die Gliederung des Benthals ist wesentlich komplexer als jene des Pelagials. Die Vielfalt und unterschiedliche Beschaffenheit benthischer Lebensräume ist im Vergleich zum Freiwasser auf den ersten Blick offensichtlich:​ primäre und sekundäre Hartböden, Sedimentböden unterschiedlicher Körnigkeit von feinem Schlamm bis zu grobem Sand, Kies, Geröll- und Blockfelder mit dazugehörigen Lückenräumen,​ durch Makrophytengeprägtes Phytal sind nur einige von ihnen. Die unterschiedliche,​ abwechslungsreiche Beschaffenheit des Substrats und die zum Teil starke topographische Gliederung lassen im Zusammenspiel mit den unterschiedlichen abiotischen und biotischen Faktoren wie Licht, Wasserbewegung und Bewuchs eine Vielzahl spezifischer „Lebensräume“ oder Fazies entstehen. Daraus resultiert die wesentlich höhere Artendiversität des Benthals im Vergleich zum homogeneren Pelagial.+Die Gliederung des Benthals ist wesentlich komplexer als jene des Pelagials. Die Vielfalt und unterschiedliche Beschaffenheit benthischer Lebensräume ist im Vergleich zum Freiwasser auf den ersten Blick offensichtlich:​ primäre und sekundäre Hartböden, Sedimentböden unterschiedlicher Körnigkeit von feinem Schlamm bis zu grobem Sand, Kies, Geröll- und Blockfelder mit dazugehörigen Lückenräumen,​ durch Makrophyten geprägtes Phytal sind nur einige von ihnen. Die unterschiedliche,​ abwechslungsreiche Beschaffenheit des Substrats und die zum Teil starke topographische Gliederung lassen im Zusammenspiel mit den unterschiedlichen abiotischen und biotischen Faktoren wie Licht, Wasserbewegung und Bewuchs eine Vielzahl spezifischer „Lebensräume“ oder Fazies entstehen. Daraus resultiert die wesentlich höhere Artendiversität des Benthals im Vergleich zum homogeneren Pelagial.
  
 Besonders hoch ist die Biodiversität auf Hartböden, auf Substraten, die unbeweglich oder nur wenig beweglich sind und dank den hydrodynamischen Bedingungen (Strömung, Wellen, Gezeiten) weniger von Sedimentation betroffen sind. Für die hier lebenden sessilen und hemisessilen Organismen – ob pflanzlich oder tierisch – bedeutet das einen sicheren, stabilen Lebensraum, der weniger dramatischen Veränderungen unterworfen ist als etwa exponierte, ständig in Veränderung begriffene mobile Sand- oder Geröllgründe. Besonders hoch ist die Biodiversität auf Hartböden, auf Substraten, die unbeweglich oder nur wenig beweglich sind und dank den hydrodynamischen Bedingungen (Strömung, Wellen, Gezeiten) weniger von Sedimentation betroffen sind. Für die hier lebenden sessilen und hemisessilen Organismen – ob pflanzlich oder tierisch – bedeutet das einen sicheren, stabilen Lebensraum, der weniger dramatischen Veränderungen unterworfen ist als etwa exponierte, ständig in Veränderung begriffene mobile Sand- oder Geröllgründe.
Zeile 15: Zeile 15:
 Es stellt sich die eher philosophische,​ weil naturwissenschaftlich schwer eindeutig zu beantwortende Frage, ob Raumkonkurrenz als alleiniger Aspekt und einziges Erklärungsmodell die Vielfalt der Aufwuchsorganismen erklären kann. Der Konkurrenz als ökologisch allumfassendem Erklärungsmodell wird in den Analysen vielleicht ein zu hoher Stellenwert eingeräumt. Um das Wesen und die Vielfalt der Benthosgemeinschaft auf engstem Raum zu beschreiben,​ wäre Koexistenz in vielen Fällen der treffendere Ausdruck. Die Besiedler nutzen zwar andere Organismen vielfach als Unterlage, müssen sie aber dadurch nicht in jedem Fall schädigen. Die mit Algen, Schwämmen, Hydrozoen, Moostierchen,​ Polychaeten,​ Mollusken sowie weiteren Tieren und Pflanzen bis zur Unkenntlichkeit bewachsene Seescheide Microcosmus sulcatus ist das wohl bekannteste Beispiel dieser Art. Es stellt sich die eher philosophische,​ weil naturwissenschaftlich schwer eindeutig zu beantwortende Frage, ob Raumkonkurrenz als alleiniger Aspekt und einziges Erklärungsmodell die Vielfalt der Aufwuchsorganismen erklären kann. Der Konkurrenz als ökologisch allumfassendem Erklärungsmodell wird in den Analysen vielleicht ein zu hoher Stellenwert eingeräumt. Um das Wesen und die Vielfalt der Benthosgemeinschaft auf engstem Raum zu beschreiben,​ wäre Koexistenz in vielen Fällen der treffendere Ausdruck. Die Besiedler nutzen zwar andere Organismen vielfach als Unterlage, müssen sie aber dadurch nicht in jedem Fall schädigen. Die mit Algen, Schwämmen, Hydrozoen, Moostierchen,​ Polychaeten,​ Mollusken sowie weiteren Tieren und Pflanzen bis zur Unkenntlichkeit bewachsene Seescheide Microcosmus sulcatus ist das wohl bekannteste Beispiel dieser Art.
  
-In vielen anderen Fällen werden die Wirte sehr wohl durch ihre Besiedler geschädigt. Wenn eine „unerwünschte“ Besiedelung durch Epibionten zu dicht wird und überhand nimmt, kann der Wirt absterben. Dazu kommt es unter anderem verstärkt, wenn das ökologische Gleichgewicht durch Eutrophierung gestört ist, wodurch bestimmte euryökeArten begünstigt und andere Arten benachteiligt werden. Aufwuchsorganismen können unter dicken Algenteppichen ersticken.+In vielen anderen Fällen werden die Wirte sehr wohl durch ihre Besiedler geschädigt. Wenn eine „unerwünschte“ Besiedelung durch Epibionten zu dicht wird und überhand nimmt, kann der Wirt absterben. Dazu kommt es unter anderem verstärkt, wenn das ökologische Gleichgewicht durch Eutrophierung gestört ist, wodurch bestimmte euryöke Arten begünstigt und andere Arten benachteiligt werden. Aufwuchsorganismen können unter dicken Algenteppichen ersticken.
  
 In dem nicht durch Eutrophierung gestörten Infralitoral lässt sich hingegen die Koexistenz der Aufwuchsorganismen in ihrer ganzen Vielfalt beobachten. Derartige kleine, komplexe „Mikrokosmen“ aus Kleinstorganismen sowie pflanzlichen und tierischen Besiedlern entstehen auf kleinsten, durch andere Organismen bereitgestellten oder vorbereiteten Flächen, etwa auf Seepocken, den Röhren sedentärer Polychaeten,​ Muschel- und Schneckenschalen usw. Diese kleinen Lebensgemeinschaften mit ihrem ökologischen Wechselspiel und all ihren Zusammenhängen sind schwer zu erfassen und in den meisten Fällen nur unvollständig untersucht. Für Koexistenzen,​ von denen ein oder mehrere Partner profitieren,​ gibt es zahlreiche Möglichkeiten. In dem nicht durch Eutrophierung gestörten Infralitoral lässt sich hingegen die Koexistenz der Aufwuchsorganismen in ihrer ganzen Vielfalt beobachten. Derartige kleine, komplexe „Mikrokosmen“ aus Kleinstorganismen sowie pflanzlichen und tierischen Besiedlern entstehen auf kleinsten, durch andere Organismen bereitgestellten oder vorbereiteten Flächen, etwa auf Seepocken, den Röhren sedentärer Polychaeten,​ Muschel- und Schneckenschalen usw. Diese kleinen Lebensgemeinschaften mit ihrem ökologischen Wechselspiel und all ihren Zusammenhängen sind schwer zu erfassen und in den meisten Fällen nur unvollständig untersucht. Für Koexistenzen,​ von denen ein oder mehrere Partner profitieren,​ gibt es zahlreiche Möglichkeiten.
das_mittelmeer/lebensraeume/benthal_und_pelagial.txt · Zuletzt geändert: 2015/09/02 15:17 von jakob