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das_mittelmeer:biogeographie:endemische_elemente

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das_mittelmeer:biogeographie:endemische_elemente [2015/08/26 15:02] (aktuell)
jakob angelegt
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 +====== Endemische Elemente ======
  
 +Die hohe Anzahl endemischer Arten ist eines der hervorstechendsten Charakteristika des Mittelmeeres. Endemismen haben eine große Bedeutung als Ausdruck entwicklungsgeschichtlicher Isolation und sind besonders geeignet, die Abgrenzung biogeographischer Bereiche festzustellen.
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 +Allerdings muss man zwischen Endemismen sensu stricto (s. s. = im engeren Sinn, also nur im Mittelmeer) und sensu lato (s. l. = im weiteren Sinn, also auch im Atlantik und/oder im Schwarzen Meer) unterscheiden. Neue Untersuchungen reduzieren in der Regel die Anzahl der Endemismen sensu stricto zugunsten derer sensu lato. Der größte Teil der Endemiten lebt benthisch im Phytal – ein Hinweis auf die allgemeine Tendenz, dass die meisten Endemiten im Mittelmeer in flacheren Gewässern zu finden sind und ihre Anzahl mit der Tiefe abnimmt. Nur eine kleine Gruppe von strikt abyssalen endemischen Arten ist bekannt. Einige dieser Arten werden wegen ihrer begrenzten geographischen Ausdehnung auch als biogeographische Indikatoren betrachtet. Rissoella verruculosa beispielsweise kommt ausschließlich im westlichen, Beckerella mediterranea hingegen nur im östlichen Mittelmeer vor (beides Rhodophyceae). Jedoch ist auch bei beweglichen Organismen der Anteil der Endemiten beachtlich.
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 +Paläoendemisch (indopazifischer Ursprung): Paläoendemiten sind „alte“ Endemiten indopazifischen Ursprungs (Tethysrelikte). Es handelt sich um alte, stabile Arten, die kaum Entwicklungspotenzial haben (lebende Fossilien). Beispiele unter den Fischen sind die rezenten Arten der ausgeprägt euryhalinen Gattung Aphanius (Cyprinodontidae) und der Leierfisch Callionymus pusillus (Callionymidae). Als Beispiel unter den Brachyura nennt Forest (1972) Paragalene longicrura. Bedulli und Sabelli (1990) erwähnen unter den Mollusken Thiara tuberculata aus dem Ostmediterran. Einer der bekanntesten Paläoendemiten ist sicherlich das Seegras Posidonia oceanica; eine zweite Art der Gattung, P. australis, kommt in australischen Gewässern vor. Cinelli (1985) nennt einige Algenarten, die sich wahrscheinlich schon während des Mesozoikums im westlichen Teil der Tethys entwickelt haben: Rissoella verruculosa,​ Beckerella mediterranea,​ Rodriguezella strafforelli unter den Rotalgen sowie Laminaria rodriguezii und Mesospora mediterranea unter den Braunalgen. Giaccone (1990) stellt die Frage, ob ihr Refugium in mediterranen Randbereichen oder im senegalesischen Atlantik liegt. Besonders viele Paläoendemiten findet man heute in der Südägäis und im Ionischen Meer.
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 +Neoendemisch:​ Neoendemiten sind atlantischen Ursprungs, stammen also von Migranten ab, die seit dem Beginn des Pliozäns das Mittelmeer neu besiedelt haben. Ein interessantes Beispiel unter den Fischen bietet die bereits erwähnte Familie Istiophoridae (Speerfische,​ Marlins), zu der viele panozeanische Arten zählen. Vier Arten der Gattung Tetrapturus kommen im Mittelmeer vor: T. belone ist im Mittelmeer sensu stricto-endemisch;​ T. georgei, T. albicans und T. albidus, die im Wesentlichen nur in südwestlichen Teilen des Mittelmeeres auftreten, sind vorwiegend atlantisch bzw. atlantisch-mediterran. Die Gattung könnte eine jener rein marinen Gruppen sein, die während der Messinischen Salinitätskrise verschwunden sind, um das Mittelmeer ab dem Pliozän aus niedrigeren Breiten des Atlantiks wieder zu bevölkern.
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 +Die große Anzahl relativ junger Neoendemiten lässt auf ein hohes Entwicklungspotenzial und einen sehr schnellen Artenbildungsprozess schließen. Ein besonderes Beispiel liefert die Braunalgengattung Cystoseira, deren Arten laut Giaccone (1972) zu 80 Prozent neoendemisch sind. Diese Gattung weist zwei aktive Speziationszentren auf. Das für Arten des oberen Infralitorals liegt im Westmediterran,​ während jenes für Arten des mittleren und unteren Infralitorals im Ostmediterran liegt.
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 +Die Anzahl der Neoendemiten nimmt gegenüber den Paläoendemiten mit der Tiefe zu, so dass Tiefsee-Endemiten durchweg Neoendemiten sind. Im Einzelfall kann es allerdings recht problematisch sein zu entscheiden,​ ob es sich tatsächlich um einstige Tethys- oder Borealrelikte handelt, um prä-Lesseps’sche oder Lesseps’sche Rotmeer-Immigranten oder lediglich um eingeschleppte oder circumtropische Arten, die durch die Straße von Gibraltar eingewandert sind.
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 +Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass der Ursprung der meisten Organismen atlantisch ist – oder es sind Endemiten. Ein Beispiel für Demospongia (Porifera), Ascidiacea (Tunicata), Nudibranchia (Gastropoda,​ Mollusca) und Brackwassermollusken gibt. Jedes Taxon bietet hinsichtlich der Artenzusammensetzung im Mittelmeer ein anderes Bild. Beispielsweise zeigen Porifera, Brachiopoda (Tentaculata) und Opisthobranchia (Gastropoda,​ Mollusca) eine besonders starke „kalte“ (atlantisch-boreale) Affinität, während Serpulidae und Hydrozoa eine vorwiegende „warme“ (circumtropische,​ indopazifische) haben. Verschiedene Taxa zeigen im Mittelmeer einen unterschiedlichen Grad an Endemismen sensu stricto, am stärksten ist er unter den Taxa mit „kalter“ Affinität.
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 +Das chorologische Spektrum der Meeresflora Siziliens, die zwei Drittel der mediterranen Flora umfasst. Die chorologischen Kategorien der marinen Flora Siziliens, die für das gesamte Mittelmeer gelten, wurden von Cormaci et al. (1982) untersucht.
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 +Leider existiert für die einzelnen chorologischen Kategorien bei verschiedenen Organismengruppen keine einheitliche Terminologie. Die in diesem Kapitel gewählte Einteilung – kosmopolitisch,​ circumtropisch,​ indopazifisch,​ atlantisch-subtropisch,​ atlantisch-boreal und endemisch – wird in dieser Form von verschiedenen Autoren benutzt und kann andererseits als Synthese der von anderen Autoren gewählten Kategorien gelten.
das_mittelmeer/biogeographie/endemische_elemente.txt · Zuletzt geändert: 2015/08/26 15:02 von jakob