Umweltschutz am Mittelmeer

Umweltschutz am Mittelmeer, eine Herausforderung in Gegenwart und Zukunft – es geht uns alle an!

 

Nach der Meinung vieler Wissenschaftler spiegeln die mythologischen biblischen Geschichten rund um das Paradies, den Garten Eden, eine reale historische Wirklichkeit wieder, einen einzigartigen und unumkehrbaren Umbruch in der Geschichte unserer Art, eine wahre Revolution, nämlich die neolithische. Die Jäger und Sammler führten ein völlig anderes Leben, als ihre Nachkommen 10 000 Jahre später, als sie zu Bauern und Haustierzüchtern wurden.

In der Zeit der Jäger und Sammler war eine massive Überbevölkerung gar nicht möglich, erst die beginnende „Massenproduktion“ von Pflanzen und Tieren machte bald ein massives Anwachsen der Population möglich. Vor etwa 20 000 Jahren lebten bloß 45 000 Menschen in der Mittelmeerregion, einer auf 60 Quadratkilometer. Zu Homers Zeit, also gute 17.000 Jahre später, gab es geschätzte 20 Millionen Vertreter unserer Art im mediterranen Becken. Und heute, heute leben an seinen Ufern weit über 200 Millionen Menschen, zu denen sich an die 350 Millionen Besucher und Touristen jährlich gesellen.

Für die Meeresschutzorganisation MareMundi ist das Europäische Mittelmeer ein Schwerpunkthema. In einer „Charta für das Mittelmeer“ in 5 Sprachen haben wir auf  die zahlreichen Gefahren hingewiesen, die dem Mittelmeer als Ökosystem drohen: https://mare-mundi.org/unser-meer-unsere-sorge-die-charta-fuer-das-mittelmeer-in-5-sprachen/ . Gezielte Forschung, Öffentlichkeitsarbeit und Erziehung sollen dazu beitragen, das öffentliche Bewusstsein und die individuelle Verantwortung für das Mittelmeer zu fördern und zu verstärken. Wir rufen jeden Einzelnen auf, seine persönliche Verantwortung wahrzunehmen und die im eigenen Wirkungsbereich möglichen Schritte zu setzen.

Eine konkrete Möglichkeit bietet sich vielen Biologen, Tauchern, Fotografen, Reisenden, Forschern, Studenten und anderen Liebhabern der mediterranen Region in Kooperation mit MareMundi an: Unter dem Motto „Wir schützen Das Mittelmeer“ wollen wir auch Sie dazu motivieren, mitzuhelfen! Werden wir gemeinsam zum Motor einer positiven Entwicklung für die kommenden Jahrzehnte!

Ihre Unterstützung für die Fertigstellung des bisher größten international angelegten wissenschaftlichen Standardwerkes über das Europäische Mittelmeer in vier Bänden (Das Mittelmeer“ ) soll u.a. dazu beitragen, neben der Öffentlichkeit auch wichtige politische Entscheidungsträger, einflussreiche Persönlichkeiten und Vertreter der Wirtschaft für die Projektziele zu begeistern.

So werden wir eine breite Front für den Mittelmeerschutz schaffen um vermehrt auch Meeresschutzgebiete einrichten zu können. Mit einer geringen finanziellen Initialzündung lässt sich eine positive Kaskade von Entwicklungen für die nächsten Jahrzehnte einleiten.

Faszinierende Werke wie Das Mittelmeer“ (unter Mitwirkung von 200 internationalen Experten), herausgegeben von Robert Hofrichter, können die Welt positiv verändern: „Feder und Papier entzünden mehr Feuer als alle Streichhölzer der Welt“ (Malcolm Forbes)

Das Mittelmeer ist eines der am stärksten bedrohten Meere der Welt. Nur gerade 0,04 % (!) seiner Gesamtfläche sind als no go areas wirklich streng geschützt, obwohl die Empfehlung der IUCN (International Union for Conservation of Nature) bei zwei Prozent liegt.

Sie haben negative Entwicklungen beobachtet und Sie vielleicht fotografisch dokumentiert?

Sie haben Ölverschmutzung auf Bildern festgehalten?

Sie erleben den Niedergang beliebter Buchten durch Einleitung ungeklärter Abwässer oder beobachten, wie der ausufernder Massentourismus Küstenabschnitte zerstört?

Sie verfolgen als Taucher den Niedergang von Lebensräumen in mediterranen Gewässern, das Verschwinden von Arten, die Degradation von Ökosystemen und den Rückgang der Biodiversität?

Sie regen sich über Strände auf, die völlig durch Plastik verschmutzt sind?

Helfen Sie uns diese negativen Entwicklungen zu dokumentieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen!

MareMundi wird solche Informationen in das große Werk „Das Mittelmeer“ einbauen und sie auch auf den Webseiten der Öffentlichkeit zugänglich machen. Schreiben Sie Robert Hofrichter auf mittelmeer@aon.at! Wir bedanken uns jetzt schon dafür.

 

Mosaikhafte Beispiele für umweltrelevante Themen

In den kommenden Wochen und Monaten möchte Sie MareMundi regelmäßig über umweltrelevante Themen aus dem Mittelmeerraum informieren. Sie werden bemerken, dass es sich um recht unterschiedliche Geschichten handelt. Doch allen gemeinsam ist die Sorge um die ökologische Zukunft des Mediterrans. Werden auch Sie zu Umweltreporter für eine bessere, nachhaltige Zukunft des Mittelmeeres!

Santorin: Eines der unzähligen Beispiele für Umweltprobleme im Mittelmeerraum 

Santorin (Archipel mit der Hauptinsel Thira), die Perle der Kykladen, wird an manchen Sommertagen durch 70 000 Touristen überrollt (bei weniger als 18 000 Einwohnern). Zahlreiche Kreuzfahrtschiffe gehen dann in der etwa 84,5 km² großen Caldera vor Anker.

Geradezu symbolhaft für die Unfähigkeit ganzer Staaten und der EU, wirklich zu handeln, ist der Fall des am 6. April 2007 direkt vor dem Steilufer von Thíra gesunkenen Kreuzfahrtschiffs Sea Diamond, das bis heute am Grund des meeresüberfluteten Kraters liegt. Die EU-Kommission erklärte zwar das Wrack 2008 zu Müll, doch geändert hat das nichts. Schwimmende Barrieren sollen seit mehr als zehn Jahren das austretende Öl zurückhalten, eine geradezu lächerliche und völlig wirkungslose Maßnahme.

Das Ufer ist ölverschmiert, die Müllentsorgung der Insel ist unzureichend und ungelöst, der Massentourismus, die rege Bautätigkeit, zu viele Fahrzeuge, Abgase und Lärm belasten die Umwelt massiv.

Und noch ein Blick in die Geschichte: Jene populäre Theorie, nach der die Minoische (auch Thíra- oder Santorin-) Eruption der Stärke 7 auf dem Vulkanexplosivitätsindex (VEI) mit einem anschließenden Tsunami ca. 1.600 v. Chr. direkt zum Untergang der Minoischen Kultur führte, wird heute nicht mehr anerkannt. Diese großartige Kultur mit Zentrum auf Kreta ging erst mit einiger Verspätung etwa ein halbes Jahrhundert danach zugrunde. Indirekte Auswirkungen wie Beschädigung der Schiffsflotte, Zusammenbruch des Handels und ähnliche werden jedoch diskutiert. Die exakte Datierung der Eruption ist schwierig, weil naturwissenschaftliche Befunde den historiografischen mit einer Differenz von 100 Jahren widersprechen.

Die Kykladen sind Teil einer Subduktionszone und eines vulkanischen Inselbogens (Hellenischer Bogen) – die afrikanische Platte prallt mit der eurasischen zusammen.

Hitchkocks „Vögel“: Mittelmeermöwen (Larus michahellis) in Rom

Die in vielen Regionen des Beckens häufigste Möwenart ist ein gutes Beispiel dafür, wie manche Kulturfolger in menschlichen Siedlungen (oder gar Metropolen wie Rom und Venedig) Überhand nehmen, während die allermeisten Arten des Beckens oder auch migrierende Spezies bedroht sind und in den Beständen abnehmen.

Die gabbiani, wie sie auf italienisch heißen, sind ein kurioses Beispiel dafür, wie der Mensch die mediterrane Natur verändert – von der prähistorischen Zeit bis in die Gegenwart. Der Auslöser der Möwenplage war nämlich ein Überangebot an Abfällen in den Städten als Folge versagender kommunaler Dienste (die z. T. in der Hand der Mafia waren oder sind). „Der Müll der Zivilisation ziehe Tischgenossen wie Ratten, Raben, Mäuse und Möwen an“, formulierte ein Verhaltensforscher.

Die Medien sprechen von einem Sicherheitsproblem, von einer Möwen-Plage, und phantasievolle Beobachter fühlen sich an das Horror-Szenario aus Alfred Hitchcocks „Die Vögel“ erinnert. Selbst eine weiße Friedenstaube von Papst Franziskus, wurde in Rom vor den Augen unzähliger Gläubiger von einer Mittelmeermöwe erbeutet. In Venedig hat ein Heimatverein ein „Manifest gegen die Möwen“ organisiert. Denn die berühmten Tauben der Lagunenstadt müssen seit Jahren um ihr Leben fürchten. Die Möwen fallen über sie her und zerfleischen sie vor den Touristen.

Illegale Mülldeponien in Schutzgebieten locken Möwen an, die frisch geschlüpfte Meeresschildkröten auffressen

Die Fremdenverkehrswerbung von Zakynthos (Ionische Inseln) verspricht: Die schönen Strände eignen sich perfekt für einen Familienurlaub und dienen zugleich als wichtiger Nistplatz für die Karettschildkröte.

Gemeint ist die Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta), die einzige Meeresschildkrötenart, die man im Mittelmeer noch in nennenswerten Zahlen findet.

Doch das Zitat deutet auch schon die wesentlichen Probleme an: Im Internet wird groß Werbung für Bootsausflüge zum Marathonisi Strand gemacht, einem Teil des National Marine Park of Zakynthos.

Doch wie man auf Zakynthos und überall sonst in Griechenland sieht, vertragen sich der Massentourismus und der Schutz der Niststrände nicht. Die Unechte Karettschildkröte ist eine prioritäre Art der FFH-Richtlinie der EU und somit eine streng zu schützende Art von gemeinschaftlichem Interesse. Die Mitgliedstaaten müssen besondere Schutzgebiete für diese Arten ausweisen. Das wird ja formell vielfach auch erfüllt, doch ist bei gleichzeitigem touristischem Massenbetrieb an Stränden kein effektiver Schutz möglich.

Nur der unermüdlichen Arbeit von NGOs können wir eine gewisse und relative Einhaltung der Gesetze, Rettung von Nestern und Pflege der Niststrände verdanken. Federführend ist der 1983 gegründete Verein zum Schutz der Meeresschildkröten Griechenlands, ARCHELON, ein Partner der UNEP, der auch „Erste Hilfe – Stationen“ für Meeresschildkröten betreibt. Auf Zakynthos, Peloponnes und Kreta werden die wichtigsten Niststrände überwacht und Nester geschützt, ein Monitoring der Populationsentwicklung durchgeführt, die Öffentlichkeit aufgeklärt und informiert und Managementpläne für die wichtigsten Nistgebiete ausgearbeitet und umgesetzt.

Und wiederum kommen wir zu den Möwen zurück: Durch unzählige illegale Mülldeponien, die es in und um Nationalparks und Schutzgebiete in Griechenland haufenweise gibt, werden Möwenkolonien angelockt. Die machen jede Schutzbemühung für Meeresschildkröten und die Strände zunichte, denn sie fressen die frisch geschlüpften Tiere noch am Strand oder im seichten Wasser einfach auf.

 

 

 

Bericht: Dr. Robert Hofrichter

Fotos: Dr. Robert Hofrichter, MareMundi