Der Elch (Alces alces) - ein Portrait

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Der Elch (Alces alces) - ein Portrait

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 11 Feb 2007 09:37

Der Elch (Alces alces)

Groß und geheimnisvoll wie der Hohe Norden


“… Das Elend-Thier ist ein einfältiges, dummes, und furchtsames Tier, wehret sich gegen seinen Feind nicht mit seinen Geweihen, oder Zähnen, sondern mit Ausschlagen der Klauen und Hinterfüsse. Diese, ob sie gleich starck, und alsbald einen Wolff damit zu todte, oder ein mittelmäßiges Bäumlein umschlagen können, suchet es sich doch lieber mit der Flucht zu retten, oder verbirgt sich in eine tieffe Höhle oder Gruben, zuweilen rennet es an einen Fluß, nimmt das Maul voll Wasser, weil dieses nun gleich darinne siedend heiß wird, speyet es solches sogleich denen Hetzhunden ins Gesichte, daß sie entweder ganz blind werden, oder wenigstens so lange des Gesichts beraubet bleiben, biß das Elend mit der Flucht davon kommen kan. Aus Furcht gehet es nicht leicht allein, sondern Compagnienweise, sie folgen einander in den Fußstapffen so genau nach, daß man, wenn Schnee liegt, gewiß dencken solte, es wäre nur ein Elend allda gelauffen … Das Elend-Thier ist sehr piiieps.“

Zedlers Universallexicon, 1732


Legende und exakte Naturbeobachtung vermischen sich in der alten Beschreibung aus Zedlers Universallexicon. Nun klopft der kolossale Hirsch nach fast tausend Jahren wieder an unsere Tür. Noch ist der - paläontologischen Funden zufolge - “echte Europäer“, dessen Evolution sich wohl am alten Kontinent abgespielt hat, in Österreich und den meisten anderen mitteleuropäischen Ländern ein seltener Besucher. Doch als ausdauernder Wanderer wird der Elch wohl wieder Gebiete einnehmen, in denen er ausgerottet worden ist - vorausgesetzt, dass in erreichbarer Entfernung eine Elchpopulation überlebt hat. Was erwartet das “Elendtier“ in seiner alten neuen Heimat?


Liebenswürdig oder nicht?

Über Schönheit lässt sich bekanntlich ebensowenig streiten wie über den Geschmack. Den Elch als ein missglücktes Experiment der Natur zu sehen, wie es der Publizist von Tierbüchern, Kurt Floericke, 1920 beim Elch im folgenden Zitat gemacht hat, führt jedoch zu weit: “Der plumpe Pferdeschädel mit der ungeheuerlichen Ramsnase, die kleinen, tückisch blinzelnden Schweinsaugen, die schlotternde, weichledrige Oberlippe, die ständig spielenden Eselsohren, die hässliche Halswamme mit dem langen Bart, das schwere Schaufelgeweih, der Kamelbuckel am Vorderrist, der giraffenartig steil abfallende Hinterrist, die hohen, weiß schimmernden Stelzenläufe und das winzige Stummelschwänzchen - dies alles vereinigt sich zu einem Bild, das vorsintflutlich, fremdartig und reckenhaft anmutet, den Forscher und Jäger im höchsten Grad fesselt, aber doch nicht eigentlich schön genannt werden kann."
Dem “Sumpfesel“, so wird der Elch wegen seiner großen Ohren und des feuchten Lebensraums auch genannt, werden in typisch unsachlicher Manier ebenfalls etliche schlechte menschliche Eigenschaften unterstellt, so z. B. dass er dumm und faul sei: Solange er etwas zu fressen findet, kann der phlegmatische Schaufler den ganzen Tag in einem Radius von 20 Metern verbringen. Außerdem entspricht sein Sozialverhalten nicht dem menschlichen Ideal einer glücklichen Familie. Kaum ist die Zeugung vorbei, trottet der Hirsch davon, ohne die Kuh eines Blickes zu würdigen, geschweige denn, sich um den Nachwuchs zu kümmern. Dass er in eine selbst gescharrte Grube uriniert, um sich nachher darin zu wälzen und bis zum Himmel zu stinken, gefällt auch nicht jedem.
Überhaupt sind sachliche und vergnügliche, kuriose und unwahrscheinliche Geschichten über den Elch im “weltweiten Netz“ sonder Zahl zu finden: die Bandbreite reicht vom Ikea-Wald bis zu Elcherlebnissen im Straßenverkehr, vom “Liebesleben der Elche im Saaletal“ und Elchfabeln bis zu Zeitungsberichten vom UFO-Elch. Selbst als Kinderschreck muss der Elch herhalten: Auf der Kurischen Nehrung (ehemals Ostpreußen) soll er - wie in anderen Gebieten der “Schwarze Mann“ - Furcht einflößen: Unartigen Kindern drohte man, dass der Elch käme und sie auf seine großen Schaufeln legen und in den dunklen Wald verschleppen würde. Andererseits scheint der Elch den Menschen zu faszinieren. In Schweden werden unzählige Straßenschilder mit der Abbildung eines Elches als Souvenir gestohlen. Horst Kühne, ein gebürtiger Deutscher, verkauft an der norwegischen Grenze getrockneten Elchmist in Marmeladegläsern an Touristen. Hobbyzoologen und Elchliebhaber wie etwa Maren Kamke recherchieren jahrelang, um allumfassende und aufwändige Webseiten über dieses Tier zu erstellen (www.alces-alces.com). Den Elch gibt es als Stofftier und als Aufkleber.
Der Elch ist mit einer Schulterhöhe von 230 cm, einer Länge von 300 cm und einem Gewicht von bis zu 500 kg die größte Hirschart der Welt. Wie groß ein Elch aber wirklich ist, weiß nur der, der einem ausgewachsenen Elchbullen mit voll entwickelter Geweihpracht in die Augen geschaut hat. Diese Art hat aber nicht nur eine imposante Größe, sie ist auch wehrhaft, wie Tierpfleger in Wildparks und Zoos bestätigen. Der Elch hat in seiner Entwicklungsgeschichte gelernt, mit Beutegreifern, vor allem mit dem Wolf, zu leben und sich gegen ihn auch zur Wehr zu setzen. Ein Tritt mit seinen äußerst eindrucksvollen, scharfkantigen Hufen kann auch für einen Menschen tödlich sein.

Wird der Elch zu einem Problemkind der Naturschützer?
“Der Elch kehrt ohne menschliche Förderung von selbst nach etwa tausend Jahren zurück. Dies tut er wohl deshalb, weil es hier für ihn wieder günstige Bedingungen gibt. Die Frage, ob wir ihn wollen oder nicht, stellt sich also nicht. Man beschließt ja heutzutage auch nicht mehr, irgend ein anderes heimisches Wildtier - zum Beispiel die Gämse - auszurotten. Der Elch schädigt als Konzentratselektierer vor allem Aufforstungen. Es sollten dem Elch daher geeignete Schutzgebiete zur Verfügung gestellt werden“ (Friederike Spitzenberger).
Der imposante Hirsch überwindet die üblichen forstlichen Schutzzäune mühelos. Er kann vor allem dort beträchtliche Verbissschäden verursachen, wo man zwecks Waldrenaturierung Laubhölzer in die Fichtenmonokulturen eingebracht hat. Ein Konflikt mit dem Elch bahnt sich somit vor allem mit Wald- und Forstbesitzern an. Tatsächlich war ein Abschussantrag das Erste, was Waldeigentümern nach der Einwanderung des ersten Elchs nach Österreich eingefallen ist.
Bei zu hohen Beständen (etwa in Schweden zurzeit 250.000 bis 300.000 oder mehr) überrascht es nicht, dass manche Städter den Elch als Landplage empfinden. Sie ärgern sich, wenn ihre Langlaufloipen von den bratpfannengroßen Tritten durchlöchert sind. Sie regen sich auf, wenn sich ein Stangler in Ortschaften verirrt und der Feierabendverkehr zusammenbricht. Und wenn sie mit dem Auto ins Landhäuschen fahren, fürchten sie, dass ein 400 kg schweres Monster mit dem Geweih voran durch die Windschutzscheibe fliegt. 5% der schweren Verkehrsunfälle in Schweden sollen inzwischen auf Kollisionen mit dem Elch zurückgehen. Eine Lehre für unsere Breiten bei Anstieg der Elchpopulation wird sein: Die Verkehrsschilder, die erhöhten Wildwechsel anzeigen (bekanntlich zeigen diese bei uns einen Hirschen), auch ernst zu nehmen! Übrigens, das berühmte Älgkalops, eine Art Elchgulasch, wissen die Schweden aber schon zu schätzen.
Doch derart hohe Bestände wie in Schweden wird es in Mitteleuropa nie geben, und somit werden sich Verbissschäden und sonstige Probleme in Grenzen halten. Damit sich ein Gleichgewicht einstellen kann, muss eine zweite wichtige Interessengemeinschaft unserer Gesellschaft, nämlich die Jägerschaft, eingebunden werden. Denn der derzeitige Gesamtbestand des Schalenwildes müsste nach einer Etablierung des Elchs in seiner Zusammensetzung leicht angepasst werden - ein wenig mehr Elch auf Kosten von Reh und Hirsch.
Überhaupt verlangt die heutige Zeit von uns mehr ganzheitlich-ökologisches Denken. Letztlich ist die Rückkehr des Elchs nicht nur eine Frage, die zwischen Jägern und Forstbesitzern ausgehandelt wird, denn der Elch ist - obwohl in großen Teilen des Verbreitungsareals auch Kulturfolger - nicht zuletzt Indikator eines “brauchbaren“ Ökosystems. Sein Überleben in einem bestimmten Lebensraum zeigt an, ob dieser ökologisch hochwertig ist. Reine Nadelwälder mag der Elch beispielsweise nicht, und auch wir wissen heute, dass Monokulturen allen Bemühungen, die Biodiversität unserer Natur zu erhalten oder sogar zu erhöhen, entgegenwirken. Die Landschaft, in der sich der Elch wohl fühlt, wird von Bäumen und Sümpfen beherrscht. Er bevorzugt Laubwälder, Erlen- und Birkenbrüche, die Waldtundra, streift aber auch durch Moore, Sümpfe, entlang von Flussläufen und Seen und durch ausgedehnte Schilfbestände - allesamt für andere Lebewesen und das Gesamtökosystem wertvolle Lebensräume, und damit auch für den Menschen wichtig.
So signalisiert uns der Elch das, was wir ohnehin wissen und auch ohne ihn tun müssen: Gewässer renaturieren, künstlich verbaute Fluss- und Bachufer in den natürlichen Zustand versetzen, die Wiedervernässung von einst trockengelegten Flächen zulassen, Moorflächen schützen, intensiv bewirtschaftete Landstriche in extensiv bewirtschaftete überführen, den Anteil an Laubhölzern zu Ungunsten von Fichtenmonokulturen erhöhen und ausgedehnte Schilfflächen fördern. Wenn wir all das tun, wird auch der Elch einen Platz bei uns finden und haben.
Systematik und Verwandtschaft

Elche gehören zu den Paarhufern (Artiodactyla) und innerhalb dieser zur Familie der Hirsche (Cervidae), die weltweit etwa 40 Spezies umfasst. Innerhalb der Hirsche zählen sie zur Unterfamilie der Elchhirsche (Alcinae), die eine einzige Art einschließt. Alle rezenten Elche der Welt gehören demnach nur einer Art an: Alces alces Linneaus, 1758. In seinem natürlichen Verbreitungsgebiet in den kälteren Regionen der Nordhalbkugel (Skandinavien, Kanada, Alaska, Sibirien) - wobei die südliche Verbreitungsgrenze in der Neuen und Alten Welt etwa in Höhe des 50. Breitengrades verläuft - kommt er rezent mit acht Unterarten vor (siehe Seite 100). Von diesen sind vier in Nordamerika und vier in Eurasien anzutreffen. Der Kaukasische Elch (A. a. caucasicus Werestschagin, 1955) wurde vermutlich ausgerottet. Die gewaltigste Unterart und gleichzeitig der größte Hirsch der Erde, der Alaska-Elch, wurde erstmals im Jahr 1897 genauer untersucht. Der damals entdeckte Bulle hatte eine Schulterhöhe von
2,34 m, wog 816 kg und hatte eine Geweihspannweite von 1,99 m.
Der Elch ist wie alle Hirsche ein Wiederkäuer (Ruminantia). Der etwa eine halbe bis eine Stunde nach Nahrungsaufnahme im Pansen vorverdaute Speisebrei wird in den Mundraum zurückbefördert und dort durch mahlende Bewegung der Zähne weiter mechanisch zerkleinert. Der Wolf macht sich diese Besonderheit der Verdauung zu Nutze: Wenn der Elch zu lange gehetzt wird und er seine Verdauungspausen nicht einhalten kann, geht ihm irgendwann “der Saft aus“. Dann kann ein Wolfsrudel selbst ein so großes Tier wie den Elch erbeuten.


Biologie und Lebensweise

Im kurzen nordischen Sommer sind Elche darauf angewiesen, ihre Energie- und Fettreserven möglichst rasch wieder aufzufüllen, um auch den darauf folgenden langen Winter zu überstehen. Der Bedarf an Energie und Nahrung ist daher abhängig von der Jahreszeit, aber auch von der Größe des Tieres und seinem Geschlecht. Wegen des kurzen Halses und der hohen Läufe kann der Elch nur mit einiger Mühe vom Boden fressen, denn der Körper ist dafür gebaut, das Futter von einer gewissen Höhe aufzunehmen. Vom zweiten Lebensjahr an ist der Elch auf eine 50 bis 300 cm hohe Vegetation angewiesen, die er bequem mit dem Maul erreichen kann. Um doch einmal den Boden zu erreichen, muss er entweder die Vorderläufe weit spreizen wie eine Giraffe oder niederknien (er lässt sich auf seine “Handgelenke“ nieder), wie etwa beim Fressen von Heidekraut und Pilzen. Allerdings sind auch Kälber bei der frühen festen Nahrungsaufnahme auf diese Haltung angewiesen.
Während der Brunft fressen die Bullen nicht und verlieren erheblich an Gewicht. Elchkälber nehmen bereits nach zwei bis drei Wochen neben der Muttermilch feste Nahrung wie Kräuter und kleine Zweige zu sich. Ab dem dritten Monat ernähren sie sich schon hauptsächlich von Pflanzen, und im Alter von fünf bis sechs Monaten sind sie völlig entwöhnt. Wie alle Säugetiere braucht auch der Elch Salz und Mineralien, doch die Pflanzenfresser finden in der freien Natur selten Salz. Im Winter lecken Elche deshalb auch Streusalz von den Straßen. Der Geschmackssinn des Elches ist fein ausgebildet. Da er bei der Auswahl seiner Nahrung sehr wählerisch ist, kann er verschiedene Weidenarten sehr gut unterscheiden - was selbst geübten Botanikern manchmal schwer fällt. Die langen Lippen sind zum Abstreifen von Laub eingerichtet.
Von der Geburt bis zum ausgewachsenen Elch duchläuft die Schnauze des Elchs eine umfangreiche Entwicklung. Kälber haben ein relativ kurzes Maul von nur etwa 30 cm. Nach acht oder neun Wochen verlängert sich das Maul, bis es im Alter von etwa sechs Monaten eine Länge von etwa 45 cm erreicht. Die Länge ist jedoch erst im Alter von einem Jahr voll entwickelt. Zu dieser Zeit ist auch die große, stark überhängende Oberlippe, der Muffel, der dem Elch sein charakteristisches Aussehen gibt, ausgewachsen.
Der Geruchssinn des Elches ist sensibel und hervorragend entwickelt - mit einem bis zu 800 cm2 großen Riechepithel im Inneren des Nasenraumes. Er hilft nicht nur, Gefahren aus dem Weg zu gehen und Futter zu finden, sondern dient nicht zuletzt auch der innerartlichen Kommunikation, denn ein großer Teil der “Konversation“ zwischen Elchen läuft über die Duftsprache ab. Die mächtigen Nüstern können übrigens beim Tauchen - denn das kann der Elch auch - zusammengezogen werden. Die verzweigten Nasengänge helfen dem Elch, selbst bei Temperaturen bis zu -50 °C zu überleben. Das gelingt ihm aber nur, weil seine Atemluft in den Nasengängen um etwa 15 °C erwärmt wird, bevor sie in die Lungen gelangt. Unter normalen Umständen schützt das den Elch vor dem Erfrieren. Wird er aber beispielsweise von Wölfen gehetzt, reicht die Nasenatmung nicht mehr aus. Der Elch muss den benötigten Sauerstoff über das offene Maul aufnehmen. Dadurch fällt der Vorwärmeffekt weg, die kalte Luft strömt direkt in die Lungen und vereist sie. Dann hat der Elch keine Chance mehr, seinen Jägern zu entkommen.
Als Waldtier muss sich der Elch auch auf sein Gehör verlassen können. Seine Ohren sind innen und außen behaart und wie Radarantennen in ständiger Bewegung. Sie sind breit, spitz zulaufend, sehr beweglich und stattliche 27 bis 35 cm lang. Ihre Oberfläche kann 430 cm2 erreichen, bei Menschen sind es nur 7 cm2. Die Ohren werden in jene Richtung gedreht, in die der Elch lauschen will. Er kann sie voneinander unabhängig fast in einem kompletten Kreis bewegen und sogar ein Ohr nach vorne und das andere nach hinten richten. Die Fähigkeit, auch schwache Laute mit niedriger Frequenz zu hören, ist beim Elch wesentlich besser entwickelt als beim Menschen, obwohl der für den Elch hörbare Frequenzbereich von 16 bis 21.000 Hz nahezu identisch mit dem eines jungen Menschen ist.
Wie bei den Jahresringen eines Baumes, kann man das genaue Alter eines Elchs an den Zähnen durch die Anzahl der Schmelzfalten feststellen. Durch die teilweise sehr harte und holzige Nahrung nutzen sich die Zähne des Elchs ab und werden im Alter stumpf, bräunlich und bröckelig oder fallen sogar aus. Da der Elch aber in seinem kalten Lebensraum auf die optimale Ausnutzung der Nahrung angewiesen ist, ist die ausreichende Zerkleinerung der holzigen Pflanzen im Maul eminent wichtig. Sind die Zähne zu stark abgenutzt, können sie diese wichtige Aufgabe nicht mehr erfüllen. Infolge dessen wird der Elch schwächer, und seine Feinde haben leichtes Spiel mit ihm.

Der wehrhafte Elch
Große Gefahr von Beutegreifern droht nicht unbedingt den ganz jungen Kälbern, die von der Mutter gewissenhaft bewacht werden, sondern eher den älteren Kälbern im nächsten Frühjahr, die sich schon weiter von der Kuh entfernen. Sie sind dann zwar fast genauso groß wie diese, jedoch noch nicht so stark. Auch fehlt ihnen die Erfahrung, sich erfolgreich einem Angriff entziehen zu können.
Im Frühjahr, wenn die Winterruhe des Bären zu Ende geht, bedeckt immer noch verharschter Schnee den Boden. Auf diesem Untergrund ist selbst ein fast erwachsenes Kalb eine leichte Beute für den Bären, wenn dieses es nicht schafft, rechtzeitig zur Mutter zu kommen. Dem Bären fällt es als Sohlengänger leichter, sich auf dieser Oberfläche zu bewegen als dem Elch, der leicht einbricht.
Während ein einzelner Wolf einen erwachsenen Elch in der Regel nur dann angreift, wenn er alt, krank oder schwach ist, werden Kälber jedes Jahr regelmäßig Opfer von Wölfen. Auch ein erwachsener und gesunder Bulle hat jedoch gegen ein größeres Wolfsrudel in der Regel keine Chance. Er kann zwar normalerweise einen Wolfsangriff abwehren, auf dünnem Eis oder im tiefen Schnee ist ein Rudel aber durchaus in der Lage, einen mächtigen Elch zur Strecke zu bringen. Allerdings wehrt sich ein gesunder Elch seiner Haut, und die Jagd ist auch für den Wolf nicht ungefährlich. Die wichtigste Waffe des Elchs sind kräftige Huftritte und nicht etwa das Geweih. Durch Tritte kann der Angreifer Knochenbrüche erleiden, die dann zwangsläufig zum Tod der verletzten Tiere führen. Der Wolf kann wiederum blutende Wunden in die weichen Flanken des Elches reißen, der aufgrund des Blutverlustes schnell schwächer wird und dann überwältigt werden kann.
Die gefährlichen Elchhufe bestehen aus zwei starken, ziemlich schmalen und spitzen Hauptklauen, den so genannten Schalen, die bis zu 18 cm lang sind, und den kräftig entwickelten Afterklauen. Sie sind schwarz und lang gezogen. Die Vorderlaufschalen sind etwas größer und breiter als die der Hinterläufe. Die Schalen sind sehr stark und haben durch eine außen verlaufende Hornschicht eine außerordentlich feste Vorderkante.
Infolge der intensiven Bejagung von Wölfen und Bären bis zu ihrer gebietsweisen Ausrottung im letzten Jahrhundert gibt es Gegenden, in denen der Elch seit Jahrzehnten ohne die Präsenz von Raubtieren lebt. Wissenschaftler in den USA haben festgestellt, dass er dann nicht einmal auf Raubtierwitterung reagiert. Doch das wird sich bei einer fortschreitenden “Rückkehr der Wildtiere“ ändern. Denn etwa in Nordschweden entwickelt sich langsam wieder eine nennenswerte Wolfspopulation und in den Nationalparks Nordamerikas werden Wölfe und Bären ausgewildert. Dabei hat man festgestellt, dass der Elch in der Lage ist, relativ schnell Furcht vor seinen Feinden zu entwickeln, auch wenn er vorher noch nie mit Raubtieren in Kontakt gekommen ist. Innerhalb einer Elchgeneration von rund sieben Jahren ist er dann genauso vorsichtig wie der Elch aus Gebieten, in denen es immer Raubtiere gegeben hat.
Ein guter Schwimmer
Im Wasser fühlt sich der Elch recht wohl und ist selbst über lange Strecken bis zu 20 km ein guter Schwimmer. Breite Flüsse und sogar Meeresarme stellen für ihn kein unüberwindbares Hindernis dar. So hat man bereits Tiere beobachtet, die vom schwedischen Festland zu den gut 30 km entfernten Ålandinseln geschwommen sind. Noch verblüffender ist, dass ein Elch eine Minute lang bis zu 5 m tief tauchen kann.
Eine von allen Hirscharten nur beim Elch vorkommende Besonderheit ist die etwa 7 cm lange Verbindungshaut zwischen den großen Schalen. Diese “Schwimmhaut“ in Verbindung mit der großen Spreizfähigkeit der Schalen erlaubt dem Elch das Überqueren von Sümpfen und schwer begehbaren Mooren. Auf festem Boden bleiben die Schalen geschlossen.

Verbreitung
Für die Elchausbreitung in Österreich ist zwar Südböhmen entscheidend, doch erst etwa 200 km weiter nordöstlich, in Südpolen, lebt die nächste “stabile“ Population. Allerdings ist deren Dichte nicht besonders hoch. Sollte das Nachwandern von Elchen aus Polen nachlassen oder abreißen, laufen die südböhmischen Tiere - und damit auch jene in Österreich - Gefahr, durch Verkehrsunfälle und die Sterblichkeit unter Jungtieren dramatisch dezimiert zu werden. Die Elchpopulation ist auch durch die Jagd, den Tourismus sowie die Land- und Forstwirtschaft gefährdet. Ein massiver Verlust an genetischer Vielfalt wäre keine günstige Voraussetzung für eine erfolgreiche Elchrückkehr. Ein nachhaltiger Schutz der Elche und ihres Lebensraumes ist für das Überleben der Art in Mitteleuropa unumgänglich. Der Schutz muss international sein und eine Kooperation der Behörden und Naturschützer in den einzelnen Ländern umfassen.


Der Elch in Geschichte und Kulturgeschichte

Aus dem Altertum liegen nicht viele Hinweise vor, die mit großer Zuverlässigkeit auf den Elch bezogen werden können. Ein deutlicher Hinweis sind Grabbeigaben bei den Skythen, einem Nomadenvolk aus dem östlichen Iran. In den Hügelgräbern dieser Reiter finden sich viele Kunstwerke, unter anderem neben Skulpturen vom Pferd, Wolf und Adler auch die des Elches. Die ursprüngliche Kunst dieser Reiternomaden weist einerseits darauf hin, dass ihnen der Elch wohl bekannt war und dass andererseits ihre Heimat am Rande des nordeuropäischen Waldgürtels gewesen sein muss. Man nimmt an, dass sie ursprünglich aus der Region um das Altai-Gebirge an der Grenze zu China stammten.
Die älteste schriftliche Überlieferung über den Elch, die als ein Beleg für sein Vorkommen in Mittel- oder Westeuropa angesehen werden kann, ist eine Nachricht von Polybius, einem griechischen Geschichtsschreiber (etwa 140 v. Chr.). Der Text ist zwar im Original nicht erhalten, liegt jedoch in der Fassung des griechischen Geographen und Geschichtsschreibers Strabo (64 v. Chr. - etwa 20 n.Chr.) vor, der das Werk von Polybius fortgesetzt hat: “In den Alpen kommen auch wilde Pferde und Rinder vor. Polybius aber berichtet, dass in ihnen auch ein besonders gestaltetes Tier lebe, welches in seinem Aussehen hirschähnlich sei und nur hinsichtlich seines Nackens und seiner Behaarung dem Wildeber gleiche, unter dem Kinn habe es einen etwa spannenlangen Zapfen, der am Ende behaart sei und etwa die Dicke eines Pferdeschweifs habe."
Bei Plinius (23 - 79 n. Chr.) heißt es in seiner Naturgeschichte (Naturalis Historia): “Im Norden kommt auch die alce vor, welche abgesehen von der Länge der Ohren und des Halses einem Jungstier ähnelt; außerdem aber stammt aus Skandinavien die niemals in Rom gesehene, aber oft erwähnte achlis, welche der alce ähnlich ist, aber steife Hinterbeine hat und sich deshalb zum Schlafe nicht niederlegt, sondern an einen Baum anlehnt; so kann sie durch List mittels Anschneidens des Baumes erbeutet werden, obwohl sie sonst von bemerkenswerter Schnellfüßigkeit ist; ihre Oberlippe aber ist außerordentlich groß, so dass die achlis beim Weiden rückwärts gehen muss, um beim Vorwärtsschreiten nicht durch dieselbe behindert zu werden.“
Auch Julius Cäsar (100 - 44 v. Chr.) berichtet in seinem “De bello gallico“ über alces, die es im Hercynischen Wald geben sollte. Der berühmte Astronom Tycho Brahe (1546 - 1601) hielt einen zahmen Elch als Haustier. Bei einem Fest im Schloss Landskrona wurde das Tier vom vielen Bier so berauscht, dass es die Treppe hinunterfiel, sich das Bein brach und trotz der besten Pflege starb. Selbst in die Armee sollte der Elch Einzug halten: Um das Jahr 1700 experimentierte die schwedische Kavallerie mit dem Elch als “Schlachtross“, da er ausdauernder und besser für schwieriges Gelände geeignet ist als das Pferd. Man erwartete außerdem, dass die gegnerische Armee bei seinem Anblick erstarren würde, weil sie vermutlich noch nie einen Elch gesehen hätte. Der Elch lässt sich genauso gut reiten und ausbilden wie das Pferd. Das Experiment scheiterte aber, denn vor dem Lärm der gegnerischen Artillerie, Musketen, Piken und anderer Waffen lief das kluge Tier davon.

Elche, überall Elche
Die 25er-Banknote in Weißrussland und die 50er-Banknote in Litauen zeigen beide einen kapitalen Elch. Fast überall, wo Elche vorkommen, sind sie auf Geldscheinen oder Münzen zu finden: in Schweden, Norwegen, Polen, Alaska, Kanada. Nicht anders ist es mit Briefmarken, doch ist die Liste der Länder hier noch wesentlich länger. Beliebte Sammlerstücke sind in den Kernländern der Elchverbreitung Verkehrswarnschilder, auf denen der Elch abgebildet ist. Sogar Elchlosung wird heutzutage als kurioses Souvenir vermarktet. Die Elchböhnchen, also die Reste der Winterverdauung, werden zu kunstgewerblichen Gegenständen wie Ohrringen, Schlüsselanhänger und Weihnachtsschmuck verarbeitet und in Souvenirshops verkauft. Auch Sternbilder tragen bei manchen Völkern den Namen des Elchs: Den Großen Wagen (Teil des Sternbildes Ursa Major - Große Bärin) nannte man in West-Sibirien und Teilen des Urals einen Elch, der im Winter sein Geweih verliert. Und in Cassiopeia erblickten die Samen in Lappland einen Teil des Elchgeweihs.


Bejagung: Wo bleiben die Börsenmakler?

Einem Börsenmakler zufolge hat der Beginn der Jagdsaison in Schweden eine verheerende Wirkung auf den schwedischen Börsenmarkt “Keiner ist da. Vielleicht jagen sie Elche oder was Anderes, aber sie sind auf jeden Fall nicht in der Börse.“
Wie Funde eindeutig belegen, galt der Elch - als größte Schalenwildart des Nordens - bereits in der Steinzeit als begehrtes Jagdwild. In der südfinnischen Stadt Huittinen fand man eine Speckstein-Skulptur, die auf das Jahr 7000 v. Chr. datiert wird und einen Elchkopf darstellt. Knochenreste aus Küchenabfällen zeigen, dass schon die Steinzeitmenschen den Elch erlegten. Vermutlich brachten sie ihn über Felshänge zum Absturz oder erlegten ihn mittels Fallgruben. Als Jagdwaffen dienten dabei Speere mit Steinspitzen, Steinbeile und Steinmesser. Den Galliern und Germanen zur Zeit von Julius Cäsar standen für die Jagd nach dem begehrten Hirschen bereits Jagdwaffen aus Metall zur Verfügung. Mit der Erfindung der Schneeschuhe und später der Skier wurde es noch leichter, den Elch auch im Winter zu jagen, wenn er am einfachsten zu erbeuten ist. Als Fleischlieferant war der Elch für die Menschen im Norden sehr wichtig, da dort die Viehwirtschaft schwach entwickelt war. Das erkannte auch das nordamerikanische Militär Anfang des 19. Jahrhunderts: Der Elch und andere große Jagdbeutetiere der Ureinwohner wurden gejagt, um der indigenen Bevölkerung ihre Nahrungsgrundlage zu entziehen und sie so aus dem Land zu treiben.
Die Völker der Vorzeit wussten alle Teile des Elches für die unterschiedlichsten Dinge zu nutzen: Die Haut und das Fell wurden für Bekleidung und Schuhwerk (Moccassins) verwendet. Bis es weiter verarbeitet werden konnte, musste es vorher gegerbt und gewalkt werden. Nach dem Gerben ist die Elchhaut besonders strapazierfähig, und Elchleder wird deshalb auch heute noch gern für Lederwaren verwendet.
Unter ihren Schneeschuhen befestigen Jäger in Sibirien Stücke von der Decke der Beine des Elchs. Dieser so genannte “Kamus“ oder “Kamass“ wird mit nach hinten weisendem Haarstrich angebracht. Ähnlich den heutigen Schitourenfellen erleichtert er einerseits die Vorwärtsbewegung (die Schneeschuhe brauchen außerdem nicht gewachst zu werden, und der Schnee klebt niemals an), andererseits ermöglicht er so, bequem Steigungen zu bewältigen, ohne zurückzugleiten. Der Elchkamus ist außerdem besonders haltbar. Das Fell des Elchs hat eine sehr gut isolierende Wirkung und war deshalb bei der Herstellung von Winterbekleidung beliebt. Das Haar des Elchs wurde zudem als Dekoration für Zeremonien-Masken und andere Gegenstände benutzt. Noch heute wird es zum Festbinden der Fliegen beim Fliegenfischen verwendet. Aus den Hufen und dem Geweih fertigte man Werkzeuge, Haushaltsgegenstände und Waffen.
In Europa werden Elche in den baltischen Staaten, im europäischen Teil Russlands, in Polen und vor allem in Skandinavien gejagt. Wenn in Schweden die Jagdsaison beginnt, steht eine Viertelmillion Jäger mindestens ebenso vielen Elchen gegenüber, etwa 100.000 Tiere dürfen pro Saison geschossen werden. 9.500 Tonnen Fleisch wandern in die Kühltruhen der Skandinavier (Rezept für Elchgulasch siehe Seite 113). Selbst die größten Jagdgegner sehen in Schweden beim Elch die Notwendigkeit, aus ökologischen Gründen die Bestandsdichte durch Bejagung zu reduzieren, damit der Elch den Jungwald nicht allzu sehr schädigt.
Jagdsaison ist von September bis Oktober. In den nördlichsten Provinzen des Landes beginnt die Jagd bereits in der ersten Hälfte des September, im übrigen Land erst Mitte Oktober. Zur Elchjagd wird ein großkalibriges Gewehr benutzt, besonders sportliche Jäger in Nordamerika versuchen sich auch mit Pfeil und Bogen. Einige Jäger locken Elche mit Grunzlauten oder dem Schlagen von Schaufeln gegen Bäume und Sträucher an. Manche wieder ahmen den Ruf der Kuh mit einem Horn aus Birkenrinde nach und versuchen so, den Elchbullen in Schussweite zu bekommen.
Zu den typischen Jagdmethoden zählt die Drückjagd - die Treibjagd auf Schalenwild - mit oder ohne Elchhund. Dabei kämmt eine Treiberkette ein Waldstück durch, in dem sich Elche für gewöhnlich aufhalten. Bei der ebenfalls angewandten Loshundjagd lässt der Jäger den frei laufenden Hund langsam gegen den Wind suchen, um über frische Fährten oder durch Direktwitterung den Elch auszumachen. Bei der Leithundjagd pirscht der Jäger mit seinem angeleinten Hund, der dabei die Aufgabe hat, frische Elchfährten zu suchen. Hat er sie gefunden, folgen ihr Jäger und Hund, bis er Direktwitterung aufgenommen hat. Der Jäger versucht sich an den Elch bis auf Schussweite anzupirschen, den Hund lässt er zurück. Die Pirsch auf den Elch ist eine Jagdform, die dem Jäger großes Können abverlangt. Bei der Ansitzjagd erwartet der Jäger den Elch an seinen Wechseln oder Äsungsplätzen. Sie ist die wildpfleglichste Jagdart, da hierbei die Tierwelt wenig gestört wird. Bei der Rufjagd wird mittels Hörnern oder mit bloßen Händen und dem Mund der Ruf der brünstigen Kuh nachgeahmt und der Elchbulle so angelockt. In Skandinavien ist diese Form der Jagd zur Zeit der Brunft allerdings untersagt.


Die Rückkehr

Wie groß einst das Verbreitungsgebiet des Elchs war, davon zeugen zahlreiche historische Funde: In den Mooren und Tonlagern bei Hannover, in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen hat man an mehreren Stellen Geweih- und Knochenreste des Elchs gefunden. Das Nibelungenlied und kaiserliche Erlässe aus den Jahren 943, 1006 und 1025 bezeugen das Vorkommen von Elchen am Rhein und an der Ems. Auch in Bayern waren Elche im Mittelalter heimisch, wie Knochenfunde aus Abfallgruben der frühgeschichtlichen Siedlungen und zum Beispiel der Ortsname Ellwangen belegen. Auch bei der frühfeudalen Burg von Zehren und bei der Burg Meißen wurden Knochenreste gefunden.
Nach und nach verschwand der Elch aber aus ganz Mitteleuropa. 1570 wurde der letzte Elch in Böhmen geschossen. Nach nun etwa 400 Jahren Abwesenheit kehrte er in den späten 1950er Jahren über Polen wieder nach Mitteleuropa und in den Böhmerwald zurück. Dort bildete er den Grundstock für die heute einzige Elchpopulation in Mitteleuropa. Zu Beginn der 1970er Jahre wurden dort erste Jungtiere beobachtet. Im östlichen Böhmerwald in der Nähe des Moldaustausees und nördlich der Stadt Gmünd gibt es heute um die 20 Tiere. Jedoch leidet diese Population wegen der Insellage. Tiere, die dem Straßenverkehr zum Opfer fallen, reißen große Löcher in den ohnehin zu kleinen Genpool. Aus dem Böhmerwald wandern gelegentlich auch vereinzelt Tiere nach Österreich ein.
In Polen gab es 1950 nur noch 18 Tiere. Seitdem gelten strenge Schutzgesetze, und die Zahl der Elche stieg bis heute wieder auf insgesamt 3.500 bis 4.000 Tiere an.
In Estland konnte erst in den 1950er Jahren wieder ein nennenswerter Elchbestand festgestellt werden, der jedoch durch eine ständig wachsende Wolfspopulation bis zuletzt in die 1990er Jahre hinein wieder stark dezimiert war. Erst seit dem in Kraft treten des neuen estnischen Jagdgesetzes, das erlaubt, den Wolf landesweit zu bejagen, und durch finanzielle staatliche Unterstützung für intensive Hegemaßnahmen gibt es einen stabilen Elchbestand von rund 10.500 Stück. Die jährliche Abschussrate in Estland beträgt zwischen 2.500 und 3.000 Stück.


Probleme, Perspektiven, Visionen: der Elch als so genannter Schädling

Im nördlichen Europa ist die Population des Europäischen Elches in den letzten zehn Jahren erheblich angestiegen. Der an jungem Baumbestand angerichtete Schaden ist immens, denn der Elch hat eine Vorliebe für Kieferngrün. Auch neigt er dazu, junge Bäume “niederzureiten“, bis der Stamm bricht, um an die sonst unerreichbaren Baumkronen zu gelangen. Gerade durch das Schälen der Rinde im Winter werden viele Bäume so stark geschädigt, dass sie absterben. Unter Berücksichtigung der waldwirtschaftlichen Aspekte kommt der Forschung hinsichtlich möglicher Fressgewohnheiten und Nahrungsquellen des Elches in den nordischen Staaten erhebliche Bedeutung zu.
Und neue Forschungsergebnisse sorgen immer wieder für Überraschungen. Bei Salweiden in Schweden hat man festgestellt, dass sich das Abweiden durch den Elch auch positiv auswirkt, denn der Zweigzuwachs wird durch den Speichel des Elches stimuliert. Margareta Bergman vom Institut für Waldzoologie in Schwedens Landwirtschaftsuniversität in Umeå hat die Wachstumsgeschwindigkeit der Äste von geschnittenen und durch Elchverbiss reduzierten Salweiden verglichen. Dabei hat sie festgestellt, dass Äste von Salweiden, die mit Elchspeichel in Berührung gekommen sind, bei nicht überhöhten Elchbeständen erheblich schneller wachsen.
Nicht nur im Wald kann der Elch Schaden anrichten, auch auf Ackerflächen wagt er sich gelegentlich vor. Äcker sind vorzügliche Äsplätze, und das gilt vor allem für reifen Hafer und Rüben. Auf verschiedenste Weise wurde schon versucht, bestellte Äcker vor Elchschäden zu schützen. Am besten haben sich dabei Elektrozäune bewährt. Betroffene Besitzer kleinerer Höfe erhalten aus dem Fonds für Elchschäden eine gewisse Entschädigung, Waldbesitzer hingegen nicht. Die verantwortlichen Behörden in Schweden sind der Auffassung, dass die entstandenen Waldschäden durch das Jagdrecht kompensiert werden.

Der Elch als Haus- und Nutztier
Der Elch wurde schon in der Jungsteinzeit (Beginn 9. Jt. v. Chr.), wie Felszeichnungen belegen, noch vor der Domestizierung des Rentiers, gezähmt. Im Gegensatz zu anderen Hirscharten lässt sich der Elch, wenn er ganz jung gefangen wird, leicht zähmen und bleibt auch nach Eintritt der Geschlechtsreife zahm. Er ist ein erstaunlich intelligenter und anpassungsfähiger Zögling, und man kommt in Versuchung, ihn mit einem riesigen, freundlichen, treuen Hund zu vergleichen. Im unwegsamen Gelände ist er als Reit- und Packtier von Nutzen. Bereitwillig durchquert er auch schwierigstes Gelände. Seine Fähigkeit, mit Hindernissen und Sümpfen zurecht zu kommen, wird weder vom Menschen noch vom Pferd übertroffen. Auch heute noch wird der Elch in Sibirien als Arbeitstier verwendet, in einigen Teilen des Landes auch als Haustier zur Fleisch- und Milchgewinnung genutzt. Elchkühe können gemolken werden, und Elchmilch ist wegen ihres hohen Fettgehaltes geschätzt. Da Elche sich verhältnismäßig schnell vermehren, ist von ihnen ein hoher Fleischertrag zu erwarten.

Der wütende Elch
Während andere Hirscharten auf eine Gefahr mit sofortiger Flucht reagieren, lässt der Elch einen potenziellen Feind nicht aus den Augen. Mit Ausnahme der Elchkuh, wenn sie Nachwuchs hat, flüchtet der Elch fast nie. Er hat schon viele Menschen tödlich verletzt. Dass die Begegnung mit einem Elch lästig, ja sogar gefährlich sein kann, weiß die Bevölkerung in den Ländern mit großer Elchpopulation. In Alaska werden pro Jahr mehr Menschen vom Elch getötet als vom Bären. Der Elch kann tödlich sein, wenn er sich bedroht fühlt oder gereizt ist. Dann greift er seinen Gegner an und schlägt kräftig mit den Beinen aus. In der Regel benimmt sich der Elch jedoch seiner Umgebung gegenüber - trotz seiner Größe und Stärke - rücksichtsvoll.
In der Brunft von Mitte September bis Mitte Oktober werden Elchbullen durch den erhöhten Hormonspiegel etwas wunderlich, ja sogar streitsüchtig und aggressiv. Einige führen Krieg mit Bäumen und Telegrafenmasten, andere attackieren parkende Autos oder LKWs und sogar Züge. Auch von Angriffen auf Pferde wurde schon berichtet. Es ist die Zeit, in der man sich von Elchbullen fern halten sollte. Ein erregter Elch, gleich ob Bulle oder Kuh, der bereit zum Angriff ist, läuft langsam mit gesenktem Kopf und angelegten Ohren auf den Gegner zu, dabei sind die Widerristhaare gesträubt.

Stadtelche
Bei den dichten Elchbeständen vor allem in Skandinavien kann es schon einmal vorkommen, dass sich der Elch in Städte verirrt. Meistens sind es Jährlinge, die planlos umherziehen, zwischen die Häuser geraten und dort in Panik verfallen. Dabei passiert es immer wieder, dass der Elch durch Schaufenster oder Glastüren springt und sich dabei verletzt. Die Versuche, einen “Stadtelch“ wieder einzufangen und in sein angestammtes Revier zurückzubringen, sind in der Regel zum Scheitern verurteilt. Entweder ist der Elch schon verletzt, oder er verletzt sich selbst bei den Versuchen, seiner habhaft zu werden - trotz der Verwendung eines Narkosegewehrs. Es kommt sogar vor, dass er durch die ungewohnte Umgebung bereits so gestresst ist, dass er dadurch verendet.
Es geschieht auch häufig, dass der Elch in Gärten eindringt, um dort zu fressen. Dies ist vor allem im Spätsommer der Fall, wenn das Obst reif ist. Mittels Scheuchen und mit dem Aufbringen von Geruchsstoffen versuchen die Menschen sich gegen derartige unliebsame Besuche zu schützen. Doch zeigen diese Mittel oft nur kurze Zeit Wirkung, weil die Verlockung der Gärten stärker ist. Viele “Gartenelche“ zeigen sich dann auch angriffsbereit, wenn sie bemerken, dass sie vom Menschen nichts zu befürchten haben, und werden immer dreister. So können Elche an Obstbäumen und Ziersträuchern schwere Schäden anrichten.
Die einzige Möglichkeit, sich gegen die Elchplage im Garten zu schützen, bieten Zäune mit einer Höhe von mehr als 1,50 m und entsprechender Stärke. Schwache Zäune überwindet der Elch, indem er die Vorderläufe über den Zaun legt und sich hinüberzieht. Durch sein Gewicht zerbrechen die Zaunlatten, und die Mahlzeit kann beginnen. Mit seinen langen Beinen kann der Elch auch höhere Hindernisse überspringen. Bei besonders aggressiven Gartenelchen bleibt dann nur noch der Abschuss als letzter Ausweg.

Der Elch im Tierpark
Die Lebensweise des Elchs ist an ein Klima mit kalten Wintern und kühlen Sommern angepasst. In einem Temperaturbereich von -22 °C bis +10 °C fühlt sich der Elch wohl. Seine Physiologie verträgt die südliche Wärme nicht, denn schon bei über 10 °C leidet er an Wärmestress und reagiert mit beschleunigter Atmung. In unseren Breiten, z. B. in Tierparks, leiden Elche somit fast ganzjährig darunter, was sie für Krankheiten und Parasiten (insbesondere Peitschenwürmer, Trichuris spp.) anfällig macht, da das Immunsystem nicht voll zur Krankheitsabwehr zur Verfügung steht. Sie erreichen in der Regel nicht das Alter ihrer wild lebenden Artgenossen. Nicht nur deshalb zählt der Elch zu den empfindlichsten Zootieren. In der Brunftzeit sind Elchbullen für Tierpfleger äußerst gefährlich. Schwierig gestaltet sich auch die Wahl der Nahrungszusammensetzung, um den Elch ausgewogen zu ernähren und mit allen notwendigen Mineralstoffen zu versorgen.

Das ultimative Argument für die Rückkehr: Elchgulasch
Wie die Situation in Skandinavien zeigt, ist eine Regulierung des Elchbestandes durch den Menschen wegen des Fehlens natürlicher Feinde in vielen Regionen unerlässlich. Außerdem schmeckt Elchfleisch vorzüglich, es ist mit Rindfleisch vergleichbar. Es ist mager, hat einen hohen Wasser- und Eiweißgehalt und enthält weniger Cholesterin als Huhn oder Rind.
Zutaten für 4 Personen: 600 g Elchfleisch, 1 Flasche Dunkelbier (33 cl), 1 1/2 l Wasser, 1 Suppenwürfel, 2 El. Tomatenmark, 1 El. Sojasoße, 1 Tl. Rosmarin oder Thymian, 6 Wacholderbeeren,
2 Zwiebeln, 3 Möhren, 1 Tl. Salz, 1 Tl. grob gemahlener schwarzer Pfeffer, 200 bis 300 g Eierschwammerl (Pfifferlinge), 1 Becher Obers (Sahne) oder Crème fraiche, 1 El. Weizenmehl, eventuell 2 El. schwarzes Johannisbeergelee.
Das Bier mit Wasser, dem Suppenwürfel, der Sojasoße, dem Tomatenmark, den Kräutern und den zerdrückten Wacholderbeeren in einem Topf einige Minuten zusammenkochen lassen. Die Zwiebeln schälen und grob hacken. Das Elchfleisch würfelig schneiden und mit den Zwiebeln in einer Pfanne kräftig anbraten, dann in die Suppe geben. Mit Pfeffer würzen und etwa 45 Minuten sachte köcheln lassen. Möhren putzen, in Stücke schneiden, ebenfalls dazugeben und weitere 20 Minuten kochen lassen, bis das Fleisch richtig weich ist. Obers oder Crème fraiche dazugeben. Pilze putzen, in der Pfanne anbraten und zum Fleisch geben. Dem Gericht mit Weizenmehl die gewünschte Konsistenz geben und mit Salz und dem schwarzen Johannisbeergelee abschmecken. Dazu passen Salzkartoffeln oder Kartoffelpüree und Gemüse (z. B. Broccoli). (aus: www.alces-alces.com)
Die ... Begeisterung, die wir beim Betrachten der Natur empfinden, ist eine Erinnerung an die Zeit, da wir Tiere, Bäume, Blumen und Erde waren ... das Wissen um unser Einssein mit allem, was die Zeit vor uns verborgen hält. Leo N. Tolstoi


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