Tagebuch einer Expedition 2011: Singapur

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Dr. Robert Hofrichter
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Tagebuch einer Expedition 2011: Singapur

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 25 Feb 2011 12:14

Tagebuch einer Expedition 2011: Singapur (Die Unvollendete)
mit mare-mundi nach West-Papua, Raja Ampat und Sulawesi

:arrow: alle Fotos hier http://www.facebook.com/<a href="http://www.fnz.at/fnz/forum/phpBB2/album.php">Album</a>.php?aid=1 ... a7adf11b5e

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Notiz: Es ist wie es ist - und genauso wie es zu erwarten war: Am Anfang der Reise konnte ich noch Tagebuch schreiben, dann wurden die Herausforderungen (und die Anstrengungen) immer größer und nach Ankunft der Gruppe und Antritt der Schiffsreise mit den vier Tauchgängen am Tag und zusätzlichen Landausflügen war ich dazu gar nicht mehr in der Lage ... Ob also Geris handgeschriebenes Tagebuch einmal in derart literarischer Form hier veröffentlicht werden kann, bleibt offen, da mich jetzt schon wieder längst andere Verpflichtungen eingeholt haben. Und damit gibt es ein ausführliches Tagebuch bisher nur von den ersten Tagen der Reise …

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Prolog
Mister, mister … mister, photo … hihihi (= Gelächter), … mister, mister … hihi … Nie hätte ich mir gedacht, dass ein derart harmloses englisches Wort wie „mister“ mir einmal derart auf die Nerven gehen würde. Doch in den Straßen von Sorong war es dann so weit: Ich konnte mit meinem schweren Fotorucksack beladen, mit meinem Stativ (Insider nennen es aufgrund einer legendäre Aussage meiner Frau ähnlich, beginnt auch mit einem S, aber doch etwas anders und viel zweideutiger …) und der Kamera in der Hand keinen Schritt machen, ohne von allen Seiten mit „mister“ und „photo“ bombardiert zu werden. Und dazu dieses Gelächter. Fünfzehnjährige Mädchen mit Kopftüchern kichern, tuscheln irgendetwas untereinander, sehen mich an, dann lachen sie wieder, werfen erneut Blicke auf mich und auf ihre Mobiltelefone und kichern … Was führen sie denn im Schilde? Sehe ich in ihren Augen so komisch aus? Oder so alt (die Fotos beunruhigen mich, das könnte stimmen…)? Ist meine schwarzweiß gefleckte Hose aus Thailand der Grund für dieses Gelächter? Und dann schicken sie eine von ihnen vor... Unsicher nähert sie sich, kichert ständig und blickt zu ihren Freundinnen zurück. Ob sie ein Foto mit mir machen können? Ja klar. Viele Mobiltelefone, mit denen alle ausgerüstet sind, klicken. Lautes Kichern und Gelächter. Thank you, mister. Und dann laufen sie lachend davon, nicht ohne sich noch zehnmal umzudrehen um mich anzusehen.
Ein Spaziergang durch den Markt wird definitiv zu einem Spießroutenlauf. Mister, photo, mister, mister …

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Am Tag davor habe ich mein erstes Baumkänguru gesehen. Für einen Biologen ein beeindruckendes Erlebnis. Zum ersten Mal sind wir jenseits der Wallace-Linie. Und davor hat uns Singapur durch seine Reinlichkeit und Ordnung schwer beeindruckt. Wir überlegen bereits politisch aktiv zu werden und uns für ähnlich drakonische Strafen in der Heimat einzusetzen…
Doch schön der Reihe nach. Fangen wir am Anfang an.

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Freitag, den 7. Januar 2011
Geri ist bereits am Donnerstag vor dem Abflug zu uns nach Salzburg gekommen. Besonders nett war eine ablenkende „last minute“ Einladung bei Freunden, zu der wir Geri mitgenommen haben. Wir wurden mit gutem Essen verwöhnt und sind danach bald ins Bett gegangen, unter positivem Einfluss eines vorzüglichen Rotweines.
Am Freitag holte uns Bobo um 8.30 mit dem Auto ab, und wir haben ohne weitere Zwischenfälle, ohne Glatteis (Föhn sei Dank!) und ohne zu viel Verkehr in knapp 90 Minuten den Flughafen Franz Josef Strauß bei München erreicht. Die Meldung über nur ein Stück zugelassenes Handgepäck überhörten wir beim boarding geflissentlich und schmuggelten die Bordbibliothekstasche mit 20 kg skrupellos ins Flugzeug. Und die Kameratasche? Mit weiteren 15 kg? Und die Laptoptasche, die auch nicht gerade leicht war? Und den Beamer? Und das ganz normale Handgepäck? Die freilich auch…
Leider hatte sich mein Zustand nach einer latenten Infektion der letzten Tage im Flugzeug verschlechtert, Halsweh, eine Bronchitis, die sich anfühlte als hätte jemand mit einem groben Schleifpapier die Atemwege poliert... Aber Glück im Unglück: Aspirin hatte ich dabei, und außerdem konnte ich drei Sitze in der Mitte allein in Anspruch nehmen. Ich nutzte die Situation für diesen Nachtflug schamlos aus.

Samstag, den 8. Januar 2011: In Singapur
Auf die Minute genau (so war es dann übrigens beim Rückflug auch - und das bei 10.000 Kiloemetern) landete die Maschine von Singapore Air morgens um 7.00 in Singapur, der ultimativen Musterstadt. Die unheimliche Sauberkeit fiel uns sofort auf. In dem Augenblick dachten wir noch gar nicht an den Kulturschock, der uns bei der Weiterreise in Jakarta und vor allem Sorong (beide gehören zu Indonesien) erwarten würde. Für uns war es der erste Besuch in Singapur. Der großartige Eindruck wurde bei der Fahrt mit dem Taxi ins Hotel noch verstärkt. Die ganze Stadt und ihre Umgebung sind uns wie ein einziger großer Park vorgekommen. Wie ein Botanischer Garten. Das Hotel war abgewirtschaftet und etwas schäbig (freilich: alles ist relativ), ich denke ein Bau aus den späten 60ern, der die besten Zeiten längst hinter sich gelassen hat.

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Aber das - genauso wie die Baustelle vor dem Hotelfenster (und meine fiebrige Verkühlung) - konnte uns nicht von einer Tour in die Stadt abhalten. Zumindest die Taxis sind eigentlich günstig. Die fast halbstündige Fahrt zum Botanischen Garten kostete am Vormittag nur 11 Singapur-Dollar.

Was wir als unerfahrene Singapurgäste nicht wussten: vermutlich versammelt sich im Park am Wochenende (vielleicht nicht nur?) die halbe Stadtbevölkerung. Wir waren halb verdurstet und auch schon hungrig. Das einzige gastronomische Angebot war ein McDonalds-artiges Restaurant beim Eingang, das hoffnungslos überfüllt war. Die halbe Stunde in der Schlange wartend war frustrierend. Wollten wir doch die Natur Singapurs kennen lernen … Gott se Dank zeigte sich bald ein Eichhörnchen (später sahen wir noch Hundert weitere). Beruhigend, es gibt hier also Tiere.

Die Avifauna (also die Vögel) bot uns einen auf den ersten Blick sympathischen Eindruck. Nicht wegen der Vielfalt. Wir sahen nämlich überall nur eine einzige Vogelart. Sonst ließ sich auf den ersten Blick kein Vogel blicken. Die eine Art um so häufiger, ein uns sehr gut vertrauter Vogel. Ein alter Freund von den Seychellen, der auch dort zu den häufigsten zählt. Der freche Common Mynah bzw. der Hirtenstar (auch Hirtenmaina, Acridotheres tristis, ein Singvogel aus der Familie der Stare). Jeder Besucher der Seychellen kennt den lauten Meister der vielen Stimmen gut, doch seine ursprüngliche Heimat ist Süd- und Südostasien. Das unsympathische Restaurant wird von allen Seiten von den Mynahs belagert, die jede sich bietende Chance ergreifen um an die Futterreste heranzukommen. Es ist schön alte Freunde zu treffen, die uns fast genauso vertraut erscheinen wie die heimischen Amseln.

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Obwohl - so harmlos ist der Vogel nicht. In den letzten Jahren und Jahrzehnten wurden Mynahs vielfach vom Menschen in neue Regionen, weit ab von ihrem angestammten Verbreitungsgebieten, eingeführt. Dort reduzierten sie die einheimischen Arten, indem sie mit den einheimischen Vögeln aggressiv um Nistplätze konkurrierten, deren Eier zerstörten und die Küken töteten. Sie verdrängten sogar dort ansässige kleinere Säugetiere. Der Mynah ist eine Bedrohung für die autochthone Fauna und wird in der Global Invasive Species Database zu den hundert schädlichsten invasiven Neobiota weltweit gezählt.
Ansonsten ist der Park botanisch recht imposant und - wie könnte es in diesem Miniland anders sein - klinisch sauber. Doch zoologisch sind wir enttäuscht. Wir suchen nach Insekten, nach Makromotiven, nach Echsen, Geckos, nach Fröschen, Käfern, Schmetterlingen … Selbst auf einem „Regenwaldpfad“ zeigt sich kaum eine Mücke.

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In einem tropischen Land mit dieser Luftfeuchtigkeit unmöglich. Wohl wird hier massiv gespritzt, anders können wir uns das Fehlen der kleinen Tierchen gar nicht erklären.

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Die künstlich angelegten Teiche sind voller Fische und Rotwangenschildkröten, als einzige Wasservögel finden wir eine Rallenart, die sich durch ihre scheue, unruhige Art nur schwer fotografieren lässt - und zwei Entenpaare. Beide Spezies könnte ich erst „irgendwann“ von den Fotos bestimmen.

Kinder stehen an den Gewässern und werfen kiloweise Brot ins Wasser. Also doch kein Sauberland? „Do not feed the animals“, steht auf Schildern - und auch von den Kindern höre ich wiederholt diesen Satz. Doch der Reiz der Tierfütterung ist in diesem Fall stärker als alle Verbote oder die Angst vor der Strafe. Oder werden Kinder für solche Delikte noch nicht bestraft? Das weiß ich nicht. Oder ihre Eltern? Unsere Hauptinformationsquellen sind die Taxifahrer. Und die haben auf jeden Fall Respekt und halten die Gesetze strikt ein. Denn sie wissen, was ihnen andernfalls blüht… Doch dazu noch später.

Vorerst erkunden wir also den Park. Endlich erreichen wir auch die Mitte, im topographischen als auch ideellen Sinn: Orchid Garden ist so berühmt, dass manche Touristen nur wegen dem Anblick der unzähligen Orchideen in allen Farben, Größen und Formen nach Singapur kommen.

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Wir lernen ein solches Ehepaar aus Deutschland kennen: Sie verbringen einen längeren Urlaub auf Bali, doch wollten sie unbedingt diesen Garten in Singapur besuchen. Der Eintritt kostet 5 Dollar, recht günstig, wenn man all die anderen Preise des Musterstaates bedenkt. Der Park ist kitschig schön, eigentlich fast schon unwirklich. Überhaupt riecht hier alles nach George Orwell, nach der Schönen Neuen Zeit.

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Doch ich meine es nicht ironisch: Der Orchideengarten ist gigantisch. Selbst dem ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten Gyula Horn ist hier eine Orchidee gewidmet, was mich als Ungarn freilich besonders freut.

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Endlich sehen wir auch einige sehr beeindruckende Schmetterlinge, die aber so unruhig sind und so schnell fliegen, dass kein Foto gelingen will. Die allgegenwärtigen Eichhörnchen begleiten uns auf unseren Wegen.

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Wie erwähnt: Von den Taxifahrern erfahren wir mehr über das Leben in dieser Stadt. Was wir hören ist recht aufschlussreich, und unser Wikipedia-Wissen wird in vielfältiger Weise bestätigt. Nur hören wir noch mehr über die subtilen Arten der Bestrafung. Etwa dass man für Vergehen fotografiert wird und diese Foto dann in der Presse erscheint. Eine moderne Art der Pranger. Öfters sehen wir Uniformierte, die mit kleinen Digitalkameras alles dokumentieren, was irgendwie gegen die strengen Vorschriften verstoßen könnte. Die Taxifahrer lachen nur. Ihre Autos glänzen. Nein: Sämtliche Autos glänzen. Denn es kostet 500 Dollar mit einem schmutzigen Auto zu fahren. Es wird mir schmerzhaft bewusst, dass ich in diesem Land schon längst verarmt wäre …

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Ja, es gibt immer noch die körperliche Züchtigung durch Stockschläge. Viel Schmerz mit möglichst wenig sichtbaren Folgen ist das Ziel. Immer noch steht auf viele Drogendelikte die Todesstrafe, der manchmal sogar Europäer zum Opfer fallen. Dafür kann man jederzeit, selbst mitten in der Nacht, allein durch die Straßen spazieren. Die Kriminalität ist vernachlässigbar, praktisch nicht existent. Keiner muss Angst haben. Es gibt keine Korruption. Alle sind vor dem Gesetz gleich: Auch der Sohn eines Ministers bekommt seine Stockhiebe, wenn er sich versündigt… Zigarettenstummel liegen wirklich nicht auf der Straße, mit ganz wenigen Ausnahmen (wir konnten sowohl diese als auch die hier einst verbotenen Kaugummis finden, aber man konnte sie an einer Hand abzählen, und das in einer Millionenstadt). Reiche werden ins Land gelassen, erhalten auch die Staatsbürgerschaft. Arme müssen sich sehr bemühen, um eine Arbeitserlaubnis zu kriegen. Außer vielleicht als Bauarbeiter, denn das Bauwesen boomt.

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Die Orchideen bezaubern selbst noch am Flughafen. Es ist ein bemerkenswertes Land. Kein Bettler ist zu sehen, es ist ein reiches Land. Ein Land, in dem alles glänzt. Strenge Gesetze. Wir wollen alle drei nicht verheimlichen, dass wir manche von ihnen (leicht modifiziert und vielleicht weniger drakonisch) sofort auch bei uns einführen würden. Ganz speziell nachdem wir den darauf folgenden „indonesischen Schock“ erlebt haben …

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Die ... Begeisterung, die wir beim Betrachten der Natur empfinden, ist eine Erinnerung an die Zeit, da wir Tiere, Bäume, Blumen und Erde waren ... das Wissen um unser Einssein mit allem, was die Zeit vor uns verborgen hält. Leo N. Tolstoi

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Re: Tagebuch einer Expedition 2011: Singapur

Beitrag von amatpress » 25 Feb 2011 16:12

:applaus: und :respect: für die bravur geschriebenen Eindrücke der ersten Tage Eueres Grossen Abenteuers :streichel:.
.....vorerst bleibt es also Geheimnis, wieso die Mädchen in Sorong derart aufgeregt waren und Dich unbedingt fotografieren wollten....vielleicht haben sie einige Teile der Bedrohten Paradiese gesehen und haben Dich erkannt :) :D

Viele liebe Grüsse
Reni

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Re: Tagebuch einer Expedition 2011: Singapur

Beitrag von Caro » 25 Feb 2011 16:44

:mrgreen: Also ich vermute, es lag an der Hose :coolp:

Toller Bericht und wunderschöne Bilder !!!!! :applaus:

Liebe Grüße
Caro
"Auch wenn es gelänge, die Tiere vor uns zu schützen, hätten wir nichts erreicht. Erst wenn es uns gelingt, die Tiere nicht mehr schützen zu müssen, sind wir am Ziel. Dann haben wir etwas verändert: UNS !" Zitat von Michael Aufhauser

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