Aktivitäten auf Korfu

Bedrohte Paradiese und unsere Aktivitäten in Griechenland

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afbaumgartner
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Aktivitäten auf Korfu

Beitrag von afbaumgartner » 01 Mai 2012 11:46

Guten Tag zusammen,

ich habe Anfang der 90er-Jahre auf Korfu (Nordwesten, Agios Georgios) gelebt und dort in der Fischerei gearbeitet.
Ich war vergangenes Jahr wieder dort und hatte Gelegenheit, alte Kollegen wieder zu treffen und von deren zwischenzeitlichen Erfahrungen zu hören.
Gleichzeitig hat sich mittlerweile meine Sicht auf das Thema Fischerei deutlich verändert. Ich halte die Fischerei nach wie vor für einen Bestandteil der Kultur der Mittelmeeranwohner, aber speziell in meinen alten "Hausgewässern" sehe ich deutlich wie sich die 1990 schon schlechte Situation drastisch verschlechtert hat (und ich habe auch noch dabei mitgewirkt).
Der Schelf im Norden der Inseln rund um die kleineren Inseln Erikoussa, Othonoi und Mathraki wird weiterhin überfischt. Gleichzeitig wurden die ersten Fischfarmen der Insel im Nordwesten eingerichtet (Goldbrasse, Wolfsbarsch?).
Unser früherer Brotfisch, der Bakaliaros (Hechtdorsch, Merluccius merluccius), den wir an Langleinen neben Stiefeln und Kühlschränken in 200-250 Faden Tiefe fingen , ist so gut wie ausradiert, seit die Schleppnetzfischer des Landes und Südostitaliens auf unsere Fänge aufmerksam geworden waren. Zu Weihnachten 1993 hatten wir von Land aus 21 Trawler in Sichtweite.

Nach meiner Rückkehr vergangenes Jahr hatte ich mir diverse Literatur zum Thema angeschafft, darunter den in meinen Augen hervorragenden 1. Band von "Das Mittelmeer" von Herrn Dr. Hofrichter.
Natürlich bin ich kein Wissenschaftler, trotzdem brennt in mir die Frage, ob es nicht Möglichkeiten einen vernünftigen Fischerei gibt; eine Kombination von Schutzgebieten und nachhaltigen Fischereimethoden.

Daher meine Frage an das Forum, welche Erfahrungen und/oder Projekte es wo (vor allem in Griechenland) zum Thema umweltverträgliche Fischerei gibt.
Gibt es überhaupt umweltverträgliche Fischerei?
Ich freue mich über jede Antwort.

Viele Grüße, Andreas Florian Baumgartner

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Dr. Robert Hofrichter
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Re: Aktivitäten auf Korfu

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 01 Mai 2012 21:45

afbaumgartner hat geschrieben: Daher meine Frage an das Forum, welche Erfahrungen und/oder Projekte es wo (vor allem in Griechenland) zum Thema umweltverträgliche Fischerei gibt.
Gibt es überhaupt umweltverträgliche Fischerei?
Hallo Florian,

zuerst einmal danke für den interessanten, obwohl erschütternden Beitrag bzw. Frage. Und willkommen bei uns im Forum! Leider wird es mir wahrscheinlich kaum möglich sein die komplexe Fragestellung erschöpfend zu beantworten. Ich glaube schon, dass es umweltverträgliche Fischerei geben könnte oder vielleicht früher gegeben hat (alein schon dadurch, dass es weniger Menschen gegeben hat und weniger ausgereifte technische Möglichkeiten). Heute gibt es aber einfach viel zu viele Menschen auf dieser Erde (das ist keine neue oder bahnbrechende Erkenntnis; schon seit langer Zeit machen führende Wissenschaftler darauf aufmerksam, unter den Tauchpionieren war es etwa Hans Hass). Allein schon dadurch ist es immer weniger möglich "umweltverträglich" oder "nachhaltig" zu fischen. Gewinnmaximierung, Gier, Rücksichtslosigkeit, Globalisierung, fast unbegrenzte Transport- und Lagerungsmöglichkeiten, technischer Fortschritt beim Aufstöbern der Schwärme, wirtschaftlicher Druck, der wachsende Wohlstand in Ländern wie China und weitere ähnliche Faktoren machen es bei 7 Milliarden menschlichen Erdenbewohnern schwer oder fast unmöglich noch "umweltverträglich" oder "nachhaltig" zu fischen. Selbst Regierungen, die sich (ein wenig) bemühen, haben es schwer die Ozeane auf die Einhaltung von Quoten oder Gesetzen zu überwachen, dafür sind sie schlicht zu groß. Selbst die EU kann sich in Sachen Meeresschutz bisher nicht wirklich rühmen (was wollen wir dann von den bitterarmen Ländern erwarten?).

Allein schon die Einrichtung von ausreichend vielen Schutzgebieten würde die Lage wesentlich verbessern. Das Meer (auch die Fischbestände) kann sich in aller Regel überraschend schnell erholen (ein Beispiel: der Jugoslawien-Krieg und die Adria). Aber im Mittelmeer ist bisher nicht einmal 1 % der Fläche wirklich geschützt. Eine Schande für die EU.

Dein Bericht ist wirklich traurig - aber er entspricht leider der Realität und auch meinen eigenen Beobachtungen und Studien. Ich bin überzeugt, dass es trotzdem oder gerade deswegen der einzig sinnvolle Weg ist sich weiterhin massiv für den Natur-, Meeres- und Artenschutz einzusetzen. Eine andere sinnvolle Alternative dazu haben wir wohl nicht...
Die ... Begeisterung, die wir beim Betrachten der Natur empfinden, ist eine Erinnerung an die Zeit, da wir Tiere, Bäume, Blumen und Erde waren ... das Wissen um unser Einssein mit allem, was die Zeit vor uns verborgen hält. Leo N. Tolstoi

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Re: Aktivitäten auf Korfu

Beitrag von afbaumgartner » 02 Mai 2012 06:28

Hallo Robert,

vielen Dank für die Antwort.

Ich hatte vor einer Weile irgendwo im TV eine Dokumentation über eine Insel im karibischen Raum gesehen.
Dort war die Problematik ein ähnliche, wie vielerorts: Die Bestände waren überfischt, die großen Fische waren weg.
Dann wurden auf Initiative Einheimischer Zonen eingerichtet, wo die Fischerei gar nicht bzw. nur beschränkt erlaubt war.
Die Bestände innerhalb dieser Gebiete konnten sich erholen, was positive Auswirkungen auf die angrenzende Fischerei hatte.

Die Frage ist nun: Welcher Anstrengungen bedarf es, solche Schutzzonen einzurichten?
Wie kann man so etwas initiieren?
An Land hier in Deutschland genügt oft schon das Vorkommen einer seltenen Spezies, damit in einem gewissen Rahmen Einschränkungen für Landwirtschaft und Bautätigkeit stattfinden.
Wie ist das rechtlich in den EU-Meeren?

Was mich ja damals begeistert hatte an der Fischerei war die Vielfalt, die das Ionische Meer bot.
Schwarze kleine Haie mit smaragdgrünen Augen, riesige Kalmare (25 kg), Conger und andere schlangenartige Geschöpfe aus großer Tiefe.
Schwertfische, Stechrochen, Tune, Mondfische etc. an der Oberfläche, und alles nur Denkbare an Brassen, Meerbarben, Skorpionfischen, Meeräschen, Wolfsbarschen etc. im Seichten.
Erschreckt hatten mich regelmäßig unsere Müllfänge: Wie erwähnt, die obligatorischen Plastiktüten, Stiefel, Jacken, Kühlschrank, Stahltrossen, Taue und immer wieder Knäuel von alten, über Bord geworfenen verhedderten Langleinen.

Mit wem kann ich Kontakt aufnehmen, wer arbeitet speziell auf dieses Gebiet bezogen. Gibt es keine Organisation, die sich um den Meeresschutz rund um Korfu kümmert?

Viele Grüße, Andreas Florian

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Re: Aktivitäten auf Korfu

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 02 Mai 2012 10:37

afbaumgartner hat geschrieben: Die Frage ist nun: Welcher Anstrengungen bedarf es, solche Schutzzonen einzurichten?
Wie kann man so etwas initiieren?
An Land hier in Deutschland genügt oft schon das Vorkommen einer seltenen Spezies, damit in einem gewissen Rahmen Einschränkungen für Landwirtschaft und Bautätigkeit stattfinden.
Wie ist das rechtlich in den EU-Meeren?
Lieber Florian, wir wollen eine solche Initiative und Kampagne starten, nur haben wir zu wenig Personal um alles zu meistern. Solltest Du Lust und Zeit haben, könnten wir die Initiative gemeinsam starten... 8) Ich möchte hervorheben, dass gerade "Augenzeugenberichte" wie Deiner besonders wertvoll sind, genau sie machen den Menschen klar was vor unseren Augen in wenigen Jahren verloren geht... Vielleicht können wir skypen oder telefonieren?
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Re: Aktivitäten auf Korfu

Beitrag von afbaumgartner » 22 Jul 2013 09:31

Hallo Robert,

"gut Ding will Weile haben".
So ist es auch hier in Korfu. Da mir aus meiner Erfahrung heraus mit GR klar ist, dass sich dort nichts flüssig läuft, und die Einrichtung von MPAs ohnehin einen großen Aufwand bedeutet und gut vorbereitet sein will, habe ich bei meinen seitherigen Aufenthalten mein Engagement in der Sache auf Standgas gehalten.
Ich habe nur sehr gezielt potentiell interessierte Leute angesprochen und ihnen meine Ideen* dargelegt.
(*the establishment of a system of stepped protection zones, which means, some parts are totally closed for any utilization, some work as buffer zones with limited utilization.
The limitation means for example only scuba and recreational fishing are allowed, no longlines at all.
Third are zones with fishery managment, only open for coastal fishery by locals. Trawling totally closed.
Fishery managment must include the development and the implementation of sustainable fishing methods. )

Als Erfolg meiner wenigen Bemühungen haben wir nun einen kleiner, aber wachsenden Kreis Einheimischer, die sich gerne einbringen wollen.
Wir hatten ein erstes kleines Meeting wo wir für die Region Nordwest-Korfu/Mathraki/Othonoi/Erikoussa folgendes festgestellt haben:
- es gibt wenig Bewusstsein für ökologische Belange in der Bevölkerung (Indikator: Vermüllung der Landschaft, wo zwei Mitglieder unserer Gruppe bereits engagiert sind)
- jeder fischt, aber kaum jemand weiß etwas über die Hintergründe des Lebens im Meer - außer einigen Fakten und auch Mythen aus "mündlicher Überlieferung"
- es gibt ein großes Mißtrauen gegenüber staatlichen und internationalen Maßnahmen.
- die Fischerei wird als "Naturrecht" empfunden, das einem keiner verbieten darf.
- es gibt einen starken Rückgang der Bestände, bei weiterhin hoher Diversität. Der Rückgang äußert sich in Fanggrößen und -mengen.
- der Bestandsrückgang wird vorwiegend auf die Trawler geschoben, eigenes Verhalten wird nicht reflektiert.
- es gibt keinerlei Fangdokumentation

...

Unsere Schlüsse für die nächsten Schritte waren folgende:

Die Küstenfischer aus den Häfen Paleokastritsa und Agios Stefanos (NW) auf der Insel Korfu bilden die Schlüsselgruppe bei der Einrichtung von MPAs in der Region.
Bei ihnen herrschen Mißtrauen, Ängste und Vorurteile vor.
Die betroffenen Tourismusunternehmer (Hoteliers, Gastronomie, Wassersport/Scuba) sehen teilweise noch nicht das Potential von MPAs bei der Entwicklung eines zukunftsfähigen Tourismus.
Der wichtigste erste Schritt wird daher Aufklärung sein.
Uns erscheint es am sinnvollsten, wenn wir aus o.g. Personenkreisen eine Delegation in ein funktionierendes MPA-Zonen-System entsenden.

Für uns selbst ist es wichtig, Connections zu Leuten zu bekommen, die bereits Erfahrung in der Einrichtung/ mit dem Betrieb von MPAs im Mittelmeerraum haben, und die ihre Erfahrungen gerne teilen.
Weiterhin suchen wir eben nach MPAs, die mit einem Zonensystem arbeiten, und wohin wir eine Delegation entsenden können.
Ideal wären aufgrund der geografischen Nähe Kroatien oder Italien.

Wir würden uns riesig freuen, wenn uns im Forum jemand weiter helfen könnte.

Viele Grüße,

Andreas Florian Baumgartner

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Re: Aktivitäten auf Korfu

Beitrag von fidelfisch » 22 Jul 2013 15:50

Ich möchte in dem Zusammenhang noch ein beindruckendes Buch von Callum Roberts empfehlen. Es heisst Ocean of Life (deutscher Titel: "Der Mensch und das Meer: Warum der größte Lebensraum der Erde in Gefahr ist") und schildernd beeindruckend und erschütternd zugleich welche Fülle an Leben früher im Ozean herrschte und wie der Mensch so viele Bestände überfischt hat. Außerdem werden andere Menschen-gemachte Bedrohungen beschrieben jedoch auch Lösungen aufgezeigt. Außerdem gibt es am Ende eine Liste mit aktiven NGOs, bei denen der Autor of selbst mit aktiv ist und wie man sich engagieren kann.
Ich bin selbst noch nicht durch, aber kann das Buch nur wärmstens empfehlen.

.fidelfisch

Callum Roberts:
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Und das Buch:
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Re: Aktivitäten auf Korfu

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 23 Jul 2013 09:05

fidelfisch hat geschrieben:Ich möchte in dem Zusammenhang noch ein beindruckendes Buch von Callum Roberts empfehlen. Es heisst Ocean of Life (deutscher Titel: "Der Mensch und das Meer: Warum der größte Lebensraum der Erde in Gefahr ist")
Danke, Fidel, für diese nette Buchempfehlung, werde ich mir gleich besorgen... 8)
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Re: Aktivitäten auf Korfu

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 23 Jul 2013 09:08

afbaumgartner hat geschrieben:Hallo Robert,

"gut Ding will Weile haben".
So ist es auch hier in Korfu.
Leider ist es überall und immer so... Daher: Viel Geduld und Erfolg bei allen Bemühungen!
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Re: Aktivitäten auf Korfu

Beitrag von afbaumgartner » 30 Jul 2013 15:27

Hallo fidelfisch,
danke für den Buchtipp. Ich lese bereits daran und habe eine englischsprachige Ausgabe für einen griechischen Freund besorgt.

Aber ich hänge immer noch an unserem Grundproblem, Hilfe von außerhalb zu finden, die uns weiter hilft.
Also ganz speziell suchen wir Leute, die sich mit der Einrichtung und dem Managment von MPAs auskennen, und die bereit sind, ihr Wissen zu teilen.
Diverse Stellen (WWF, MedPANSouth in Kroatien) habe ich schon angeschrieben. Ohne Resonanz.
Weiter suchen wir MPA-Projekte, an die wir zwecks Wissensgewinnung andocken können.
Wer also irgendwie helfen kann, der melde sich bitte!

Viele Grüße,

Andreas

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Re: Aktivitäten auf Korfu

Beitrag von fidelfisch » 30 Jul 2013 17:37

Hallo Andreas,
die IUCN hat mal ein Buch dazu veröffentlicht: http://www.iucn.org/about/work/programm ... cted-areas
Außerdem viele weitere mit konkreten Beispielen: http://www.iucn.org/search.cfm?uSearchTerm=MPA

Um direkte Ansprechpartner zu bekommen, würde ich dir empfehlen mal eine (englische) Anfrage auf der ECOLOG Mailingliste zu schreiben. Dort lesen viele Wissenschaftler und Behördenmenschen mit und können bestimmt Tipps geben und Leute empfehlen.
Der Link ist hier: https://listserv.umd.edu/cgi-bin/wa?SUBED1=ecolog-l&A=1

Viel Erfolg

.fidelfisch

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