Miniexpedition Gobiesocidae & Straße von Messina

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Miniexpedition Gobiesocidae & Straße von Messina

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 03 Aug 2014 10:26

Eine mare-mundi Miniexpedition (in Kooperation mit der Uni Graz) führt uns kommende Woche in die Straße von Messina :arrow: http://de.wikipedia.org/wiki/Straße_von_Messina . Es ist nur eine kleine und kurze Expedition: Robert, Maxi und Sandra, vier Tage... Aber dennoch sehr spannend. Denn dieser Platz ist für Meeresbiologen einer der interessantesten im Mittelmeer überhaupt. Und auch historisch nicht minder faszinierend.

Touristen ist Messina meist nur als Fährhafen bekannt, die Stadt und vor allem die dazugehörige „Straße“ im Meer bedeutet aber viel mehr. Die Verbindung zwischen dem Tyrrhenischen Meer im Norden und dem Ionischen Meer im Süden, die zugleich die Spitze des italienischen Stiefels von der Insel Sizilien trennt, übt seit Homers Zeiten ihre Faszination aus. Unweit von Punta Pezzo auf der italienischen Seite liegt noch heute ein kleines Dorf, das den Namen Scilla trägt. Gegenüber auf der sizilianischen Seite liegt etwas nördlich von Messina Ganzirri (hier werden wir uns aufhalten). Hier ist die engste Stelle der Meerenge, hier treibt die fast immer vorherrschende Strömung mit hoher Geschwindigkeit von acht Stundenkilometern durch, hier liegt vor Ganzirri der Wirbel Charybdis. Homer war zwar der erste Autor, der die Meerenge beschrieb, ihm folgten jedoch bereits in der Antike viele weitere. Der Naturforscher Lazzaro Spallanzani ist Ende des 18. Jahrhunderts mit dem nüchternen Blick eines Wissenschaftlers endlich den Legenden über Scylla und Charybdis nachgegangen.

Bei uns geht es weniger um Meeresungeheuer als vielmehr um Schildfisch-Forschung (Gobiesocidae); wir wollen dort anknüpfen, wo ich vor 20 Jahren aufgehört habe. Damals konnte ich eine neue Art entdecken ( :arrow: http://www.fishbase.org/summary/51745 ), jedoch ohne genetische bzw. molekularbiologische Methoden. Heute ist manches möglich, was damals noch kompliziert oder unmöglich erschien. Wer weiß, vielleicht haben wir Glück und entdecken wieder etwas Neues. Aber selbst wenn dem nicht so wäre: Ein Besuch an der Straße von Messina ist ein Traum für jeden Meeresforscher.

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Die ständig wechselnden Strömungen bringen den Fischern auf beiden Ufern Segen. Die Mannigfaltigkeit des marinen Lebens ist bemerkenswert – es gibt sie immer dort, wo sich verschiedene Wassermassen treffen, wo sich nährstoffreiches Tiefenwasser mit dem sauerstoffreichen und lichtdurchfluteten Oberflächenwasser vermischt. Geheimnisvolle Bewohner der Tiefsee tauchen durch die Strömungen emporgeschleppt regelmäßig an der Oberfläche auf, Haie, Kraken, Quallen, Wesen, über die nicht nur die örtlichen Fischer den Kopf schütteln, sondern auch Wissenschaftler des traditionsreichen Ozeanographischen Instituts in Messina. Das eine oder andere mediterrane Geschöpf wurde hier von berühmten Biologen beschrieben.

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Eine alte Geschichte von Mark Twain zu dieser Meeresstraße:

Um zwei Uhr morgens rauschten wir durch die Staße von Messina, und das Mondlicht war so hell, dass Italien auf der einen und Sizilien auf der anderen Seite fast so deutlich zu erkennen waren, als betrachteten wir sie von der Mitte einer Straße aus, die wir gerade überschritten. Die Stadt Messina, milchweiß und über und über mit Gaslichtern besät, bot einen feenhaften Anblick. Eine große Gruppe von uns weilte rauchend und lärmend an Deck und wartete darauf, die berühmte Scylla und Charybdis zu sehen. Bald trat das Orakel mit seinem unvermeidlichen Fernglas heraus und pflanzte sich wie ein zweiter Koloss von Rhodos auf dem Deck auf. Es war eine Überraschung, ihn zu so später Stunde noch draußen zu sehen. Niemand nahm an, dass er sich aus einer alten Sage wie der von Scylla und Charybdis etwas mache. Einer der Jüngeren sagte:
„Hallo, Doktor, was machen Sie denn zu dieser späten Stunde hier oben? – Wozu wollen Sie sich denn diesen Ort ansehen?“
„Wozu ich mir diesen Ort ansehen will? Junger Mann, Sie kennen mich wenig, sonst würden Sie keine solche Frage stellen. Ich will mir alle Orte ansehen, die in der Bibel vorkommen.“
„Unsinn! – Dieser Ort kommt doch in der Bibel gar nicht vor.“
„Er kommt nicht in der Bibel vor! – Dieser Ort kommt nicht – also, wie heißt denn der Ort, wenn Sie soviel davon wissen?“
„Na, Scylla und Charybdis!“
„Scylla und Cha-… Verdammt, ich dachte, es ist Sodom und Gomorrha!“
Und er schob sein Glas zusammen und ging hinunter. So lautet die Schiffsanekdote. Ihre Glaubwürdigkeit wird etwas durch den Umstand beeinträchtigt, dass das Orakel kein Bibelforscher war und nicht viel Zeit damit verschwendete, sich über biblische Örtlichkeiten zu informieren.
Die ... Begeisterung, die wir beim Betrachten der Natur empfinden, ist eine Erinnerung an die Zeit, da wir Tiere, Bäume, Blumen und Erde waren ... das Wissen um unser Einssein mit allem, was die Zeit vor uns verborgen hält. Leo N. Tolstoi

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Re: Miniexpedition Gobiesocidae & Straße von Messina

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 03 Aug 2014 10:33

Wer es hochwissenschaftlich will: Es gibt sogar Interne Wellen bzw. Gezeiten in der Straße. Jedoch warne ich davor, die Artikel zu lesen, wer kein Ozeanologe ist, hat kaum eine Chance die Materie zu verstehen...

:arrow: http://journals.ametsoc.org/doi/pdf/10. ... 2.0.CO%3B2
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Re: Miniexpedition Gobiesocidae & Straße von Messina

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 07 Aug 2014 14:15

Wenn es um das Meer und die Natur allgemein geht, hört man heutzutage selten gute Nachrichten. Auch unsere kleine Exkursion nach Messina bescherte uns leider eher negative Eindrücke. Vor 20 Jahren hat es zwischen Messina und Ganzirri noch viel mehr naturbelassene Strandabschnitte gegeben. Die Geröll- und Blockfelder waren ein wahres Paradies für die kleinen Schildfische, die auf der Unterseite der Steine leben. Nun wurde auf der ganzen Länge mit Kies und Sand aufgeschüttet, um ein Paradies für Badende zu schaffen, das Schildfischparadies ist größtenteils verschwunden. Mit Mühe haben wir die 20 Exemplare - vor allem Gouania wildnenowi - für unsere Forschung gefunden.
Vor 20 Jahren hat es neben der Straße auch noch viel mehr Verkaufsstände mit Schwertfischen gegeben. Die „passerelle“, die besonderen Fischerboote in der Straße von Messina, die fahren immer noch, aber es werden immer weniger imposante Schwertfische gefangen, wie uns örtliche Kenner berichten. Schwertfische werden zum Teil von der Atlantikküste eingeflogen und hier als Original-Messina-Schwertfische verkauft. Und es soll bereits gängige Praxis sein, dass man dem Käufer Hai- und selbst Delfinfleisch als Schwertfisch andreht. Nur noch wenige Stände mit eher kleinen Schwertfischen haben wir zwischen Messina und Ganzirri gesehen.
Es ist Hochsaison, Messina und ganz Sizilien ist überfüllt mit italienischen Touristen. Die Fähren fahren ununterbrochen über die Meerenge, die Blechlawine rollt. Für das Autofahren braucht man Nerven aus Stahlseilen, viele von euch kennen wohl die süditalienische Fahrweise. Nirgendwo kann man stehen bleiben, alles ist zugeparkt.
Und die „passerelle“…, die fahren vor allem mit Touristen…

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Bei der Lagune zwischen Ganzirri und Faro.

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Die Passerelle sind besondere Boote für die Jagd auf Schwertfische.

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Der Tourismus boomt, kilometerweit wurde die Küste mit Kies aufgeschüttet.

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Das zerstörte Schildfischparadies...

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Maxi und Sandra bei der Arbeit.

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Ist ein Gouania in der Probe? Das Interesse der Kinder für unsere Aktivitäten ist groß...

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In Messina: Schwere Erdbeben in den Jahren 1783 und 1908 sowie die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg zerstörten immer wieder große Teile der Stadt. Heute ist Messina eines der wirtschaftlichen und kulturellen Zentren Siziliens. (aus Wikipedia)

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An der Straße von Messina.
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Re: Miniexpedition Gobiesocidae & Straße von Messina

Beitrag von Helmut Wipplinger » 08 Aug 2014 20:30

Danke für die super spannenden Infos Robert,
jetzt weiss ich auch warum du mich heute aus Sizilien zurückgerufen hast :D
www.mare-mundi.org

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