Winter in El Qseir

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hendrik
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Winter in El Qseir

Beitrag von hendrik » 15 Feb 2011 11:20

Ein Winterspaziergang
Da denkt man sofort an Schnee und Eis! Aber wir sind hier in El Quseir und hier bedeutet Winterspaziergang, dass man endlich mal länger in die Wüste gehen kann, ohne zu verdorren.
In ungefähr 30 Minuten kommt man, beim Hausbesitzer und der Sprachenschule vorbei, an die Stadtgrenze von Quseir. Wenn man jetzt über die neue Straße sieht, erkennt man (wenn man weiß, wonach man sucht) einen kleinen Einschnitt in dem nächsten Hügel. Hier endet die alte Bahntrasse aus dem Abbaugebiet für Phosphat. Schienen sind keine mehr vorhanden, aber Tanky sagt, dass er sich noch daran erinnern kann, dass hier Lorenzüge fuhren.
Nach einem Kilometer geht die Trasse durch einen Tunnel, ca. 300 m lang. Wenn man eine tolle Aussicht über ganz Quseir haben will, muss man allerdings etwas höher steigen. Am besten man nimmt sich für den Hin- und für den Rückweg jeweils eine Option vor.
Die Trasse ist sehr schmal. Ein Quad oder ein kleiner Jeep passt gerade so drauf. Aber wenn man diesen Weg motorisiert fahren möchte, bietet sich eine gute Halawa an. Dann kommt man sicher auch bis Ghost (Lost) City. Jedenfalls gibt es hier oben keinen Check - Point.
Unter Wüste stellt man sich ja immer große Sanddünen vor. Die gibt es hier nicht. Die ganzen Flächen sind mit Schotter in jeder Korngröße felsenfest versiegelt. Dieser Boden nimmt auch keinerlei Wasser auf. Wenn es hier regnet, und das ist in den letzten beiden (!!) Jahren der Fall gewesen, fließt das Wasser sofort in kleinen Bächen und größeren Flüssen die Berghänge herab. Zitat (von wem, weiß ich nicht): „Es ertrinken jedes Jahr mehr Menschen in der Wüste, als welche verdursten.“ Ich glaube es!
Die Trasse schmiegt sich an den Berghang und man erkennt links in Ferne die Straße zum Nil durch das Wadi Hamamat (stimmt das?). Den offiziellen Check - Point kann man von oben an der langen LKW - Schlange erkennen.
Ende Januar hat es vier Stunden lang geschüttet, nicht geregnet. Es haben sich daraus noch einige kleine Seen gebildet, die als Tränke auch von Großkatzen (der Abdruck der Tatze im Lehm ist größer als meine Handfläche!!) angenommen wird.
Die Linie steht jetzt teilweise auf einem höheren Damm, wenn Wadis überquert werden. Die Wassertunnel sind wunderschön ausgemauert. Und von oben sieht man genau, dass hier vor kurzem riesige Wassermengen geflossen sind.
Man braucht schon eine gute Stunde, um den markanten Berg zu erreichen, den man von unserem Dach aus sieht. Der Berghang selbst ist so bröselig, im Kleinen wie im Großen, dass ich Abstand von einer Besteigung genommen habe.
Aber die Bergbauarbeiter haben jetzt mehrere Male kleine Hügel durchschneiden müssen und überall in den Wänden sieht man herrliche Feuersteinknollen. Teils noch als geschlossene Druse, teils auseinandergebrochen. Frage: Steht die Entstehung von Feuersteinen in Zusammenhang mit der Bildung von Achaten? Ich fühlte mich jedenfalls sehr an Achatdrusen erinnert.
Und, wie es der Zufall (gibt es den?) will, stolpere (wörtlich zu nehmen, schreien heute noch meine Knie) ich über einen kleinen Fleck glasartiges Gesteins (wie heißt es?) mit sehr gut erhaltenen Versteinerungen von Pflanzen oder Tieren. Und direkt dabei auch ein versteinertes Korallenskelet. Ich bin immerhin ca. 10 km vom Meer entfernt und bestimmt 200 m höher!!
Auf dem Rückweg musste ich doch noch unbedingt an einem der kleinen Seen vorbei gehen. Und dafür musste ich halt vom Berghang mehr oder weniger heil herunter rutschen. Und dir Römer (?) waren auch schon hier.
Das Wasser hat herrliche Gesteinsschichten aus dem bröseligen Material herausgewaschen.
Der See war vor ein paar Wochen sicher viermal größer als heute (5. Februar 2011). Der trocknende Boden des Teiches war von tiefen Ritzen durchzogen. Näher zum See wurde der Lehm dann doch zu feucht, um ganz heran zu kommen. Katzen, Schakale und Vögel haben hier ihre Fußabdrücke hinterlassen. Von der Größe der Katzenabdrücke, größer als meine Hand mit ausgestreckten Fingern, beeindruckt, musste ich doch jetzt zweimal gut schlucken.
Im Sand gab es noch eine schöne Erklärung, wie Schmirgelpapier hergestellt wird. Ganz dünne Lehmschichten haben sich beim Trocknen aufgerollt und dabei den darunter liegenden Sand mit genommen.
Der einzige Baum weit und breit steht in einer Senke direkt am Fels; grüne Sträucher gab es öfter in kleinen Tälern, die durch den Eisenbahnbau keinen Abfluss hatten. Der Fels bildete hier eine schöne tiefe Höhle, die aber unbewohnt war. Zum Glück für mich, denn hier wollte ich in der Mittagshitze niemand wecken.
Mal sehen, ob ich es irgendwie schaffe wenigstens eine Versteinerung mit nach Deutschland zu bringen. Oder ob es hier jemand gibt, der sich für meine Funde interessiert?

Natürlich gibt es auch Fotos zu diesem Text.
Da es aber zu kompliziert ist, jedes Foto hier einzeln einzubinden verweise ich auf meinen Post
http://hendrikinaegypten.blogspot.com/2 ... rgang.html
in meinem Blog
http://hendrikinaegypten.blogspot.com/

Später werde ich alle Einträge übersichtlicher auf eine eigenen Homepage darstellen.
Ihr könnt mich in facebook und in Wkw finden

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Re: Winter in El Qseir

Beitrag von Tich » 15 Feb 2011 12:14

Sehr schöne Bilder!
Leider habe ich diese Seite von El Quseir nicht kennengelernt, im Juli/August war es dafür schlichtweg zu heiß.
Danke für den Bericht!

lg, Andi

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Re: Winter in El Qseir

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 15 Feb 2011 15:26

Danke für den Bericht, lieber Hendrik! Hat mit viel Freude bereitet! :) Das ist genau die Art des Reisens und Naturerlebens, die ich so schätze. Kleine und große Entdeckungen... Ehrlich gesagt: Nach 10 Tagen Salzburg würde ich auch schon wieder gern aufbrechen und meine Koffer und Tauchausrüstung packen ... 8)
Die ... Begeisterung, die wir beim Betrachten der Natur empfinden, ist eine Erinnerung an die Zeit, da wir Tiere, Bäume, Blumen und Erde waren ... das Wissen um unser Einssein mit allem, was die Zeit vor uns verborgen hält. Leo N. Tolstoi

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