Azoren 09: Reisebericht Teil II Horta

Rund um unsere Aktivitäten auf den Azoren und Walschutz

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Belli
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Azoren 09: Reisebericht Teil II Horta

Beitrag von Belli » 30 Jul 2009 20:19

10.7.2009


Horta

Segeljachten aus aller Welt ankern in der Marina von Horta. In Peter's Café Sport tauschen Kapitäne Neuigkeiten aus, hier geht man auch an Bord, um Wale zu sehen. Strandleben geießt man an der Praiado Almoxrife, in Porto Pim und Faja.
An diesem Tag sollte auch unsere Gruppe die schönen Seiten Faials zu sehen bekommen!


Gleich in der Früh fuhr die Gruppe mit der Fähre auf die Nachbarinsel Faial. Mit einem organisierten Reisebus stand eine Inselrundfahrt an.

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Unser Reisebus.

Der erste Halt war bei einem sehr modernen Vulkanmuseum. Hier könnt ihr auf der Website alles über dieses hervorragende Museum nachlesen:
http://www.vulcaodoscapelinhos.org/

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Der Leuchtturm beim Vulkanmuseum.

Die weitere Rundfahrt war geprägt von wunderschöner Landschaft und massenhaften Ansammlungen von Hortensien.

Die Landschaft von Faial:
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Mittagspause vor der Walfabrik.

Nach der Busfahrt ging es weiter in eine alte Walfabrik. Bei einer kurzen Führung wurde der Gruppe alles Wichtige über die Verarbeitung von Walen erklärt und gezeigt. Es war ein eigenartiges Gefühl an diesen großen Maschinen vorbei zu schlendern.


Die Walfabrik von Porto Pim

Die Fabrik wurde 1943, während des 2. Weltkrieges erbaut. Sie gehörte der SIMAL- Sociedade Industrial Marítima Acoriana, Lda.. Das Ziel der Gesellschaft war es, Wale zu jagen und die gewonnenen Produkte zu verkaufen. Die SIMAL Fabrik war für ihre Zeit sehr modern und produzierte in den 30 Jahren Betriebszeit hauptsächlich Pottwalöl und Knochenmehl.
1974 schloss die Fabrik ihre Tore im Rahmen des weltweiten Zusammenbruchs der Walfangindustrie.

Allgemeines zum Walfang:
Der Walfang begann etwa 1830 auf den Azoren. Sehr lange Zeit war der Walfang die größte Wirtschafteinnahme auf Pico. Ursprünglich wurde der Walfang von Amerika und später England auf die Azoren gebracht. Die Inseln waren ein gutes Ziel für einen Zwischenstopp auf dem Weg über den Atlantik. Dort konnte Proviant aufgefüllt, Schiffe repariert und die Mannschaften mit den Männern des Archipels ergänzt werden.
Die Walfänger auf den Azoren waren Fischer, Handwerker oder Bauern, die nur bei der Sichtung eines Wals den Beruf wechselten. Die Boote lagen im Hafen ständig in Bereitschaft, damit die Männer sobald sie den Ruf „Baleia, Baleia“ hörten, alles stehen und liegen lassen konnten um zum Hafen zu stürzen. Wale wurden in langen schlanken Ruderbooten (Canoas), manchmal von Segeln unterstützt, gejagt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden auch Motorboote eingesetzt, um die meist sieben Mann besetzten Walfanboote aufs Meer hinaus zu ziehen. Von Hand wurden Harpunen in die Tiere geschleudert. Auf den Azoren wurde immer die traditionelle Methode beibehalten.
Der gefährlichste Teil der Jagd war, wenn das von der Harpune getroffen Tier in die Tiefe flüchtete. Dabei wickelte sich das bis zu einem Kilometer lange Seil rasant, wenn man sich nun im Seil verfing wurde man mit ins Meer gerissen. Immer wieder kam es zu Unfällen und einige Walfänger verloren bei der Jagd ihr Leben. Ganze Boote wurden in die Tiefe gerissen wenn man nicht rechtzeitig das Seil kappen konnte bevor das Ende erreicht war und die Wale zogen die kleinen Nussschalen kilometerweit in einer rasanten Fahrt auf dem Meer entlang. Diese hohe Gefahr bei der Arbeit verschaffte den Männern großes Ansehen und Walfänger war der Traumberuf vieler Jungen.

Quelle: http://www.azoren-online.com/pico/infor ... ndex.shtml

Verarbeitung:

Einen Lageplan der Fabrik findet ihr hier:
http://www.oma.pt/cms/index2.php?option ... =0&click=0

Im hinteren Hof wurden die Wale mit Hilfe von dampfbetriebenen Winden langsam bis auf die Plattform gezogen.
Anschließend wurde der Wal enthauptet. Nun wurde der Wal zerteilt. Die dicke Speckschicht wurde abgetrennt, in kleine Stücke geschnitten und zu den Kochern gebracht. Danach wurde das Fleisch von den Knochen getrennt, die Knochen in Stücke gesägt und in den Knochenkocher gebracht. Das Fleisch wurde zum Fleischwolf gebracht um, nach dem Pressen und Trocknen, zu Mehl gemahlen zu werden. Das Blut wurde in Kanälen gesammelt, die man am Boden der Plattform erkennen kann. Das Blut wurde mit Kalk zu einer Paste vermengt und dann, getrocknet, zu Mehl verarbeitet.

Das Öl der Wale war das Haupterzeugnis der azorianischen Walfangindustrie und dessen Export der Hauptgrund seiner Gewinnung. Das Öl war ein hervorragender Brenn- und Schmierstoff. Das Knochenmehl, reich an Kalziumphosphat, Kalziumkarbonat und Magnesium, sowie des Fleischmehl galten als exzellente Düngemittel und Futterzusatzstoffe für die Rinderzucht.

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Gewonnene Walprodukte: Seife und Öl.

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In der großen Röhre im Vordergrund wurde das Fleisch getrocknet und zu Mehl verarbeitet.

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In diesen Kochern wurde 8 Stunden lang der Speck geschmolzen. Das Öl wurde vom Speck abgetrennt und gelagert.

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Der Schornstein von Porto Pim, aus dem Jahrzehnte lang Rauch aufstieg.

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Hier wurden die Wale an Land gezogen.


Nach der Walfabrik entdeckten manche von uns noch das „Marine Interpretation Centre“.
Hier kann man die marine Flora, Fauna und Umwelt rund um die Azoren virtuell kennenlernen. Es war sehr interessant, vor allem für Biologen und man konnte sehr viel dabei lernen.

Am Abend traf sich dann der Großteil der Gruppe wieder beim Peter’s Café Sport.

Das Café ist mit Fotos, Kitsch und Karten ausstaffiert und Treffpunkt der Segler. Sie holen hier die Post ab, die dort vielleicht schon seit Wochen auf sie wartet, schicken ein Fax nach Hause oder treffen Freunde.
Der Besitzer heißt eigentlich José Azevedo, aber „Peter“ hat sich eingebürgert, seit englische Soldaten ihn so nannten. 1908 begann die Erfolgsgeschichte des Cafés. Damals versorgte der Großvater die Schiffe im Hafen und kaufte ihnen Scrimshaws ab, das sind Walzähne, die aus Langeweile von Seemännern geschnitzt und bemalt wurden.
Heute verfügt die Familie über die größte Sammlung dieses azoreanischen Kunsthandwerks. In einem kleinen Museum über dem Café kann man sie betrachten.

Weitere Infos findet ihr auf dieser Homepage:
http://www.petercafesport.com
Gibt es denn jemanden, der nichts merkt, nichts von dem wundersamen Geheimnis ahnt, das über diesem Meer liegt, dessen sanfte Wogen von einem unter ihnen verborgenen Wunder zu erzählen scheinen? (Melville)

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Dr. Robert Hofrichter
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Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 31 Jul 2009 08:33

Danke für den schönen Bericht! :)

Ich bin nach zwei Wochen wieder zurück von Krk, auch wir hatten eine schöne Exkursion. In den kommenden Tagen werde ich mich durch die vielen Berichte im Forum lesen und auch Fotos von Krk zeigen.
Die ... Begeisterung, die wir beim Betrachten der Natur empfinden, ist eine Erinnerung an die Zeit, da wir Tiere, Bäume, Blumen und Erde waren ... das Wissen um unser Einssein mit allem, was die Zeit vor uns verborgen hält. Leo N. Tolstoi

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