eine Igelfisch-Geschichte

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ClaudiaBryozoa
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eine Igelfisch-Geschichte

Beitrag von ClaudiaBryozoa » 08 Aug 2011 16:33

hey,

ich hatte durch ein sehr großzügiges Sponsionsgeschenk die Möglichkeit, im Juli endlich mal wieder eine Woche lang nach Herzenslust im Roten Meer zu tauchen und zu schnorcheln.

Wie ich feststellen musste, hat sich auch in den Riffen rund um el Quseir einiges getan. Die Sedimentation im Riff ist massiv - an einigen Riffabschnitten hats ausgesehen, als hätte es die Korallen zugeschneit -, und es waren weniger Fische zu sehen als 2008, als ich zuletzt dort war. Was nach wie vor sehr positiv ist: Es gibt noch Massen von großen und kleinen Herbivoren, wie etwa Papagei- und Doktorfischen, welche das Algenwachstum im Zaum halten können, und dem Riff somit etwas Gutes tun. Ein Lichtblick im weltweiten Niedergang der Korallenriffe als Ökosysteme?

wie dem auch sei, ich möchte hier keine Abhandlung über Riffökologie schreiben. Ich möchte vielmehr von einer Beobachtung erzählen, die mich ziemlich gerührt hat. Als Biologin liegt es mir fern, Tiere zu vermenschlichen. Dennoch, diese Geschichte ist sehr rührend, wenn man sie nicht knallhart neutral aus der Sicht des Evolutions- oder Sexualbiologen betrachtet.

Ich habe in den stundenlangen Schnorchelgängen in der Bucht hauptsächlich fotografiert und Müll gesammelt. Seit der Revolution hat sich in Ägypten so Manches getan. Leider hat sich das (noch) nicht auf die Müllpolitik ausgeweitet, derzeit sind andere Dinge wichtiger. Bis diese Dinge geklärt sind, treiben jedoch täglich zig Kilos von Plastikmüll in die ägyptischen Korallenriffe. Ich kann mich an einen Rekordtag erinnern, an dem ich geschätzte 15 kg Plastik aus dem Wasser geholt habe. Ich war jedes Mal froh, wenn ich größere Einkaufstüten aus der Wassersäule gefischt habe, in die ich den bereits gesammelten Plastikmüll stopfen konnte.

Wer stundenlang die Riffkante entlang und übers Riffdach schnorchelt, sieht dabei natürlich auch andere Dinge als Plastiktüten und Joghurtbecher. So hatte ich in dieser einen Woche das Glück, einige Suppenschildkröten (Chelonya mydas), mehrere große Exemplare unterschiedlicher Igelfisch-Arten, riesengroße Dickkopf-Stachelmakrelen (Caranx ignobilis), und einen wunderschönen seltenen Bogenmaul-Gitarrenrochen (Rhina ancylostoma), für den ich mich fast umgebracht habe, zu sehen. Ich hab mich zeitweise richtig beschenkt gefühlt :)

Einmal, als ich mich bei Flut recht weit aufs Riffdach hinausgewagt habe, hab ich in einer Höhle am Dach ein Pärchen ziemlich großer Masken-Igelfische (Diodon liturosus) gesehen. Ich habe mich ziemlich gefreut, und mich vorsichtig angenähert. Meiner Erfahrung nach können die großen Igelfisch-Arten ziemlich scheu sein. Dementsprechend vorsichtig bin ich zu ihnen abgetaucht, um sie zu fotografieren. Als die beiden Fische sich langsam und sanft aneinander gedrängt haben, hab ich zunächst gedacht, schön, die hegen vielleicht amoröse Absichten. Als ich dann für das nächste Foto abgetaucht bin, hab ich jedoch gesehen, dass es hier grad wohl um ganz etwas Anderes gehen musste. Als sich beide Tiere langsam umgedreht haben, hab ich gesehen, dass dem größeren Igelfisch ein Auge und die Schwanzflosse gefehlt hat. Die Wunden waren schon alt und vollkommen verheilt. Als ich den Fisch generell etwas genauer unter die Lupe genommen habe, hatte ich den Eindruck von Ewigkeit - der große Igelfisch hat steinalt gewirkt, mit seiner vernarbten und fleckigen Haut. Wenige Minuten später begann der Igelfisch, langsam geradeaus zu schwimmen - und stieß mit dem Kopf gegen Fels. Also war das Seitenliniensystem - ein ausgeklügeltes Sinnessystem von Fischen, das die Detektion von Wasserbewegung und -druck und somit Orientierung erlaubt - im Kopfbereich wohl auch geschädigt.

Und da passierte etwas, was ich noch nie zuvor gesehen habe. Der zweite Igelfisch drängte sich erneut vorsichtig an den größeren Fisch und begann, ihn durch sanften Druck und Stupsen aus der Höhle und schließlich ins Riff zu dirigieren. Während der große, alte Igelfisch mit seinem kümmerlichen, schwanzlosen Schwanzstiel davonschwamm, manövrierte ihn sein Partner durch vorsichtiges Schieben und Drücken am Kopf des Verletzten um Korallen und Blöcke herum. Ich war so gerührt. Klar, wenn man sich die Prinzipien der sexuellen Selektion in den Hinterkopf ruft, ist das gar nicht mehr so rührend: Dieses verletzte Tier ist alt und hat sich in seinem Leben nicht unwesentliche Verletzungen zugezogen. Dennoch lebt es. Sprich: seine Fitness ist vermutlich groß, und man darf annehmen, dass es gute Gene hat. Dieser große Igelfisch war ziemlich gut genährt und hat nicht krank gewirkt. Für noch ein paar Mal Ablaichen ist dieses Tier auf jeden Fall noch gut. Und sein Partner weiß das, und kümmert sich um ihn.

All diese Gedanken im Hinterkopf, und dennoch hätte ich vor Rührung fast geweint. Soviel zum guten Vorsatz, das Verhalten zweier schöner, großer Igelfische nicht zu vermenschlichen :wink: ich bin halt auch nur ein Mensch..

zum Abschluss dieser Geschichte habe ich noch ein paar Fotos von diesem Igelfisch-Pärchen :)

liebe Grüße und schönen Abend,

Claudia


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das Masken-Igelfisch-Pärchen (Diodon liturosus). Das verletzte Tier ist das linke. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nichts von seiner Invalidität..

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hier sieht man deutlich, dass die Schwanzflosse fehlt

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auf diesem Foto ist gut das zerstörte Auge des unteren Tieres zu sehen. Sein Partner dirigiert den Invaliden vorsichtig um die eigene Achse.

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Re: eine Igelfisch-Geschichte

Beitrag von Kimon » 08 Aug 2011 18:54

Oh welche eine schöne Story. Da freut man sich immer,wenn man so etwas schönes liest. vor allem mag ich Igelfische sehr sehr gerne. Sieht man leider viel zu selten.

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Re: eine Igelfisch-Geschichte

Beitrag von Caro » 08 Aug 2011 19:06

*schluck*
Liebe Claudia, jetzt heule ich auch vor Ergriffenheit.

Aber es ist für mich nicht neu, dass sich Tiere um gehandicapte Artgenossen kümmern.
Nicht nur eine Muttekuh um ihr blindes Kalb, also eine Sozialpartnerschaft - sondern auch artverwandte Tiere, wie Ponies ein blindes Eselfohlen mit sich führen.

Das sind aber alles Herdentiere und Säugetiere. Fischen spricht man ja diese Entwicklungsstufe ab ... :?

Du hast da aber etwas beobachtet, es GESEHEN ! und so wunderbar dokumentiert ... ich denke, man wird die Fische doch bald ganz anders sehen müssen.
Auch ohne Vermenschlichung und Gefühlsduselei - es geht bei den Tieren m.E. tatsächlich um eine Art Solidarität mit der eigenen Art durch gegenseitige HILFE beim Überleben.
Und das nicht nur, wenn es um den Schutz und die Pflege von Jungtieren geht ... .

Herzlichst
Caro
"Auch wenn es gelänge, die Tiere vor uns zu schützen, hätten wir nichts erreicht. Erst wenn es uns gelingt, die Tiere nicht mehr schützen zu müssen, sind wir am Ziel. Dann haben wir etwas verändert: UNS !" Zitat von Michael Aufhauser

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Re: eine Igelfisch-Geschichte

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 08 Aug 2011 21:33

Liebe Claudia, danke für diese ungewöhnliche und schöne Geschichte! :)
Die ... Begeisterung, die wir beim Betrachten der Natur empfinden, ist eine Erinnerung an die Zeit, da wir Tiere, Bäume, Blumen und Erde waren ... das Wissen um unser Einssein mit allem, was die Zeit vor uns verborgen hält. Leo N. Tolstoi

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Otocinclus
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Re: eine Igelfisch-Geschichte

Beitrag von Otocinclus » 09 Aug 2011 08:04

Hallo Claudia

danke für den tollen Bericht!

Das Sozialverhalten von Fischen ist viel ausgeprägter als wir annehmen. Hat schonmal jemand einer Gruppe Prachtschmerlen (Chromobotia macracanthus) beobachtet in der es ein krankes Exemplar gibt? Das kranke Tier ist unter ständiger Beobachtung der Artgenossen und wird auch ganz gezielt unterstützt. Sei es zur Futteraufnahme oder zum Schwimmen. Alle helfen mit. Das ist sehr schön zu beobachten und äußerst faszinierend.
Gruß
Rainer

Nichts im Universum ist ohne Wert, denn die Natur tut nichts vergeblich (Aristoteles)

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