MEDITERRANE SCHILDFISCHE IM AQUARIUM

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MEDITERRANE SCHILDFISCHE IM AQUARIUM

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 03 Mär 2007 10:20

MEDITERRANE SCHILDFISCHE IM AQUARIUM

Dr. Robert HOFRICHTER
(Intitut für Zoologie, Universität Salzburg, Hellbrunnerstr. 34, A-5020 Salzburg)

Die Meeresaquaristik erfreut sich zuhnehmender Beliebheit. Die Anschaffung und Einrichtung eines Meeresaquariums ist für die meisten Interessierten finanziel erreichbar und die moderne Technik macht es leichter die biologische Stabilität einer solchen „Miniwelt“ in der Wohnung zu erhalten.

Da heute aber viele Menschen zunehmend umweltbewußter denken, entsteht für den angehenden aber auch erfahrenen Meeresaquarianer ein Dilemma beim Kauf der tropischen Riffbewohner: die Fangmethoden in so manchen Riffgebieten sind zerstörerisch und ein Großteil der Individuen überlebt die Strapazen der langen Reise in die Wohnungen von westlichen Liebhabern nicht. Alternativen sind gefragt.
Eine Möglichkeit wäre auf Mittelmeerfische oder allgemein europäische Arten umzusteigen. Die für viele Mitteleuropäer obligate alljährliche Urlaubsreise an das Mittelmeer bietet gleichzeitig Gelegenheit für den Fang der Tiere. Besonders kleine Litoralfische, wie Lippfische (Labridae), Grundeln (Gobiidae) oder Schleimfische (Blenniidae) sind beliebt und sehr gut für kleinere Becken geeignet.

In diesem Beitrag wollen wir eine weniger bekannte, dafür aber umso interessantere Fischgruppe vorstellen die sich vorzüglich für die Aqiarienhaltung eignet: die Schildfische (Gobiesocidae). Sie werden manchmal auch Saugfische oder Scheibenbäuche genannt, Bezeichnungen, die etwas irreführend sind, da sie auch für andere Fischfamilien verwendet werden. Der bekannteste Vertreter im Mittelmeer ist Lepadogaster lepadogaster, der Blaufleckige Schildfisch.
Die Schildfische sind eine kleine, in allen gemäßigten und tropischen Zonen verbreitete, marine Fischgruppe (siehe auch DATZ 2, 1992; 7, 1993 und pa+sa+loi). 6 Arten besiedeln sekundär auch das Süßwasser und leben in einigen Flüssen Mittelamerikas. Die meisten Arten sind sehr klein und erreichen nur etwa 4 bis 8 cm, lediglich eine Art in Südamerika und eine in Südafrika erreichen 30 cm länge und werden auch für den menschlichen Verzehr gefangen.

Das wichtigste und namensgebende Merkmal der Familie ist ihre ventral gelegene Saugscheibe, ein Werkzeug, das ungeahnte ökologische Möglichkeiten bietet. Mit der Hilfe der Saugscheibe heften sich die Fische an verschiedene Substrate an: Steine, Algen, Seegras, Korallen, Schwämme, Molluskenschalen und sogar andere Fische. Einige Arten im australischen Raum sind nämlich als Putzerfische tätig (HUTCHINS, 1992). Ein Beispiel für das Besiedeln extremer Nischen, das durch die Saugscheibe ermöglicht wird, ist Sicyases sanguineus aus Chile, der auf exponierten Felsküsten oberhalb der Wasserlinie lebt und dort der Wucht der meterhohen Wellen standhalten kann (GORDON et al., 1970). Diese Art wird zu den sog. „amphibischen Fischen“ gerechnet, die sich längere Zeit außerhalb des Wasser aufhalten können.

Weitere wichtige Merkmale sind eine nichtgeteilte Rückenflosse, eine schuppenlose, stark schleimige Haut und das Fehlen der Schwimmblase, die zwar am Anfang der Larvalentwicklung angelegt wird, sich aber im Laufe der Ontogenese zurückbildet.
Zur Zeit sind etwa 150 Schildfischarten bekannt, es werden aber immer noch regelmäßig neue Arten beschrieben.

Schildfische im Mittelmeer
Im Mittelmeer sind 6 Schildfischarten heimisch: Lepadogaster lepadogaster, Lepadogaster candollei, Gouania wildenowi, Diplecogaster bimaculata, Opeatogenys gracilis und Apletodon dentatus (BRIGGS, 1986).
Nicht alle Arten sind gleich gut für die Aquarienhaltung geeignet. Nachfolgend werden die Arten einzeln vorgestellt, ihre Lebensräume und Lebensweise beschrieben und ihre Eignung für die Aquarienhaltung diskutiert.

Lepadogaster lepadogaster
Dies ist die häufigste, bekannteste und am leichtesten zu fangende Art im Mittelmeer (Abb. 1). Es sind sehr interessante und empfehlenswerte Pfleglinge im Aquarium.
Der Körper dieser Art ist seitlich abgeflacht und hochrückig, etwa 5 bis 7 cm lang. Der Kopfprofil ist steil ansteigend, die Mundöffnung sehr weit, die Kiefer schnabelförmig verlängert und die Lippen fleischig. Wahrscheinlich wurde der Name der Familie, Gobiesocidae, gerade durch diese Art geprägt (Gobi - Grundelähnlich; esox - Hecht, in Anspielung an das hechtartige Maul). Charakteristisch für den Blaufleckigen Schildfisch sind die großen Nasententakeln, die nur bei dieser Art so auffallend sind. Die Rückenflosse und Analflosse sind von der Schwanzflosse nur unvolkommen getrennt sind (wichtiges Unterschedungsmerkmal, bei L. candollei sind diese Flossen getrennt).
L. lepadogaster kommt im gesamten Mittelmeer, im Schwarzen Meer und im östlichen Atlantik bis zu den Britischen Inseln vor. Das bevorzugte Habitat dieser Art ist das Geröll- und Blockfeld zwischen der MWL und etwa 10 m Tiefe.

Die Laichzeit im Mittelmeer ist zwischen April und Mai. Die goldfarbenen Eier werden an den Unterseiten von Steinen abgelegt und vom Männchen bewacht. Unter guten Bedingungen laichen die Fische in der gleichen Zeit auch im Aquarium ab, was interessante Beobachtungsmöglichkeiten bietet. Die Larven schlüpfen, je nach Wassertemperatur nach etwa 2 Wochen, es ist aber, wie bei fast allen Meeresfischen, ein Problem sie aufzuziehen. Mit frisch geschlüpften Artemia-Nauplien könnte man eine Aufzucht versuchen.

Lepadogaster candollei
L. candollei (Abb. 2) lebt im gleichen Lebensraum, ist aber viel seltener als die vorherige Art. Nur mit Geduld wird es gelingen genügend Exemplare für eine erfolgreiche Haltung zu finden, die Mühe lohnt sich aber. Diese Art unterscheidet sich nämlich im Verhalten durch ihre Beweglichkeit wesentlich von L. lepadogaster. Ständig sind die Fische im Aquarium unterwegs und suchen nach Freßbaren. Manchmal schwimmen sie durch schnelles Schlagen der Brustflossen sogar frei im Wasser, ein Verhalten, daß nur noch bei D. bimaculata ausgeprägt ist.
Der Körper ist kräftig, etwas weniger hochrückig als bei L. lepadogaster, das Kopfprofil ist nur mäßig steil, die Kiefer entenschnabelförmig. Es sind nur kleine Nasenpapillen, keine Tentakel ausgebildet. Die Rücken- und Analflosse sind deutlich von der Schwanzflosse getrennt. Die Färbung ist variabel, olivgrün bis bräunlich, mit weißen Tupfen und rötlichen Flecken. Juvenile Exemplare haben oft einen weißen Querstreifen zwischen den Augen, was zu Verwechslungen mit D. bimaculata führen könnte. Große Männchen weisen in der Laichzeit ein auffälliges Balzkleid auf (Abb. 2b). Das Verbreitungsgebiet entspricht etwa dem der vorherigen Art.

Gouania wildenowi
Die Gattung Gouania, mit nur einer bekannten Art, ist im Mittelmeer endemisch und unterscheidet sich sehr deutlich von den übrigen Schildfischen. Diese Art führt eine sehr versteckte Lebensweise in den tieferen Kiesschichten von Geröllfeldern direkt an der Mittelwasserlinie (Abb. 3). Diesem Lebensraum entspricht auch die Körperform und -Farbe und die geringe Augengröße. Der Körper ist schlank, länglich und seitlich abgeflacht, der Kopf ist klein. Die Rücken- und Analflosse verschmelzen mit der Schwanzflosse zu einem schmalen Flossensaum.
Das sympatrische Vorkommen mit den vorher beschriebenen zwei Arten wirft die Frage auf, ob zwischen Ihnen keine Konkurrenz aufkommt. Tatsächlich unterscheiden sich die Nahrungsspektren dieser Arten kaum, sie fressen vor allem Amphipoden, kleine Krabben und Schnecken. Nur einmal wurde beobachtet, daß ein größerer L. lepadogaster einen kleineren G. wildenowi verschlungen hat. ONOFORI (1983) behauptet sogar, daß auch G. wildenowi einen L. lepadogaster erbeuten kann, was jedoch bei größeren Exemplaren kaum vorstellbar oder sogar unmöglich ist, da die Mundöffnung von Gouania nur halb so breit is, wie ein ausgewachsener L. lepadogaster. Daß ein ausgewachsener Gouania juvenile Schildfische fressen kann, ist zwar vorstellbar, durch die Untersuchungen der Darminhalte können wir es aber nicht bestätigen.
Zwischen G. wildenowi und den Arten der Gattung Lepadogaster gibt es aber eine klare räumliche Trennung inerhalb des Lebesraumes. Gouania versteckt sich tief im Kies und das macht diese Art auch für die Aquarienhaltung nur wenig atraktiv und für ein Schaubecken zum vorzeigen kaum geeignet. Es ist nämlich möglich sie einige Jahre im Aquarium zu halten, ohne sie ein einziges mal gesehen zu haben. Aus diesem Grund ist die Pflege dieser Art nur für biologisch interessierte Aquarianer zu empfehlen, die auch die nötige Geduld haben und genügend Zeit für (auch nächtliche) Beobachtung aufbringen. Ansosten ist die Art aber wenig anspruchsvoll.

Diplecogaster bimaculata
D. bimaculata (Abb. 4) ist eine in so mancher Hinsicht bemerkenswerte und von allen Mittelmeerarten ökologisch plastischste Schildfischart. Auch ihre Verbreitung ist beeindruckend und reicht vom Schwarzen Meer im Osten über das gesamte Mittelmeer und Adria in den Atlantik hinein, mit den Kapverdischen und Kanarischen Inseln, Madeira und den Azoren. In Norwegen erreicht sie von allen europäischen Arten die nördlichste Ausbreitung. Sie ist sehr gut für die Aquarienhaltung geeignet und für biologisch interessierte Aquarianer besonders zu empfehlen.
D. bimaculata ist etwas kleiner als die Arten der Gattung Lepadogaster und erreicht angeblich 5 cm Länge oder mehr, unser größtes Exemplar, ein Männchen war jedoch nur 4,5 cm lang, der Großteil der gefangenen Fische sind 1,5 bis 2,5 cm lang. Die Rückenflosse weist 5 bis 7, die Analflosse 4 bis 6 Strahlen auf, beide Flossen sind deutlich von der Schwanzflosse abgesetzt. Die Rückenflosse ist nur halb so lang, wie bei L. candollei, was für die Unterscheidung kleiner Exemplare dieser Arten sehr wichtig ist.
Der Zweifleckige Schildfisch bewohnt viele verschiedene Lebensräume: Geröllfelder, Corraligen-Böden, Seegraswiesen, Sandgründe, wo er sich in leeren Molluskenschalen versteckt, sogar Weichböden mit entsprechenden Strukturen und lebt zusätzlich noch zusammen mit Seeigeln. Eine bisher einmalige Beobachtung, die sogar mit einem Farbfoto dokumentiert ist (PATZNER und DEBELIUS, 1984), lässt vermuten, daß D. bimaculata vielleicht sogar ein „Putzerfisch“ ist, so wie es bei manchen tropischen Schildfischarten der Fall ist (HUTCHINS, 1992). Man findet ihn bereits von der MWL weg, hier besonders kleinere Exemplare, die sich unter Seeigeln der Arten Paracentrotus lividus, Arbacia lixula und Sphaerechinus granularis verstecken. Ungewöhnlich für eine kleine, benthische Litoralfischart ist, daß D. bimaculata bis in Tiefen von 250 m oder möglicherweise noch tiefer (490 m; GUITEL, 1919) vorkommt.
Die Färbung ist mit verschiedenen rötlich-bräunlichen Farbtönen und verschiedenen hellen Mustern sehr variabel und hat dazu geführt, daß die Art im Laufe der Zeit unter der rekordträchtigen Zahl von mindestens 25 Synonymen beschrieben wurde (BRIGGS, 1955). Mehr als hundert Jahre lang hat man sie auch mit Apletodon dentatus verwechselt.

Opeatogenys gracilis
Diese Art ist wahrscheinlich im Mittelmeer endemisch, aus dem Schwarzen Meer und Atlantik liegen keine Beobachtugen vor. Eine zweite Opeatogenys-Art, O. cadenati bewohnt jedoch Seegraswiesen der nördlichen afrikanischen Atlantikküste (BRIGGS, 1990).
O. gracilis ist eine in Körperform und Färbung hochspezialisierte Art der mediterranen Seegraswiesen (Abb. 5). Besonders das Neptungras, Posidonia oceanica, bildet die Lebensräme des Seegras-Schildfisches (DATZ 7, 1993), er wurde aber auch schon in kleineren Seegrasarten, wie Cymodocea nodosa gefunden (REINA-HERVAS und NUNEZ VERGARA, 1985). Der Körper ist länglich und sehr schlank, der Kopf vorne zugespitzt. Die maximale Länge beträgt 3 cm, die meisten Exemplare sind aber kleiner. Die Rücken- und Analflossen sind sehr kurz, mit 3 bis 4 Strahlen und deutlich von der Schwanzflosse abgesetzt. Die Färbung ist immer grün, manchmal mit verschieden breiten, hellen Längslinien am Rücken.
In Australien sind bisher 8 Schildfischarten in Seegrasiwesen bekannt, nur drei davon sind aber beschrieben (Posidinichthys hutchinsi, Cochleoceps spatula und Cochleoceps viridis; B. HUTCHINS, mündliche Mitteilung). Die meisten Arten sind grün und zeigen bemerkenswerte Konvergenzen in ihren Anpassungen an diesen Lebensraum.
Oft sind Spezialisten gleichzetig sehr empfindlich und nur schwer in Aquarien haltbar. Daher ist diese Art für den „Durchschnittsaquarianer“ nur bedingt zu empfehlen. Der Fang der Fische in Seegraswiesen ist ein sehr aufwändiges Unterfangen. Man muß auch bedenken, daß diese Fische im Aquarium durch ihre geringe Körpergröße und Färbung praktisch „unsichtbar“ bleiben, es braucht einige Minuten, bis man sie auf den Seegrasblättern oder Algen entdeckt.
Ein zusätzliches Problem ist, daß Posidonia oceanica in Aquarien nicht längere Zeit überleben kann. Mit genügend Licht bleiben einige Blätter eines Stockes einige Wochen oder Monate grün. Einen Ersatzlebensraum könnte man durch die Mittelmeergrünalge Caulerpa prolifera schaffen, die sich unter günstigen Bedingungen in Aquarien prächtig entwickelt.
Trotz Anstrengungen ist es uns bisher nicht gelungen, O. gracilis im Aquarium länger als 8 Monate am Leben zu erhalten. Wahrscheinlich ist es das Fehlen der geeigneten Nahrung, die in der Natur vor allem aus Seegras-assoziierten Kleinkrebschen besteht, das dafür verantwortlich ist.


Apletodon dentatus
Mit dieser Art haben wir bisher keine Erfahrung bezüglich der Aquarienhaltung. A. dentatus wird etwa 4 bis 5 cm lang, ist oft grünlich, manchmal rötlich-bräunlich gefärbt und bewohnt mit vorliebe dichte Algenbestände. Auf den Britischen Inseln ist A. dentatus regelmäßig in hohlen Knollen des Tanges Saccorhiza polyschides zu finden (GORDON, 1983). Die Art ist nur schwer zu finden und gilt im Mittelmeer als selten, was jedoch oft mehr auf unsere ungenügende Kenntnis der Lebensräume und Biologie zurückzuführen ist und weniger auf die Seltenheit der Art.

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Wichtige Hinweise für den Fang und Transport:

* In seichten Geröllfeldern, von der MWL weg, sind L. lepadogaster, L. candollei und G. wildenowi zu finden. Durch langsames und vorsichtiges Umdrehen der Steine wird man bald auf die ersten Schildfische stoßen. G. wildenowi lebt erst in den tieferen Kiesschichten im Lückenraum der kleineren Steine. Durch behutsames Umdrehen von Seeigeln, am besten mit einem Handschuh, können kleine D. bimaculata gefangen werden.

* Die Fische bleiben kurz auf den Unterseiten der Steine angesaugt. Mit einem kleinen Netz können sie gefangen werden.

* Die Fische sollten möglichst kurz vor der Abreise und Transport gefangen werden. Wenn die Fänge im Sommer gemacht werden, sollte der Transport wegen den zu hohen Temperaturen möglichst in der Nacht stattfinden, da die Temperatur 20°C nicht wesentlich übersteigen sollte. Als Transportgefäße können je nach Anzahl der Fische Kunststoffbehälter mit etwa 10 l Volumen verwendet werden, die aber nicht vollständig gefüllt sein sollten. Durch die Bewegungen des Wasser bei der Fahrt wird es gleichzeitig mit Sauerstoff angereichert.

* Die Umsetzung in ein Aquarien sollte behutsam vor sich gehen, empfehlenswert ist einen Teil des Aquarienwasser abzusaugen und durch das mitgebrachte Seewasser aufzufüllen. Die erwähnten Arten sind aber wenig empfindlich und Ausfälle sehr selten. Die Fische bleiben nach dem Ausleeren des Wasser oft im Transportbehälter angesaugt. Es hat sich bewährt, den ganzen Transportbehälter, wenn es die Aqariengröße erlaubt, horizontal in das Aquarium zu legen und abzuwarten, bis es die Fische selbt verlassen.

* Sehr zu empfehlen ist auch die Mitnahme von sogenannten „lebenden Steinen“. Es handelt sich dabei um stark durchlöcherte, poröse, zum Teil veralgte Steine, die voll mit unsichtbaren Leben sind. Im Inneren versteckt sich eine Fauna, die sich im Aquarium weitevermehren kann und für die Fische eine natürliche Nahrungsergänzung bedeutet. Einige solche Steine im Aquarium bedeuten eine enorme Aufwertung der biologischen Stabilität des Meeresaquariums und bieten noch Monate später interessante Beobachtungsmöglichkeiten.
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Hinweise für die Hälterung:
* In den ersten Tagen werden sich die Fische wahrscheinlich versteckt halten. Mit der Zeit besetzt L. lepadogaster bestimmte Reviere und wird sehr zutraulich. Die tägliche Fütterung aus der Hand gehört zu den Höhepunkten der Pflege, die Fische saugen sich dabei oft auf der Hand fest. L. candollei ist viel mobiler als L. lepadogaster und ist auch außerhalb der Fütterungszeiten beim Umherschwimmen im Aquarium sichtbar.

* Ein Problem in unseren geheizten Räumen ist die Wassertemperatur im Winter. Sie sollte 20°C nicht wesentlich überschreiten. Im Sommer steigen die Wassertemperaturen im natürlichen Lebensraum unserer Fische bis 26°C, im Winter beträgt sie aber, je nach Gebiet, nur 10 bis 15°C. Die Erfahrung zeigt aber, daß mediterrane Schildfische im Aquarium auch im Winter höhere Temperaturen gut vertragen. Wenn bestimmte Werte überschritten werden, wird der natürliche Reproduktionszyklus gestört und die Tiere leben kürzer.

* Als Futter ist fein aufgeschnittenes Sepiafleisch besonders empfehlenswert. Wichtig ist, daß die Futterbrocken nicht zu groß sind, da die Schildfische sie nicht abbeißen können. Sehr gut bewährt haben sich auch unsere Bachflohkrebse (Amphipoda), die man in den meisten Bächen unter Steinen in großer Anzahl fangen kann. Diese Crustaceen-Gruppe bildet auch in der Natur den Großteil ihrer Nahrung. Gut geeignet ist auch die im Handel erhältliche Tiefkühlnahrung, wenn sie die passende Größe hat. Ungeeignet dagegen ist jede Art Flocken- oder Tablettenfutter.

* Bei entsprechender Pflege und Wasserqualität (die große Bedeutung einer entsprechenden biologischen Filterung bei Meeresaquarien soll hier kurz erwähnt werden) sind die Schildfische sehr dankbare Aquarientiere, die ein Alter von etwa 4 Jahren erreichen. Es lohnt sich auch kleinere Exemplare zu fangen, da sie sehr schnell wachsen und die Wahrscheinlichkeit größer wird, daß sie uns einige Jahre im Aquarium erhalten bleiben.

* Die vorgestellte Fischfamilie ist besonders für biologisch interessierte Aquarianer zu empfehlen. Es bietet sich die Möglichkeit das interessante Laichverhalten der Fische oder die Vergesellschaftung von Diplecogaster bimaculata mit Seeigeln zu beobachten, die übrigens wahrscheinlich die einzige solche Partnerschaft im Mittelmeer ist. Hier ist aber Vorsicht geboten: zu viele Seeigel im Aquarium würden den gesamten Algenbestand in einigen Tagen vernichten.
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Eine Alternative zum kauf teuerer Korallenriffbewohner im oft zweifelhaften Gesundheitszustand ist somit die Pflege europäischer Tiere. Bereits beim Fang lernt man die natürlichen Lebensräume der Fische kennen und kann die Aquarien entsprechend gestalten. Der Fang einiger Exemplare stellt für die Bestände überhaupt keine Gefahr dar, die Ausfallrate beim Fang und Transport ist bei der Berücksichigung der Tips gleich Null und - nicht zuletzt - sie kosten nichts! ( Einfuhrbeschränkungen einzelner Länder erwähnen?)
Die Nachmachung möglichst naturnaher Lebensräume wird durch die Mitnahme von „lebenden Steinen“ und zusätzlichen Wirbellosen-Fauna leichter gemacht, was man bei tropischen Korallenaquarien sicher nicht behaupten kann.
Als Taucher oder Schnorchler kann man die Lebensweise und Besonderheiten vieler Fischarten beobachten. Bei den Schildfischen ist dies aber nur bedingt möglich, daher ist die Aquarienhaltung eine bevorzugte Möglichkeit um sie zu studieren.

Somit bleibt nur all jenen viel Erfolg und Freude zu wünschen, die beim nächsten Mittemeer-Urlaub, ausgerüstet mit Maske, Schnorchel und Netz, auf die Jagd nach Schildfischen gehen werden.


LITERATUR

BRIGGS J.C., 1955: A monograph of the clingfishes (Order Xenopterygii). Stanford Ichthyol. Bull., 6, 1-224.
BRIGGS J. C., 1986: Gobiesocidae. In: Check list of the North-eastern Atlantic and of the Mediterranean. J. C. Hureau & T. Monod, eds. Paris. Unesco. 651-656.
BRIGGS J. C., 1990: Gobiesocidae. In: Check list of the fisches of the eastern tropical Atlantic. C. Metivier & J. Sanchez-Jaimes, Lisbon. Unesco. 474-478.
GORDON J. C. D., 1983: Some notes on small kelp forest fish collected from Sacorhizza polyschides bulbs on the Isle of Cumbrae, Scotland. Ophelia, 22(2), 173-183.
GORDON M. S., S. FISCHER und E. TARIFENA, 1970: Aspects of the phy-siology of terrestial life in amphibious fishes. II. The Chilean clingfish, Sicyases sanguineus. J. Exp. Biol., 53, 559-572.
GUITEL F., 1919: Lepadogaster. In: Schmidt Johannes. Report on the Danish Oceanographical Expeditions 1908-1910, to the Mediterranean and ad-jacent seas. Copenhagen, Vol. 2, biology, no. 6, A.8. 9 pp.
HUTCHINS B., 1992: Rätselhafte Bewohner der südaustralischen See: Schildfische. DATZ, 2, 98-101.
PATZNER R. A. und H. DEBELIUS, 1984: Partnerschaft im Meer. 120 Seiten. Engelbert Pfriem Verlag, Wuppertal.
PATZNER R. A. und R. HOFRICHTER, 1993: Schildfische in den Seegraswiesen des Mittelmeeres. DATZ, 7, 440-443.
REINA-HERVAS J. A. und J. C. NUNEZ VERGARA, 1985: Opeatogenys gracilis (CANESTRINI 1864) (Gobiesocidae, Osteichthyes) en el Mediterraneo Espanol. Misc. Zool., 9, 405-407.
Die ... Begeisterung, die wir beim Betrachten der Natur empfinden, ist eine Erinnerung an die Zeit, da wir Tiere, Bäume, Blumen und Erde waren ... das Wissen um unser Einssein mit allem, was die Zeit vor uns verborgen hält. Leo N. Tolstoi

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