Sagen Sie nicht Lämmergeier!

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Dr. Robert Hofrichter
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Sagen Sie nicht Lämmergeier!

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 23 Jan 2007 15:44

:arrow: Bartgeier: Die größten Irrtümer
Gypaetus barbatus (Linneaus, 1758) - Bartgeier

Sagen Sie nicht Lämmergeier!

Bild Gypaetus barbatus barbatus

Die Bewohner der Alpen nannten den Bartgeier auch Lämmergeier und bejagten ihn erbarmungslos. Mit der zunehmenden Nutzung der Gebirgsregionen durch den Menschen wurde auch seine Nahrung knapper. Die Wildbestände waren schon seit Jahrhunderten stark dezimiert. Auf seinen ausgedehnten Suchflügen konnte er deshalb immer weniger Tierkadaver finden. 1913 wurde im italienischen Aostatal mit einem Schuss aus einem Schrotgewehr der letzte alpine Bartgeier vom Himmel geholt. So blieb der Steinadler über den Alpen der unangefochtene König der Lüfte, doch beinahe hätte der menschliche Vernichtungsdrang auch ihn ausgerottet.
Wildbiologen, Artenschützer und andere, die sich eingehend mit dem imposanten Bartgeier und seiner Wiederansiedlung in den Alpen beschäftigen, meiden den Namen Lämmergeier. Der Vogel ist nämlich einem früheren Rufmord zum Opfer gefallen: Dem Aas- und Knochenfresser dichtete man den Raub von Lämmern, Gämsen und Kleinkindern an.
Wie diese Geschichten ihren Anfang genommen haben, ist mit etwas Phantasie gar nicht so schwer nachvollziehbar: Ein knapp über Menschenköpfe vorbeirauschender Bartgeier ist eine äußerst imposante Erscheinung - gehört er doch mit bis zu 2,9 m Spannweite zu den größten flugfähigen Vögeln nicht nur Europas, sondern der gesamten Erde. Er ist ausserdem sehr neugierig und interessiert sich für alles, was sich in seinem Lebensraum tut.
So konnte es leicht vorkommen, dass Hirten und Bauern Legenden über den “Lämmergeier“ in die Welt setzten, zumal sie ihn des öfteren mit irgendetwas Großem zwischen den Krallen zum Himmel fliegen sahen. Im Gegenlicht konnte man wohl nicht genau erkennen, was es war. Vielleicht nur ein Knochen, den der Geier zu seiner Knochenschmiede trug. Oder es war die Nachgeburt eines Schafes, Steinbocks oder einer Gämse. In ihrer Phantasie wurde die Beute leicht zu einem Lamm oder sogar zu einem Kleinkind.
Es ist durchaus denkbar, dass der Vogel auch als Rechtfertigung eines Hirten gegenüber seinem Bauern für ein verlorengegangenes Lamm herhalten musste. Auch eine Kindesweglegung konnte man mit einem “Raub“ durch den mächtigen Vogel vertuschen.
Vielleicht verwechselten die Beobachter den Bartgeier aber auch manchmal mit einem Steinadler. Es ist für einen Ungeübten - und die meisten Menschen früherer Zeiten waren sicher keine Ornithologen - schwer, Steinadler und Bartgeier im Flug zu unterscheiden. Beide kommen schließlich im selben Lebensraum vor. Möglicherweise wurde so manche erfolgreiche Jagd eines Steinadlers auf ein Lamm oder eine junge Gämse dem Bartgeier zugeschrieben.
“Wir erleben bis heute, dass Besucher der Aufzuchtstation Bartgeier aufgrund ihrer Größe für gefährlich halten. Sie sind sehr erstaunt zu hören, dass der Fang eines Bartgeiers aus einem Gehege sehr einfach ist, ganz ohne Bewaffnung oder Lederhandschuhe geschieht und die einzige Reaktion der Vögel in Fluchtversuchen besteht“, weiß Hans Frey, der seit 1976 ca. 40 Bartgeier betreut und einen auf Menschen geprägten Vogel über viele Jahre beim Brüten und der Aufzucht von 15 Jungvögeln begleitet hat. “Die ungeheure Größe des Bartgeiers machte ohne Zweifel die alten Gerüchte glaubhaft.“
In früheren Zeiten trug der Bartgeier neben dem Namen Lämmergeier auch noch einige andere Namen: Geieradler, Bartadler, Goldadler, Greifadler, Goldgeier, Bartfalk, Berggeier, Beinbrecher oder Knochenbrecher. Die ersten vier Bezeichnungen beweisen, was Bartgeierexperten immer wieder betonen: Der Bartgeier ist ein Geier mit Adler-Outfit. Bei vielen älteren Naturbeobachtungen lässt sich daher nicht mehr eindeutig enträtseln, welcher Vogel wirklich beobachtet wurde.
Man sollte meinen, dass wenigstens ein wissenschaftlicher Name wie Gypaetus barbatus, anders als ein womöglich irreführender Trivialname, eindeutig sein sollte. Doch beim Bartgeier deutet selbst er eine gewisse Unsicherheit an. Während das Artbeiwort barbatus - wie beim deutschen Namen - auf den Bart hinweist, vereint der aus dem Griechischen stammende Gattungsname beide Vogelarten: gyps bedeutet Geier und aetus Adler.
Warum der Bart den Namen prägt, wird beim ersten Blick auf seinen Kopf deutlich. In den meisten Sprachen wird im Namen Bezug auf die borstigen Federn genommen, die über seinen Schnabel hängen - im Englischen bearded vulture (jedoch kennt auch das Englische das Wort Lämmergeier), im Französischen gypaète barbu.
“Im Gegensatz zum Adler“, erklärt Hans Frey, “der fruchtbarer und vorsichtiger ist, konnte der Bartgeier definitiv vernichtet werden. Er war Menschen gegenüber einfach vertrauensseliger (lebt bis heute in vielen Ländern als Kulturfolger), hatte riesige Streifgebiete (400 km2) und daher eine sehr geringe Siedlungsdichte (zehn Adlerreviere passen in ein Bartgeier-Wohngebiet) und zieht maximal ein Junges im Jahr auf. Die - selbst in der damaligen Wissenschaft verankerte - Unkenntnis machte es spezialisierten Adlerjägern leicht, absurdeste Unterstellungen in die Welt zu setzen. Der Bartgeier wurde zu einem Ungeheuer, man selbst zum Helden und dafür auch noch belohnt.“
Dank eines neuen Umweltverständnisses konnte der Bartgeier - gemeinsam mit einem anderen König der Berge, dem Steinbock - in den Alpen seine Wiedergeburt feiern. Der Alpenraum erhielt nach rund hundert Jahren seinen größten Greifvogel zurück und der Adler, allerdings nur was die majestätische Größe angeht, wieder Konkurrenz. piiieps kommt zwischen den beiden nicht auf, denn der Bartgeier frisst als “richtiger Geier“ ausschließlich Aas. Selbst mit anderen Geiern konkurriert er nicht. Seine spezielle Lieblingsnahrung Knochen macht ihm kein anderes Lebewesen des Hochgebirges streitig. Hoch über der Gebirgswelt seine Kreise ziehend, sucht er Kadaver von Steinböcken, Gämsen, Hirschen und Nutztieren. Dann schnappt er sich einen Knochen und fliegt mit ihm gegen den Himmel.
Der Bartgeier ist - abgesehen vom innerartlichen Verhalten - trotz seiner Größe kein aggressiver Vogel. Er hat bei uns kaum Nahrungskonkurrenten und außer dem Menschen keine natürlichen Feinde. Wenn er ausreichend Nahrung, Wasser, gute Aufwinde, sichere Niststandorte, Knochenschmieden (siehe Seite 50) und unser Wohlwollen findet, werden wir uns bei Wanderungen im Gebirge wieder seines majestätischen Anblicks erfreuen können.


Das Schauermärchen des Jahrhunderts
:arrow: “Im Urnerlande lebte noch 1854 eine Frau, die als Kind von einem Lämmergeier entführt worden war. In Hundwyl (Appenzell) trug ein solcher verwegener Räuber ein Kind vor den Augen seiner Eltern und Nachbarn weg. Auf der Silberalp (Schwyz) stieß ein Geier auf einen auf einem Felsen sitzenden Hirtenbuben, begann ihn sogleich zu zerfleischen und stieß ihn, ehe die herbeieilenden Sennen ihn vertreiben konnten, in den Abgrund …“
Derartige Schauermärchen, noch 1890 von Friedrich von Tschudi so aufgezeichnet, prägten das Bild des Bartgeiers in den Alpen über Jahrhunderte. Man kann nur spekulieren, aber vielleicht wurde der eine oder andere Mord oder die eine oder andere Kindstötung bewusst dem Lämmergeier zu Last gelegt.
Trotz seiner Größe, des markanten Aussehens und der eigenartigen Lebensweise hat der Geier in der Kulturgeschichte des Abendlandes nicht so viele Spuren hinterlassen wie etwa der Bär oder der Wolf. Je nach Gegend und Epoche hat man ihn entweder nur einfach geduldet - wobei es dem Menschen nicht entgangen sein dürfte, dass er mit dem Beseitigen der Kadaver einen nützlichen Dienst erweist -, verehrt oder auch verteufelt. Bei den Ägyptern, Griechen und Römern hinterließ er jedoch mehr kulturelle Spuren als im christlichen Europa.
Beim Lesen alter Quellen darf man aber nicht vergessen, dass es oft kaum möglich ist, die geschilderte Vogelart genau zu identifizieren. Geier wird oft einfach als Geier beschrieben, unabhängig davon, um welche Art es sich handelt. Auf die Verwechslungen mit anderen Greifern, vor allem mit Adlern, wurde schon hingewiesen. Daher ist eine umfassende kulturgeschichtliche Darstellung einer bestimmten Geierart schwierig.
Die ... Begeisterung, die wir beim Betrachten der Natur empfinden, ist eine Erinnerung an die Zeit, da wir Tiere, Bäume, Blumen und Erde waren ... das Wissen um unser Einssein mit allem, was die Zeit vor uns verborgen hält. Leo N. Tolstoi

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