Haie & Seychellen 1963: Der Fall Moise Radegonde

Alles rund um die Seychellen, unsere Reef Check-Studie und geplante Projekte

Moderatoren: rebecca, julian, Ellen, Maxchifle, A-Team

Antworten
Benutzeravatar
Dr. Robert Hofrichter
Geschäftsführer
Geschäftsführer
Beiträge: 5608
Registriert: 08 Sep 2006 13:44
Kontaktdaten:

Haie & Seychellen 1963: Der Fall Moise Radegonde

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 13 Sep 2011 17:30

Haie & Seychellen 1963: Der Fall Moise Radegonde

In Zusammenhang mit den aktuellen tödlichen Haiangriffen im August 2011 auf Anse Lazio (Praslin) haben viele von uns (verzweifelt) nach zuverlässigen Informationen über Haie auf den Seychellen gesucht. Die entscheidende Frage, die jeden interessiert, lautet: Kommen solche Fälle häufiger vor, werden manche vertuscht, oder waren es tatsächlich absolute Ausnahmefälle?

Mich selbst interessiert das Thema selbtsverständlich ganz besonders, erstens weil ich dort seit 13 Jahren viel Zeit unter oder im Wasser verbracht habe, zweitens aus Verantwortung meinen Gästen gegenüber. In den letzten fast 3 Wochen habe ich daher auf den Seychellen intensiv recherchiert.

Ein eindeutiges Resultat meiner Recherchen ist: Solche Unfälle sind sind tatsächlich absolute Ausnahmefälle! Die meisten Menschen auf den Seychellen wachsen fast "im Wasser" auf, man sieht die Kinder täglich im Wasser spielen. Auch Fischer und jugendliche, wagemütige Draufgänger haben Generationen lang vieles im Meer unternommen - und nichts ist geschehen (so sind etwa Ronald Ladouceur und Bill Fehoko mehrmals nachts allein von La Digue nach Praslin geschwommen, in die Disco... Nichts ist ihnen geschehen. Sidney Rosalie ist 2006 oder 2007 bei Marianne abgedriftet worden, nachdem das Boot gekentert war. Nach 22 Stunden wurde er bei Fregate wieder aus dem Wasser gefischt, viele Seemeilen entfernt. Er hat die ganze Nacht im Ozean treibend überlebt, obwohl er nicht schwimmen konnte... und hat keinen Hai gesehen...). Für eine Haihysterie gibt es keinen Grund, obwohl die zwei Fälle wahrlich extrem tragisch und fürchterlich sind, ich habe mir die Stellen auf Praslin angeschaut, wo es passiert ist, es war ganz nahe am Ufer. Man würde es nicht für möglich halten ...

Nun also zum einzigen Fall, den die Behörden in den offiziellen Stellungnahmen zugeben, den aus dem Jahr 1963. Näheres fand man aber in den Stellungnahmen nicht. Ich konnte durch Mr. Ah-Sang auf La Digue mehr darüber erfahren.

Was ich nicht wusste und was für mich verblüffend war: Der tödliche Unfall ist auf La Digue passiert, vor La Passe, unweit vom Jetty. Das Opfer hieß Moise Radegonde, männlich, etwa 25 Jahre alt. Wenn man "Opfer" schreibt, muss man jedoch wissen, dass der junge Mann zugleich "Täter" war: Die Jagd auf Meeresschildkröten war damals noch legal und man hat sie im großen Stil betrieben. Von Booten aus hat man die Schildkröten mit zweizackigen Harpunen in den Hals gestochen bzw. aufgespießt (also nicht in den Panzer). Das Wasser war an diesem Tag voller Blut und die Schildkröte hat im Todeskampf entsprechende Signale ausgesandt, die Haie auf große Entfernungen wahrnehmen können. Es war somit kein unprovozierter Angriff, wenn man ein Tier im Wasser abschlachtet, in dem Tigerhaie herumschwimmen. Tigerhaie können selbst heute noch im Hafenbecken von La Digue vorkommen. So war es vor etwa 2-3 Jahren, vielleicht 2008 (auf das Datum konnten sich die Zeugen nicht mehr genau erinnern). Zwei etwa 3 m lange Tigerhaie schwammen vor dem Jetty hin und her. Die Männer haben versucht sie mit Lärm und Krach aus dem Hafenbecken zu treiben, doch bald waren sie wieder zurück. Erst nach dem zweiten Anlauf ist es gelungen die Tigerhaie zu "vertreiben".

Das Opfer schrie "mato", was kreolisch (Großer) Hammerhai bedeutet, aber den Hai selbst hat niemand gesehen, obwohl mehrere Leute im Boot und in der Nähe waren. Damit ist es nicht klar, welche Haiart für den Angriff verantwortlich war. Man hat sogar spekuliert ob es nicht ein großer Barrakuda war (kreolisch tazar). Die Fischer fürchten große, einzelgängerische Barrakudas mit über 2 m Länge fast mehr als Haie (sie behaupten, dass die noch viel größer werden können ... doch das könnte Fischerlatein sein http://www.fishbase.org/Summary/Species ... =barracuda ). Doch der Unfall deutet auf einen Tigerhai hin, Tigerhaie fressen regelmäßig Meeresschildkröten (wie auch bei den zuletzt gefangenen Tigerhaien nach den Angriffen - da waren auch Reste von Meeresschildkröten im Magen).

Bild

Zusammenfassung: Dies ist der einzige geischerte, auch offiziell bestätigte Haitote des letzten halben Jahrhunderts. Es handelte sich um keinen unprovozierten Unfall, da ein Tier im Wasser abgeschlachtet wurde und alles voller Blut und Gewebereste war. Zweifellos hat das den Hai angelockt.
Die ... Begeisterung, die wir beim Betrachten der Natur empfinden, ist eine Erinnerung an die Zeit, da wir Tiere, Bäume, Blumen und Erde waren ... das Wissen um unser Einssein mit allem, was die Zeit vor uns verborgen hält. Leo N. Tolstoi

Antworten

Zurück zu „Seychellen - mare-mundi-Initiativen“