Bericht mare-mundi & Reef Check Studie 09 Seychellen

Alles rund um die Seychellen, unsere Reef Check-Studie und geplante Projekte

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Dr. Robert Hofrichter
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Bericht mare-mundi & Reef Check Studie 09 Seychellen

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 22 Okt 2009 11:37

Erster Kurzbericht von der mare-mundi & Reef Check Studie 2009 auf den Seychellen

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:arrow: WICHTIGE NOTIZ: Der erste mare-mundi Termin des Jahres 2010 für die Seychellen findet sicher statt und ist damit fix: Sterische Biologielehrer und Biologen erkunden die Biodiversität der Seychellen - 26. August - 11. September 2010 !

Alle anderen Termine für die Seychellen, auch die der Reef-Check-Studie, werden hiermit definitiv auf 2011 verschoben! Das hat mehrere Gründe: Unser Korallen- und Reef-Check Experte Christian Alter ist voll mit Projekten am RSEC in Dahab eingedeckt (Volotäre für Reef Check am Roten Meer werden laufend noch gesucht!), und Robert Hofrichter kann 2010 aus gesundheitlichen Gründen keine zusätzlichen Seychellen-Exkursionen auf sich nehmen. Im September und Oktober finden an der Feldstation Krk zahlreiche mare-mundi Schulkurse für Schulen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz statt (Gäste für ein spannendes Programm sind jederzeit willkommen), im November ist die mare-mundi Papua-Eexpedition https://mare-mundi.org/forum/viewtopic.php?t=4130 , leider schon voll). Damit sind unsere Kapazitäten für 2010 schlicht erschöpft.

Das ist aber kein Grund um traurig zu sein: 2011 erwartet die Naturfreunde wieder ein reichhaltiges mare-mundi Programm auf den Seychellen! Und wer nicht so lange warten möchte, kann mit uns auf eine der anderen Destinationen ausweichen: Entweder ein spannendes Programm an einer der RSEC-Feldstationen am Roten Meer mitmachen (alle Infos unter http://www.redsea-ec.org ), oder an der Feldstation Krk https://mare-mundi.org/forum/viewforum.php?f=51 , wo ein nicht minder interessantes Programm für Natur- und Meeresfreunde geboten wird. Krk liegt in der Nordadria und ist einfach und kostengünstig zu erreichen.



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Paradiesisch wie eh und je: manche Küstenabschnitte der granitischen Seychellen (wegen der regen Bautätigkeit kann man leider nicht "die meisten" schreiben). Doch wie sieht es unter Wasser aus? Wie ist der Zustand der riffbildenden Steinkorallen (Scleractinia) elf bis zwölf Jahre nach dem großen Korallensterben? Dieser Frage ging unsere Expedition nach.

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Übersichtsaufnahme eines zu untersuchenden Riffabschnitts. Baie Ternay Marine Nationalpark. Tiefe 10 m. Reef Check Nr. 3 vom 10. 9. 2009. Fotomontage von Christian Alter.

:arrow: Ausführlicher Bericht von Christian Alter hier https://mare-mundi.org/forum/view ... 4330#14330
:arrow: 5. September bis 20. September 2009
:arrow: Teilgenommen und die Studie unterstützt haben zahlreiche ausgezeichnete Korallenexperten: Dipl.-Biol. Holger Anlauf, Dipl.-Biol. Christian Alter, Dr. Wolfgang Loch, Karen Loch, Mag. Pierre Madl ..., und solche, die unsere Experten unterstützt haben: Lais Kraus de Camargo, Christian Kielmann, Heinz Krimmer, Mailin Hamm, Laurent Guyard, Stefan Reisinger, Johanna Wegener, Wolfgang Wimmer + zahlreiche Mitarbeiter, Volontäre und Studenten von mare-mundi, die im Sommer 2009 auf den Seychellen waren. Die Studie wurde durch Dr. Robert Hofrichter und die Organisation http://www.mare-mundi.eu möglich gemacht und mitfinanziert.
:arrow: In Kooperation und unter Aufsicht der Marine Parks Authority der Seychellen (SCMRT-MPA) http://www.scmrt-mpa.sc/

:arrow: mare-mundi dankt Frau Lais Kraus de Camargo für die finanzielle Unterstützung des Projekts!

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Eine Teilnehmerin der Expedition schnorchelt über Korallenfriedhöfe. Sie bieten einen verheerenden Anblick, auch 12 Jahre nach dem großen Korallensterben 1997/1998.

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Junge Steinkorallen entwickeln sich besonders gut auf den Granitfelsen.

Dieser Kurzbericht ist nur eine vorläufige, erste Informationen. Die Daten sind von einer wissenschaftlichen Auswertung noch weit entfernt, aber Karen und Wolfgang Loch haben ihre ersten Eindrücke zusammengefasst. Im Vergleich zu Maledivenexpedition 2007 (die auch Holger Anlauf und Pierre Madl mitgemacht haben) fällt dieser erste Eindruck jedoch eher verheerend aus. So schlechte Regeneration - speziell auf den Carbonatflächen, also auf jenen Kalkflächen, die vor der Bleiche oder noch früher durch Korallen und andere marinen Organismen aufgebaut wurden - wie rund um die granitischen Seychellen meinen Karen und Wolfgang Loch selbst an den schlechtesten Stellen der Malediven nicht gefunden zu haben. Aus wissenschaftlicher Sicht und aus persönlichem Interesse scheint gerade die Vergleichsmöglichkeit der Seychellen mit den Ergebnissen der Maledivenexpedition 07 besonders interessant zu sein.

Der erste Eindruck von Karen und Wolfgang Loch ist, dass die Zahl der Neuansiedlungen extrem niedrig liegt, ebenso wie der Bedeckungsprozentsatz mit Scleractinia (Steinkorallen). Letzteren schätzen sie auf Mahé auf einen Schnitt von 10 - 12 %. Aufgenommen wurden 144 Quadrantenaufnahmen pro 80 m Transektstrecke.

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Ein Schnorchelgang bei Cocos ist immer noch sehr beeindruckend. Das liegt zum Teil auch daran, dass es rund um die Inseln keine große Auswah an leicht erreichbaren Spitzen-Schnorchelplätzen gibt. Einst lag hier das wohl schönste seichte Korallenriff der Inneren (Granitischen) Seychellen. Spätestens 1998 war dieses Riff durch coral bleaching vollständig zerstört - ebenso wie die Riffe vor Felicité, Sisters und alle anderen. Obwohl manche Pionierarten gut wachsen und größere Flächen bedecken, ist der Gesamteindruck über große Flächen nach wie vor verheerend.

Bezüglich der Korallendiversität sieht das Ergebnis auch nicht sehr gut aus: Sehr wenig Acropora-Kolonien, noch weniger entsprechende Neuansiedlungen. Vorherrschend waren massive Porites-Formen sowie Goniastrea- und Pocillopora-Arten. Ansonsten findet man sehr viele Sekundärsiedler, vor allem Sarcophyton und Krusten- sowie Scheibenanemonen. Relativ selten sind hingegen Porifera und Ascidien.

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Aggregationen von Diademseeigeln auf den abgestorbenen Korallenfriedhöfen bei Cocos. Über weite Strecken sind die Diademseeigeln die einzigen größeren bewohner dieser trostlosen Flächen. Die Regeneration der Scleractinia ist hier äußerst gering bis kaum vorhanden.

Und wie sieht es rund um La Digue aus?

Karen und Wolfgang Loch berichten von Freitauchgängen auf La Digue (Tauchplätze Anse Severe und Anse Union), wo sie soweit möglich Korallenbestimmungen vorgenommen haben. Auf 112 Bildern haben sie insgesamt 25 Scleractinia-Species festgehalten. Folgendes fiel ihnen an den beiden genannten La Digue Tauchplätzen auf:

Anse Severe hat mit mehreren Felsenriff-Anteilen, die naturgemäß einem höheren Wellendruck und stärkerer Strömung ausgesetzt sind, eine deutlich höhere Bedeckung mit Steinkorallen als die dortigen Carbonatriffanteile und das Carbonatriff bei Anse Union (jene Beobachtung also, die wir laufend alle gemacht haben, wird auch hier bestätigt). In den stark degradierten Carbonatriffen waren kaum mehr Acropora-Korallen zu finden. Hier sah man wenige Pocillopora damicornis, P. verrucosa, P. eydouxi; dazu kleine massive Porites-Kolonien sowie Goniastrea und einzelne Favites.

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Eine der wenigen Ausnahmen: Junger Korallenstock entwickelt sich auf dem abgestorbenen, mobilen Carbonatsubstrat.

Die Bedeckung mit Steinkorallen lag hier geschätzt bei nur 2 -- 3 % (!!!). Die Transektuntersuchung (Reef - Check) bei Anse Severe wird genaueres zeigen. Das ehemals sehr breite Riffdach bei Anse Union, das fast vollständig zerstört ist, zeigt in rund 100 m Uferentfernung bei 3 -- 5 m Tiefe viel Xenien-Bewuchs (hier wohl als Sekundärsiedler anzusehen). Große Partien des Benthos waren dort mit bis zu 15 % Xenien bedeckt.

Auffällig war, dass auch in den Kalkriffen relativ viele kleinere massive Porites-Kolonien wuchsen, während Porites rus und P. cylindrica als Vertreter der ästigen Arten kaum vorkamen. Im tiefern Wasser (5 -- 6 m) bei Anse Severe fanden wir sogar einen ausgedehnten Riffbezirk von Porites lobata bzw. P. lutea mit ungeschädigten Riesenkolonien bis zu 4 m
Durchmesser. Etwas außerhalb der isolierten Granitblöcke rund 100 -- 120 m vom Ufer entfernt standen diese halbkugeligen Kolonien im Vorriffbereich auf rein sandigem Grund. Es war sozusagen ein monospezifischer Bestand. Die Mehrzahl dieser Porites-Kolonien hatte eine Iglu-Form und sie standen wie in einer Eskimo-Siedlung im Abstand von 4 -- 5 Metern zueinander. Geschätzt waren es wenigstens 20 -- 30 solcher 1998 nicht sichtbar geschädigter hemisphärisch gewachsener Kolonien.

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Besonders auf den Granitfelsen gibt es in manchen Bereichen eine prächtige Entwicklung von Steinkorallen. Stellenweise wachsen die Stöcke sehr schnell, und die Scleractinia erreichen wieder hohe Bedeckungsgrade. Ganz anders ist die Situation auf den Carbonatflächen, die an vielen Stellen kaum Regeneration zeigen.

Wegen der im Vorriff relativ starken Strömung konnten wir die genaue Ausdehnung dieser Porites-Region nicht eruieren. Übersichts-Fotos waren wegen der schlechten Sicht nicht möglich. Wahrscheinlich ist die starke Strömung hier im Vorriff Ursache für die ungewöhnlich gut erhaltenen massiven Porites “Bollwerke".

Die von uns im Granitriff von Anse Severe beobachteten Acropora-Arten schienen sich weitgehend auf die (nach Veron Gruppe 7: weit umfassend inkrustierenden horizontal- ästigen Arten mit raspel- ähnlichen radialen Koralliten) zu beschränken, nämlich Acropora pinguis, A. robusta, A. irregularis und A. abrotanoides. Da diese Kolonien von der Größe her alle nicht über 10 Jahre alt sein konnten, fiel ihre Basis- Inkrustation besonders stark auf. Das hat also mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mit dem Bleaching zu tun, sondern mit ihrem “jugendlichen" Alter. Andere massiv wachsende Acropora Arten wie A. palifera und A. cuneata waren hier wie in den Carbonat-Riffanteilen auffälligerweise ebenso wenig zu finden wie alle übrigen feinästigen Arten.

Dominanter Riffbildner des Granitriffes von Anse Severe war Goniastrea retiformis, die mit riesengroßen Kolonien die Uferfelsen überzog.

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Gemischte Gefühle bei Cocos: Neue Korallen wachsen teilweise nach, doch viele Flecken gleich immer noch einem Korallenfriedhof.

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Manche Fischarten (hier Monodactylus - Silberflossenblatt) sind nach wie vor sehr häufig. Doch bei manchen streng riffasoziierten Fischarten wurden Rückgänge der Bestände beobachtet.

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Regeneration ist möglich - wenn die Bedingungen stimmen! Und wenn der UW-Nationalpark nicht nur auf dem Papier existiert, sondern seine Erhaltung und Schonung auch in der Praxis umgesetzt wird. Derzeit ist es leider noch nicht der Fall: Massen von ahnungs- und rücksichtslosen Touristen werden täglich nach Cocos gebracht, wo sie die jungen Korallen niedertrampeln. Alle Besucher der Seychellen müssen gemeinsam dazu beitragen, dass sich das kleine Paradiese rund um Cocos - und nicht nur dort - wieder regeneriert. In zehn Jahren könnten wir dann noch mehr Freude beim Schnorcheln rund um Cocos haben, vorausgesetzt "global change" mach uns keinen Strich durch die Rechnung!

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Die Reef Check Studie wurde tatkräftig auch von den Studenten und Volontären von mare-mundi unterstützt. Danke!

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Christian Alter verteilt als Vertreter von Reef Check die Diplome an die Teilnehmer und Unterstützer.

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Und wie geht es mit der Entwicklung der Steinkorallen auf den Seychellen weiter? Eine weitere, noch umfnagreichere Studie soll 2010 mehr Klarheit schaffen. Wir freuen uns über jede Anregung und Unterstützung - und über die Teilnahme von erfahrenen Tauchern, die in ihrem Tauchurlaub gern etwas Sinnvolles leisten und viel dazulernen wollen. Informationen zur mare-mundi Reef Check Studie 2010 findest Du hier https://mare-mundi.org/forum/viewtopic.php?t=3568


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http://www.mare-mundi.eu , http://www.redsea-ec.org

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Die ... Begeisterung, die wir beim Betrachten der Natur empfinden, ist eine Erinnerung an die Zeit, da wir Tiere, Bäume, Blumen und Erde waren ... das Wissen um unser Einssein mit allem, was die Zeit vor uns verborgen hält. Leo N. Tolstoi

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