Biotour September 08: Besteigung des Morne Seychellois

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Dr. Robert Hofrichter
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Biotour September 08: Besteigung des Morne Seychellois

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 30 Sep 2008 19:57

Biotour September 08: Die Besteigung des Morne Seychellois

Ein absoluter Höhepunkt für echte Naturliebhaber, die keine Mühe scheuen, ist die Besteigung des höchstgelegenen Punktes der Seychellen, des 905 Meter hohen Morne Seychellois. Der Pfad ist ziemlich zugewachsen, schlecht markiert und oft weiß man bereits nach einigen Metern nicht mehr, wie es zum Gipfel geht.

Was die Vegetation der Seychellen angeht, kann auf großen Teilen der Seychellen kaum von „ursprünglich“ oder „unberührt“ gesprochen werden. Die Granitberge auf Mahé mit dem Morne Seychellois bieten im obersten Bereich noch einen Eindruck von der ursprünglichen Vegetation. Diese Gipfel und die Bergwälder an ihren steilen Hängen, mit schroffen Granitwänden und bis zu 4000 Millimeter Niederschlag im Jahr, sind schwer und nur mit großer Anstrengung zu erreichen. Dort sind Teile der ursprünglichen Wälder erhalten geblieben.

Und genau dieser Nebelwald war unser Ziel. Doch die Herausforderung war groß ... Nur etwa ein Drittel der Gruppe hat den Gipfel erreicht. Es war wahrlich ein Abenteuer - nur mit einem örtlichen Führer durchführbar.

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Der Aufstieg beginnt ...

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Die wenigen, steilen Pfade, die in diese Urwälder führen, bilden meist den einzig möglichen Zugang für Menschen - und gleichzeitig einen beliebten Weg für das abfließende Wasser. Seine Spuren sind unübersehbar. Die ausgewaschenen und entsprechend rutschigen Pfade erteilen dem Besucher eine wichtige ökologische Lektion: Die heftigen Regenfälle bedeuten Leben für den Urwald und seine Bewohner, allerdings nur so lange, als es eine (möglichst ursprüngliche) Vegetationsdecke gibt. Sie liefert eine schützende Laubschicht und verfestigt die dünne und absolut lebenswichtige Humusschicht. In dem Moment aber, wo die Vegetation verschwindet oder nur kleinere Wunden abbekommt, wirkt das abfließende Wasser in ökologischer Sicht geradezu todbringend. Es schwemmt den nährhaften Boden - wie auf den Waldwegen zu sehen - in kürzester Zeit weg und gibt den ziegelroten Lateritboden frei. Solche Schäden sind ökologisch oft irreparabel; zumindest wird sich der ursprüngliche Zustand nie wieder einstellen.
Der Waldboden ist von einer relativ dicken Laubschicht bedeckt. Sie bedeutet im intakten Wald einen wichtigen Erosionsschutz und speichert zusätzlich wertvolle Nährstoffe, die in den Böden tropischer Wälder fast immer Mangelware sind. Ihr Großteil ist in der lebenden Substanz des Waldes eingebaut. Auch Wasser wird in der Laubschicht festgehalten, fließt nicht sofort ab, sondern versickert langsam im Boden, wobei die spärlichen remineralisierten Nährstoffe ausgewaschen und so dem Boden und der Vegetation wieder zur Verfügung gestellt werden.

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Ganze Armeen an Bodenorganismen - Ameisen, Termiten, Würmer, Insektenlarven, Urinsekten, Einzeller, Pilze und Bakterien - sorgen für den Kreislauf der Stoffe zwischen lebendig und anorganisch.

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Dank der vielen Niederschläge und der hohen Luftfeuchtigkeit ist der Nebelwald nicht zuletzt ein Refugium von Pilzen, Moosen, Flechten und Farnen. Viele von ihnen wachsen als Epiphyten auf großen Bäumen, Moose bedecken oft zentimeterdick Baumstämme und Äste. Typisch für diese Region sind endemische Orchideen, von denen die am Boden oder auf Felsen wachsende Malaxis seychellarum die häufigste ist.

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Stabheuschrecke: Auf den Blättern verschiedener Pflanzenarten sieht man im Gebirgswald Fraßspuren, deren Verursacher meist verborgen bleiben. Kein Wunder, gehören sie doch zu den besten Tarnkünstlern der Seychellen. Neben dem Wandelnden Blatt (Phyllium sp.) leben hier Stabheuschrecken (Carausius seychellarum). Beide zählen zu den Gespenstschrecken (Phasmida), einer eigenen, recht artenreichen Insektenordnung. Den aus dem Griechischen stammenden Namen „Gespenstschrecken“ tragen die Tiere völlig zu Recht, denn ihr Aussehen ist mehr als abenteuerlich. Absolut perfekt an die umgebende Vegetation angepaßt, sind sie für einen potentiellen Feind praktisch unsichtbar. Leider auch für den „Freund“, etwa einen Fotografen oder Insektenforscher, der verzweifelt einen dieser Tarnkünstler zu entdecken versuchet. Das Phänomen der optischen Angleichung an Zweige und Blätter nennt man wissenschaftlich Phytomimese. Jeder, der das Glück oder die Geduld hat, ein solches Tier zu entdecken und genau unter die Lupe zu nehmen, wird staunen, denn eine Anpassung in dieser Vollendung ist schwer zu begreifen. Der Erhaltung der „Unsichtbarkeit“ dienen auch die langsamen Bewegungen: die Tiere können im Gegensatz zu „Heu“-Schrecken nicht springen.

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Orchideen im Nebelwald

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Der düstere Nebelwald in Wolken gehüllt.

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Sooglossus gardineri.

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Ab etwa 200 bis 300 Meter Seehöhe, überwiegend aber noch höher, bis in die Gipfelregionen können Frösche aus der endemischen Familie der Seychellenfrösche (Sooglossidae) beobachtet werden. Allerdings nur, wenn man über ihre Lebensräume, Mikrohabitate und Lebensweise gut informiert ist. Ansonsten wird die Suche nach ihnen eher enttäuschend verlaufen, obwohl Sooglossus gardineri an den „richtigen“ Stellen gar nicht selten ist.

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Der kleine Frosch wird fotografiert.

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Im Reich der Kannenpflanzen (Nephentes pervillei).

Je höher auf den Bergen, desto höher wird im allgemeinen der Anteil der endemischen Arten. Zu den botanischen Berühmtheiten der Seychellen, auf die in allen Reiseführern aufmerksam gemacht wird, gehören die Kannenpflanzen, auch Kannenlianen oder „pitcher-plants“ (Nepenthes pervillei). In den altweltlichen Tropen und in Nordaustralien, doch ein überwiegend asiatisches Florenelement, gibt es etwa 70 Arten dieser Gattung, sie bilden eine eigene Familie (Kannenpflanzengewächse, Nepenthaceae). Kannenpflanzen gehören zu den fleischfressenden Pflanzen, wobei diese Bezeichnung sicherlich zu dramatisch klingt. Die Insekten fangende Pflanze hat mit einem Deckel versehene „Kannen“ - es handelt sich um umgebildete Ranken -, gefüllt mit einer wässrigen Flüssigkeit, in der Ameisensäure und eiweißsplatende Enzyme enthalten sind. Diese Flüssigkeit wird von Drüsen im Kanneninneren ausgeschieden. Der „Deckel“ soll verhindern, daß die Verdauungsflüssigkeit zu stark mit Regenwasser vermischt wird oder sich die Kannen bei starken Regenfällen überhaupt ganz mit Wasser füllen. Die gefangenen Insekten werden zersetzt und die abgebauten Stickstoffverbindungen von der Pflanze aufgenommen. Fleischfressende Pflanzen sind - so auch bei uns in Europa - vor allem in Lebensräumen zu finden, die sich durch Böden mit wenig Nährstoffen auszeichnen; sie sind daher auf zusätzliche Zufuhr von Stickstoff angewiesen. Angelockt werden die Insekten durch Nektar, die auffällige Färbung der Kannendeckel und den Duft der Flüssigkeit. Die in der Roten Liste der IUCN als „gefährdet“ eingestufte Seychellen-Kannenpflanze - ihr steht als Lebensraum auf den gesamten Seychellen nur eine Fläche von weniger als 50 Hektar zur Verfügung - überzieht Büsche und Bäume mit bis zu zehn Meter langen Lianen.

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Roberts Thrombosestrumpf ... Sieht nach der Tour nicht besonders appetitlich aus ... Ich habe mich an einem morschen Baum festhalten wollen, dieser ist umgekippt und ich bin abgestürzt ...

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Walter sucht nach Fröschen ...

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Gefunden hat er nicht nur Frösche, sondern auch beide endemischen Schlangenarten. Der Ansturm der Fotografen war groß ...

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Wolfschlange: Auch die etwas größere (1,2 Meter), überwiegend tagaktive und in der Farbe variable Seychellen-Wolfsschlange (Lycognathopis seychellensis) ist endemisch. Sie zählt zu den Nattern, hat aber keine näheren Verwandten und kann als eine alte, hier entstandene Art betrachtet werden. Vermutet wird eine Verwandtschaft mit madagassischen Nattern. Besonders am Waldboden der Gebirgswälder ist diese Schlange nicht selten, sie kommt aber beispielsweise im Nationalpark Vallée de Mai genauso häufig vor wie auf dem höchsten Gipfel des Morne Seychellois in 900 Meter Seehöhe. Praktisch ist sie in nahezu allen Lebensräumen bis in die Küstenebenen zu finden, wo sie Jagd auf Geckos, Frösche und vielleicht auch kleine Vögel macht. Die Seychellen-Wolfsschlange tritt in zwei Farbvarianten, heller und dunkler, auf. Sie hat relativ große Augen, wodurch sie leicht von den anderen beiden Schlangenarten zu unterscheiden ist. Auch über sie ist nicht allzuviel bekannt, vermutlich sind beide Natterarten eierlegend. Ihr wichtigster Feind ist wohl der Seychellen-Turmfalke (Falco araea).

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Zwei Schlangenarten der Seychellen gehören zu den Nattern (Colubridae), der größten und vielgestaltigsten Schlangenfamilie. Die endemische, gelb- oder braungefärbte Seychellen-Hausschlange Boaedon (Lamprophis) geometricus wird knapp einen Meter lang. Sie macht Jagd auf kleine Wirbeltiere wie Echsen, Vögel (auch Küken) oder Mäuse, die sie erwürgt. Über die natürlichen Feinde der Hausschlangen ist wenig bekannt; vermutlich fallen sie regelmäßig Eulen, Tenreks und manchmal auch Katzen zum Opfer. Ihre nächste Verwandtschaft - das sind fünf Arten derselben Gattung - lebt in Afrika. Die Ähnlichkeit zu diesen Arten ist groß; vermutlich ist die seychellsche Art verhältnismäßig jung, möglicherweise erst durch Menschen eingeschleppt. Weil sich die harmlosen Reptilien in Afrika oft in Häusern und deren Nähe aufhalten, erhielten sie die Bezeichnung „Hausschlangen“.

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Mehr oder weniger zufälliges Zusammentreffen im Nebelwald mit dem Grazer Biologen Werner Holzinger.

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Ein weiteres Opfer der Bergtour ...

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Nach der Tour: Ein kühles Sey Brew ist die beste Medizin ...

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Norbert, Fred, Norbert: Die Helden des Tages nach der Bergbesteigung.

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... und ihre Sandalen ...

Die Strapazen des Aufstiegs ...

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Die ... Begeisterung, die wir beim Betrachten der Natur empfinden, ist eine Erinnerung an die Zeit, da wir Tiere, Bäume, Blumen und Erde waren ... das Wissen um unser Einssein mit allem, was die Zeit vor uns verborgen hält. Leo N. Tolstoi

Sundri
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Beitrag von Sundri » 30 Sep 2008 22:42

Hallo Robert,

ich hatte mal wieder ein Internet-Problem! Deshalb melde ich mich jetzt erst. Die Bio-Exkursion war echt super!!! Ich vermisse die Gruppe echt und ich hätte es noch drei Monate mit euch ausgehalten! :D
Noch ein paar Fotos von mir:
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...und meine geliebte Dianella ensifolia, deren Ableger (vom Morne Sechelois geklaut) ich leider auf La Digue vergessen habe!
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Gruß Sundri

Ines
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Foto dringend gesucht

Beitrag von Ines » 24 Nov 2008 10:31

Lieber Robert,

willkommen im Winter!
Christa und Norbert werden morgen auf dem Abteilungsseminar von den wunderbaren Seychellen-Erlebnissen der Bio-Tour 2008 berichten - und ich soll dir eine Bitte weiterleiten:

könntest du noch das Bild posten, das direkt nach dem Abstieg vom Morne Seychellois von unserer Rückenansicht enstanden ist (und auf man eindeutig erkennt, dass wir da nicht ganz aufrecht herunter gekommen sind :D - das würden sie noch gern einbauen...

Vielen Dank,
Ines

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