Gobiesocidae im Mittelmeer: Geschichte ihrer Erforschung 2

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Gobiesocidae im Mittelmeer: Geschichte ihrer Erforschung 2

Beitrag von Dr. Robert Hofrichter » 02 Aug 2007 17:48

Gobiesocidae im Mittelmeer: Geschichte ihrer Erforschung 2

Lepadogaster lepadogaster (BONNATERRE, 1788)

Ähnlich, wie bei G. wildenowi, ist die große Anzahl von Synonymen (ca. 25) für diese Art überraschend, ebenso die Verwirrung zwischen den Ichthyologen des 19. und sogar 20. Jahrhunderts. Bereits zwei Merkmale, die langen Nasententakeln und teilweise verwachsenen Dorsal-, Anal- und Caudalflossen, machen diese Art unverwechselbar. Sehr ähnlich ist nur Lepadogaster zebrina, der jedoch im Mittelmeer und bei den Britischen Inseln nicht vorkommt. Eine morphologi-sche Variabilität, besonders die der Kopfform, sind bei L. lepadogaster relativ stark ausgeprägt, auch die Färbung kann je nach Population, Jah-reszeit und Stimmung stark variieren, trotzdem machen die bereits erwähnten Merkmale eine schnelle Determination möglich. Die charakteristischen Augenflecken an der dorsalen Seite des Hinterkopf waren bei allen in dieser Studie be-obachteten Exemplaren (mehrere Tausend) vorhanden.

1758 Wiliam BORLASE war offensichtlich der erste, der diese Art in seinem Werk „The Natural History of Cornwall“ als „Lesser sucking-fish“ beschrieb (S. 269, Pl. 25, Abb. 28, 29). Die spätere Erstbeschreibung von Cyclopterus purpu-reus BONNATERRE, 1788 gründetete sich anscheinend auf dieses Werk. BRIGGS (1955) ordnete später diese Beschreibungen der Unterart L. lepadogaster purpurea zu.
1770 GOUAN stellte die Gattung Lepadogaster auf, ohne jedoch die Art zu benennen (S. 106, 177; Taf. 1, Abb. 6, 7).
1776 PENNANTH fand die Art auf der Insel Jura (Hebriden, Britische Inseln) und lieferte eine Beschreibung als „Jura sucker“, die sich auf BORLASE (1758) und GOUAN (1770) gründete. Er hat, ähnlich wie bei „bimaculated sucker“ keinen wissenschaftlichen Namen festgelegt.
1781 Eine deutsche Übersetzung des Werkes von GOUAN (1770) mit der Be-schreibung von Lepadogaster ist in Wien erschienen (S. 234, 235).
1788 BONNATERRE (S. 29, Pl. 86, Abb. 356) lieferte die Erstbeschreibung als Cyclopterus lepadogaster. Die Abbildung übernahm er aus GOUAN 1770.
1788 BONNATERRE (S. 29) beschrieb in seinem Werk eine zweite Art, Cyclopterus purpureus. Diese wurde vom BRIGGS (1955) der Unterart L. lepadogaster purpurea zugeschrieben.
1798 LACEPEDE nannte die Art Lepadogaster gouan, zu Ehren des Beschreibers der Gattung, Prof. GOUAN.
1801 L. rostratus wurde von BLOCH & SCHNEIDER beschrieben (S. 1). Der Name ist wahrscheinlich ein Hinweis auf den entenschnabelartig verlängertes und verbreitetes Maul von L. lepadogaster.
1802 Ein weiterer Synonym, Cyclopterus lepidogaster, wurde von den Briti-schen Inseln durch TURTON beschrieben (S. 907).
1804 Obwohl er den Fisch als L. gouan erkannte, beschrieb SHAW (S. 397) diese Art unter einem weiteren Namen, Cyclopterus cornubicus.
1806 Ebenfalls auf den Britischen Inseln wurde Cyclopterus ocellatus von DONOVAN beschrieben (S. 76).
1810 RAFINESQUE (S. 63) berücksichtigte die Beschreibungen BONNATERRE´s und LACEPEDE´s nicht und beschrieb die Art unter dem Namen Piescephalus ad-herens. Diese Art wurde von COSTA (1850) für L. candollei gehalten.
1810 RISSO (S. 72-78) teilte die Lepadogaster in 2 „Untergattungen“ auf: a/ solche mit längeren Nasententakeln (L. gouanii und L. balbis), beides Synonyme für L. lepadogaster und b/ solche mit kurzen Nasententakeln (L. ocellatus, L. wildenowi, L. olivaceus, L. candolii und L. reticulatus).
1820 RISSO (S. 248, 249) führt in diesem Werk 3 Lepadogaster-Arten auf: L. ciliatus, L. natator und L. mirbeli. Die ersten 2 sind Synonyme von L. lepado-gaster (durch die hohe Anzahl der Dorsalflossen von 18 bzw. 21 erkennbar).
1826 RISSO (S. 279-279) fügte zu seinen 7 Arten aus dem Jahre 1810 weitere 4 hinzu. Er teilte sie nach dem gleichen Muster wie 1810 nach den Nasententakeln ein: a/ L. biciliatus, L. browni und L. jusseiui; b/ L. desfontanii und L. mirbelii. Alle 5 Arten der Gruppe a/ (lange Nasententakel) sind Synonyme von L. lepa-dogaster. Die Arten aus dem Jahre 1820, L. ciliatus und L. natator sind in die-sem Werk nicht mehr angeführt.
Im Anhang des Werkes ist eine Abbildung, die eigenartigerweise Eigenschaften von 3 Schildfischarten vereinigt: die Körperform entspricht eindeutig L. lepado-gaster, die Dorsalis und Analis sind von der Caudalis getrennt, wie bei L. can-dollei und der laterale Ocellus entspricht D. bimaculata, obwohl er zu weit hin-ten eingezeichnet ist.
1828 FLEMING führte für Populationen von den Britischen Inseln den Namen L. cornubiensis ein. Dieser Name geht auf die englische Bezeichnung „Cornisch sucker“ zurück, da die Art von BORLASE zum ersten mal in Cornwall gefunden wurde. Auch JENYNS (1842) verwendete den Namen L. cornubiensis.
1832 LACEPEDE (S. 67) gebrauchte den Namen Cycloptera spathulata, der aber von weiteren Autoren nie verwendet wurde.
1835 VALENCIENNES beschrieb L. webbianus und L. bitentaculatus (nomen nu-dum) von den Kanarischen Inseln. L. webbianus wurde von LOWE und YARREL für L. zebrina gehalten, BRIGGS führt den Namen unter den Synonymen von L. lepadogaster lepadogaster auf, was wiederum eine Inkonsequenz bei der geo-graphischen Definition seiner Unterarten bedeutet.
1839 ROSENTHAL machte eine der ersten Analysen des Knochenbaus von Lepadogaster balbis (= L. lepadogaster).
1840 SAINSSON et al. lieferten den ersten Nachweis von L. biciliatus (= L. lepa-dogaster) für das Schwarze Meer.
1850 Im Buch von COSTA sind drei verschiedene Farbbilder von L. lepado-gaster (Tafel XXII und XXIII): 2 Farbvariationen von L. balbis und eine Abbil-dung von L. gouani. Morphologisch unterscheiden sich diese Fische aber nur wenig und im Rahmen der Variabilität der Kopfform, die bei L. lepadogaster relativ stark ausgeprägt ist.
1859 YARRELL lieferte eine genaue Beschreibung als „Cornisch sucker“ (Lepi-dogaster cornubiensis), da die Art in Cornwall häufig vorkommt und dort zum ersten mal beschrieben wurde.
1864 CANESTRINI (S. 189) begründete die Gattung Mirbelia und teilte die vor-handenen Arten in 3 Gattungen auf. Die Gattung Lepadogaster nahm seiner Meinung nach eine Mittelstellung zwischen Gouania und Mirbelia ein. Die ers-tere Gattung hat vollständig vereinigte Rücken-, Schwanz- und Analflossen, bei der letzteren Gattung sind diese Flossen vollständig getrennt. Bei der Gattung Lepadogaster sind die erwähnten Flossen nur unvollständig getrennt. Die phylogenetische Entwicklung der Beziehung der 3 Flossen haben sich ältere Autoren in der umgekehrten Reihenfolge vorgestellt: sie betrachteten die vollständige Ver-einigung der Dorsalis, Analis und Caudalis bei G. wildenowi als ursprünglichen (plesiomorphen) Zustand, aus dem sich die Arten mit getrennten Flossen entwi-ckelt haben. CANESTRINI lieferte in diesem Werk einen weiteren Synonym, L. acutus, der noch lange für eine selbstständige Art oder eine „Form“ gehalten wurde (SOLJAN, 1948).
1921 HANKO beschrieb aufgrund einiger Exemplare, die in Opatija bei Rijeka in der Kvarner Bucht gefunden wurden, die Art L. adriatica. Der Autor und auch Dr. LEIDENFROST, der die Exemplare gesammelt hat, waren überzeugt, daß es sich um eine neue Art handelte und lieferten eine genaue Beschreibung. Wie einige Abbildungen in dieser Studie dokumentieren, ist es aber offensichtlich, daß es sich bei den Exemplaren um L. lepadogaster handelte.
1933 NINNI führte in seiner Studie über mediterrane Schildfische 7 Lepado-gaster-Arten für das Mittelmeer auf. Überraschenderweise sind vier dieser 7 Arten Synonyme von L. lepadogaster (L. gouani LACEPEDE, L. browni RISSO, L. biciliatus RISSO, L. acutus CANESTRINI).
1936 FOWLER verwendete zum ersten mal den Namen L. lepadogaster, der seit BRIGGS (1955) der gültige Artname ist.
1948 SOLJAN war vermutlich der letzte, der L. browni RISSO als eine gesonderte Art angab. In der späteren, italienischen Ausgabe seines Werkes (1975) wird L. browni als eine „Form“ oder „Varietät“ von L. lepadogaster behandelt (genauso auch die weiteren Synonyme L. biciliatus, L. acutus und L. gouani).
1950 CADENAT gab in seiner Liste der Fische Senegals 3 Schildfischarten an. Die als Lepadogaster sp. bezeichnete Art ist durch die Zeichnung leicht als L lepadogaster erkennbar.
1955 BRIGGS (S. 34-37) führte eine Unterteilung der Art in zwei Unterarten, L. lepadogaster lepadogaster und L. lepadogaster purpurea ein. Die meisten späteren Autoren konnten aber diese Unterteilung nicht nachvollziehen .
Die ... Begeisterung, die wir beim Betrachten der Natur empfinden, ist eine Erinnerung an die Zeit, da wir Tiere, Bäume, Blumen und Erde waren ... das Wissen um unser Einssein mit allem, was die Zeit vor uns verborgen hält. Leo N. Tolstoi

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