Erste Einblicke in das Werk Das Mittelmeer

Ein globaler Blick auf das Mittelmeer wie selten zuvor

Liebe Leserinnen und Leser unserer Internetseite: Sind sie auf der Suche nach einem guten Buch? Nach einem wirklich außergewöhnlichen Buch? Und auch nach einem sehr dicken (denn es hat 1250 Seiten)? Sie halten nach einem Werk Ausschau, das über die romantischen Anfänge ebenso berichtet wie über das dramatische Ende?

Ihrem Wunsch nach einem solchen Werk würde entgegenkommen, wenn sie eine besondere Vorliebe für das Mittelmeer (und die Meere allgemein) hätten, denn unsere Buchempfehlung trägt folgenden Titel:

Das Mittelmeer – Geschichte und Zukunft eines ökologisch sensiblen Raums.

Auf unserer Webseite haben wir bereits vor längerer Zeit darüber berichtet:
Das Mittelmeer – Geschichte und Zukunft eines ökologisch sensiblen Raums
Und bereits davor haben wir angekündigt, dass der bekannteste Zukunftsprognostiker der Welt, Jorgen Randers, ein Geleitwort dazu geschrieben hat:
Link: Jorgen Randers zum Projekt Das Mittelmeer: … Dramatic policy change is needed 

Geleitwort von Jørgen Randers – Auszug aus Das Mittelmeer Seite 17

Es begann mit Romantik …

Für viele Biologen (so auch für den Herausgeber von „Das Mittelmeer“, Robert Hofrichter) gehörten meeresbiologische Exkursionen ans Mittelmeer in der Studentenzeit zu den schönsten und prägendsten Erlebnissen. Meeresbiologische Kurse sind oft an mediterrane Küstenstationen gebunden, deren Gründung bis ins romantische 19. Jh. zurückgeht, eine Aufbruchszeit in der Meeresbiologie und den Naturwissenschaften überhaupt. Sie stammen aus einer Zeit vor dem ausufernden Massentourismus, vor einer wuchernden Urbanisierung und Industrialisierung. Das Wasser war klar um diese Stationen, die Unterwasserwelt war ebenso schön und reich wie die lokalen Fischmärkte, auf denen Forscher reichlich die Objekte ihrer Begierde fanden.

Meereskundler des Mittelmeers neigten immer schon dazu, „die unverwüstlichen populären Klischees von Ölbaum und Thunfisch und unter der Sonne Homers gedeihender genügsamer Lebensart“ (Timpe, 2004) weiter zu verbreiten.  Cyprian Broodbank (2018) spricht von den „Sehnsüchten eines allzu westlich abendländischen Wunschdenkens, das sich einmischt, sobald es um das Mittelmeer geht“. Und er unterstellt, den Mediterran „romantisieren“ zu wollen „und dabei die Bedingungen dieses Meeres zu verfälschen“. Eine historische Übersicht hilft dem Leser unserer Buchempfehlung, den Mittelmeerraum – dieses Nonplusultra der Meere – möglichst sachlich und treffend zu analysieren.

Der Mittelmeerraum als non plus ultra? – Auszug aus Das Mittelmeer Seite 56

Geht es angesichts der Umweltprobleme auch ohne Romantik?

Wenn wir uns in unserem Werk dem Finale nähern, dem final countdown und dem Perfekten Sturm, schwindet naturgemäß der Faktor der Romantik, prasselt doch im Jahr 2019 eine ökologische Hiobsbotschaft nach der anderen auf die Menschen nieder. Der Regenwald in Amazonien brennt ebenso wie die nordischen Wälder Sibiriens und die des Mittelmeerraums. Über 300 Seiten von „Das Mittelmeer“ berichten über eine schier endlose Reihe von Umweltproblemen, die keinen von uns unberührt lassen. Dass wir heute in einer anderen Zeit als der eines großen, optimistischen Aufbruchs in eine bessere Welt leben, dürfte den meisten gut informierten Menschen klar geworden sein.

Aus dem Inhaltsverzeichnis – Auszug aus Das Mittelmeer Seite 6

Unter final countdown und dem Perfekten Sturm verstehen wir die dramatische Steigerung und Summierung aller Auswirkungen der Erderwärmung und die sechste große Aussterbewelle der Erdgeschichte – im Fachjargon big six anstelle von big five (wie bisher). Kaum ein gut informierter Mensch zweifelt daran, dass Arten vor unseren Augen in einem viel stärkeren Ausmaß aussterben, als es der „üblichen“ oder natürlichen Aussterberate von biologischen Spezies in den letzten Jahrmillionen entsprechen würde. Kaum ein gut informierter Mensch zweifelt daran, dass wir bereits im Anthropozän leben, einer neuen erdgeschichtlichen Ära, in der der Mensch die Grundfesten des Planeten verändert.

Und doch darf der „Mythos Mittelmeer“ wie er im 19. Jahrhundert erlebt wurde, nicht aussterben. Wir halten ihn sogar für entscheidend, jene Mischung aus Neugierde, irrationaler Angst und Faszination, die für die Erforschung der Meere und der Natur allgemein ausschlaggebend war. Der „Mythos Mittelmeer“ soll nicht durch eine nüchterne naturwissenschaftliche Sichtweise des Mediterrans ersetzt werden. Ohne Empathie und Faszination können wir diesem Meer nicht begegnen und auch nicht helfen. „Die Natur muss gefühlt werden“ schrieb schon Alexander von Humboldt, und ein tieferes Verständnis der Natur beruhe auf wissenschaftlichen Beobachtungen und Gefühlen. Das Meer ist kein Ort von Gefahren und unseeliger Monster – es ist ein Ort der Hoffnung. Auch diese Perspektive wird im neuen Das Mittelmeer in den Mittelpunkt gestellt, obwohl wir uns primär der Realität zuwenden mussten – der abnehmenden Biodiversität unseres Planeten. Denn alles hat sich in einem halben Jahrhundert drastisch verändert. Wogende Braunalgenwälder und Seegraswiesen mit riesigen Schwärmen von Goldstriemen sind vielerorts verschwunden oder auf traurige Reste zusammengeschrumpft. Und dieser Negativtrend setzt sich mit steigender Beschleunigung fort.

Aus dem Vorwort des Herausgebers Dr. Robert Hofrichter – Auszug aus Das Mittelmeer Seite 11

Was die Leser von Hofrichters „Das Mittelmeer“ erwartet?

Auf 1250 Seiten wird von Robert Hofrichter und ungefähr 20 Mitautoren praktisch alles beschrieben, was irgendeine mediterrane Relevanz hat. Und doch ist das Werk auch ein gutes Lehrbuch für verschiedenste allgemeine naturwissenschaftliche Fragestellungen, egal ob geologischer, geographischer, klimatischer, botanischer, ozeanographischer, ökologischer oder biogeographischer Natur. Wir lernen was ein Mittelmeer überhaupt ist, mit Zahlen, Tabellen, Karten, Bildern und Begriffserklärungen, wir lesen über das Mittelmeer als Konzentrationsbecken und ob ein ganzes Meer austrocknen kann, über Mediterranean-type ecosystems, von denen es auf unserem Planeten fünf gibt, über Mediterranistik (eine faszinierende multidisziplinäre Wissenschaft, sozusagen „alles über das Mittelmeer“), wir wollen versuchen das Mittelmeer und den mediterranen Raum ganzheitlich zu verstehen, wir analysieren die vielen historischen Namen des Mediterrans und seiner Teilbecken von Alborán bis zur Levante, wir stellen fest, dass wir den Mediterran ohne tiefere Einblicke in die Geschichte nie verstehen könnten, wir fassen die Geschichte der Ozeanographie und der Meeresforschung am Mittelmeer zusammen.

Der Tektonik, Geologie und Entstehungsgeschichte räumen wir ebenso viel Platz ein (… wie das Verschwinden der Neandertaler mit dem Vulkanismus der Phlegräischen Felder zusammenhängt?) wie der Geographie der Mittelmeerregion und dem Klima. Die Windsysteme faszinieren uns ebenso wie der Karst, die Höhlen, die Vegetationslandschaften und die Flora. Im Rahmen der Ozeanographie befassen wir uns u.a. mit den geheimnisvollen Monsterwellen, mit dem Geoid und der Schwierigkeit der Festlegung eines Meeresspiegels wie auch mit den geheimnisvollen internen Wellen und den ebenso geheimnisvollen Gezeiten.

Die Lebensräume und Lebensgemeinschaften des Mittelmeeres nehmen wir genauer unter die Lupe als je zuvor: Dazu haben wir uns mit einer Tabelle des European Nature Information System (EUNIS) geplagt und sie in einer bisher unveröffentlichten Form und erstmalig in deutscher Sprache zusammengefasst.

Grafik – Werdegang der (vor)mediterranen Welt in prähistorischer Zeit bis zum Pleistozän – Auszug aus Das Mittelmeer Seite 74

Ein spannendes und leider auch bedrückendes Kapitel widmen wir der Vogelwelt der Mittelmeerregion, der Artenvielfalt, dem Vogelzug, der Vogeljagd, dem Singvogelfang und dem Vogelsterben. Die Geheimnisse der Tiefsee (schon etwas über tiefe Kaltwasser-Korallenriffe, Ökosysteme der untermeerischen Canyons, tiefe hypersaline und anoxische Bereiche und kalte Quellen und Schlammvulkane gehört – oder über das Paralleluniversum der tiefen Biosphäre?) werden ebenso gelüftet wie jene der Biogeographie (wobei die Lesseps‘sche Migration eine immer größere Rolle spielt, die Tropikalisierung des Mittelmeeres und die Mediterranisierung des Schwarzen Meeres) und Ökologie.

Und so könnten wir noch lange fortsetzen. Unzählige spannende Exkurse oder „Kästen“ behandeln kurz und aussagekräftig spannende Themen.

Entwicklung des Mittelmeeres und der umgebenden mediterranen Region – Auszug aus Das Mittelmeer Seite 66

Willkommen im Anthropozän!

Die mediterranistische Romantik vergeht spätestens auf den letzten fast 300 Seiten des Werkes, in den letzten beiden Kapiteln 11 und 12. Sie behandeln die Fischerei und Aquakultur und die Umweltsituation (Gefährdung und

Schutz des Mittelmeeres). Das Umweltkapitel ist so umfangreich, dass es ein eigenes Inhaltsverzeichnis über mehrere Seiten bekommen musste und hier kaum wiedergegeben werden kann.

Der bereits vor Jahrzehnten prognostizierte Kollaps (etwa seinerzeit durch Jacques Cousteau vorausgesagt) blieb nur scheinbar aus. Der ökologische Niedergang ist ein schleichender Prozess. Vor allem Meeresforscher, die schon in die Jahre gekommen sind und die Entwicklung bereits ein halbes Jahrhundert mit eigenen Augen beobachten konnten (siehe dazu „Die Charta für das Mittelmeer“ in einem Kurzfilm von Roland Wieland, siehe hier:
Link: Die Charta für das Mittelmeer in einem Kurzfilm von Roland Wieland
können etwas dazu sagen. Dass es Jahrzehnte ohne einen vordergründig-offensichtlichen Kollaps funktioniert hat, verdanken wir mehr der gewaltigen Selbstreinigungskraft des Meeres und den besonderen Strömungsverhältnissen bzw. dem Wasseraustausch mit dem Atlantik als den Verdiensten von Menschen. Das ändert aber nichts daran, dass wir mitten in diesem Kollaps sind. Das Mittelmeer ist ein mit dem Weltmeer nur begrenzt in Verbindung stehendes Nebenmeer mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und einer störungsanfälligen Ozeanographie und Ökologie. Die Belastung des Mittelmeeres liegt aber bis zum Zehn- bis Dreißigfachen über der Belastung des durchschnittlichen Weltmeeres. 20 % der weltweiten Ölbelastung passieren hier, auf einer Fläche, die nur 1 % der gesamten Meeresfläche ausmacht. Aktuelle Studien zeigen, dass in „unserem Meer“ bis zu 7 % des weltweiten Mikroplastiks  treiben, obwohl – wie bereits betont – das Mittelmeer nur 1 % des Wassers der Erde enthält. Diese Kunststoffkonzentration soll den berüchtigten Plastikwirbel im nördlichen Pazifik viermal übertreffen: 1,25 Mio. Fragmente pro Quadratkilometer! Der Müll an den Küsten und im Meer besteht fast nur noch aus Plastik. Unter den fünf Hauptverursachern (Türkei, Spanien, Italien, Ägypten und Frankreich) finden sich drei EU-Länder.

Die Autoren – Auszug aus Das Mittelmeer Seite 7

Das Werk, das wir ihnen in diesem Beitrag empfehlen, erscheint in einer Zeit des Umbruchs. In nahezu allen Lebensbereichen und überall auf dem Globus sehen wir große Veränderungen: ökologische ebenso wie ökonomische und politische. Während die Grenzen zwischen diesen drei Sparten immer unklarer und unberechenbarer werden, steigt das Tempo der Entwicklungen in allen gesellschaftlichen Sparten rasant an. Ohne Angst vor Übertreibungen können wir annehmen, dass unsere Welt heute eine andere ist als noch vor 20 oder 30 Jahren. Die Zukunft des Mittelmeers wird in weiteren 20 bis 30 Jahren wieder sichtbar anders sein als seine derzeitige Gegenwart.

Gute Bücher gesucht? Dann ist eines gerade in der Finalisierungsphase, das alle Liebhaber der Meere begeistern wird. Und motivieren soll mehr für das mare nostrum zu tun!

 

Text: Robert Hofrichter

Redaktion: Walter Buchinger und Helmut Wipplinger

Fotos, Illustrationen: © 2019

Das Mittelmeer Geschichte und Zukunft eines ökologisch sensiblen Raums

Herausgeber: Hofrichter, Robert (Hrsg.)

 Link zum Springer Verlag – Das Mittelmeer