Ein Leben in der Schwebe

Vom auf und ab der Wellen und vier tollen Wochen auf Krk

Ein Bericht von Gesche Möller, einer unserer Praktikantinnen der MareMundi Station

Seit ich vor nunmehr fast vier Wochen am Flughafen Rijeka das erste Mal einen Fuß auf die Insel Krk gesetzt habe spüre ich es Tag ein Tag aus: das stetige auf und ab des Meeres.

Nur zwei Tage nach meiner Ankunft und dem Beginn des Praktikums öffnete die MareMundi Station auf Krk noch einmal ihre Pforten, um auch in der Nachsaison wieder Schulkassen für die ökologische Vielfalt und den Schutz des Mittelmeeres zu begeistern. „Schule am Meer“ das steht in großen Lettern auf einer Tafel vor der Station, und genau das ist sie auch. Mit viel Liebe und Geduld verwandeln die Kursleiter das ganze Meer in ein Klassenzimmer und zwar sowohl für die Schüler der insgesamt 8 Schulklassen, die im Laufe der Nachsaison zu Besuch kamen, als auch für uns Praktikanten. Wobei wir Praktikanten im Laufe der Zeit von staunenden Schülern zu einer (hoffentlich) helfenden Hand im Kursbetrieb wurden und ebenfalls Teile unseres neu erworben Wissens weitergeben konnten.

Bereits vor dem Eintreffen der ersten Klasse waren wir mit unseren zukünftigen Kursleitern das erste mal Schnorcheln und hatten so die Gelegenheit vorab etwas über das Ökosystem Mittelmeer und seine Bewohner zu lernen; sahen zum ersten mal einen Lippfisch wie ein Helikopter über dem Meeresboden schweben, den ersten Schwarm Brassen unter uns vorbei ziehen und berührten zum ersten mal einen violetten Seeigel.

Und so begann es, mein vierwöchiges Leben in der Schwebe, begleitet von vielen neuen Erfahrungen und einem ständig anhaltenden Schwanken des Meeres, das einen irgendwann bis in den Schlaf hinein begleitet. Ebenso wie  wir beim Schnorcheln an der Wasseroberfläche schweben, tun es, knapp unter uns, unzählige Bewohner des Mittelmeeres. Meist nur wenige Millimeter groß und doch teils länger als ein Buckelwal haben sie doch alle eins gemeinsam: Sie können nicht aktiv gegen die Strömung schwimmen. Die Rede ist vom Plankton, der Basis für das Leben im Mittelmeer, allen anderen Weltmeeren und letzten Endes sogar für uns selbst. Das Plankton, oder genauer das pflanzliche Phytoplankton produziert nämlich nicht nur ca. 70% des weltweiten Sauerstoffes und bindet 30% des CO2s, sondern ist gleichzeitig das erste Glied der Nahrungskette im Meer. Auch wenn wir selbst wohl eher zum Nekton zählen würden, also zu denjenigen Lebewesen die sich aktiv gegen die Strömung bewegen können, fühlt man sich, dem stetigem Schwanken des Ozeane  ausgesetzt, doch eher dem umherirrenden Plankton zugehörig.

Aber vergleichen wir doch einmal den Tagesablauf des Planktons mit einem typischen Kurstag für die Schüler der MareMundi Station und für uns Praktikanten.

Für einen Teil des Planktons beginnt der Tag bereits vor Sonnenaufgang, denn anders als das Phytoplankton, das den gesamten Tagesverlauf nahe der Wasseroberfläche verbringt, vollzieht ein großer Teil des tierischen Zooplanktons tagtäglich die größte Wanderung des Tierreichs.

Heute sollen auch die Schüler etwas über diese faszinierenden Lebewesen lernen, die, obwohl selbst so klein, die Grundlage für die größten und schönsten Ökosysteme der Erde bilden. Während wir Praktikanten, die Kursleiter und die Schüler noch selig schlafen und um ca. 7.00 Uhr die Sonne über den Bergen im Rücken von Punat aufgeht hat die tagesperiodische Vertikalwanderung des Zooplanktons bereits begonnen.  Um neun Uhr legt unser Schiff, die Košljun ab und das Kursprogramm beginnt mit einer Bootsfahrt zur Golden Bay.

 

Bild 1: Das Kursprogramm beginnt mit einer Fahrt auf unserem Schiff, der Košljun ab und zur Golden Bay.

Hier geht es für uns und die Schüler ins Wasser und in kleinen Gruppen können die verschiedenen sessilen Tiere bestaunt werden. Diese sorgen, gerade unter schattigen Überhängen, für eine faszinierende Farbenpracht die man an solch dunklen Orten kaum erwarten würde.

 

Ein Blick ins Dunkle lohnt sich, denn dem Selektionsdruck durch Pflanzen entgehend siedeln sich sessile Tiere oft an schattigen, und für die Photosynthese ungeeigneteren, Plätzen an.

Nach beinahe einer Stunde im Wasser, sind alle ein wenig durchgefroren und es geht zurück an Bord. Wie mag es erst den Zooplanktern ergehen, die sich inzwischen teils in einer Tiefe von mehreren Hundert Metern befinden?

Während vor unseren Augen noch die eben gesehenen Bilder von Seescheidenkolonien, bunten Schwämmen und fächerartigen Röhrenwürmern vorbeiziehen setzt sich die Košljun schon wieder in Bewegung in Richtung Punat. Normalerweise folgt nun, noch auf dem Boot, ein Vortrag zum Thema Plankton, doch heute weht ein starker Wind und die Košljun hebt und senkt sich mit den Wellen. Ebenso wie das im Oberflächenwasser zurückgebliebene Phytoplankton gut durchgemischt wird, werden auch wir an Board des Schiffes ordentlich geschüttelt und bei den ersten sind bereits Anzeichen für Seekrankheit zu erkennen. Der Vortrag wird also auf später verschoben, die Košjlun wird langsamer und Max wirft das Planktonnetz aus.

Bild 3: PLANKTONNETZ – Im Auffangbehälter des Planktonnetzes sammelt sich Micro- und Mesoplankton ab einer Größe von 200ųm

Glücklicherweise begeht nicht das gesamte Zooplankton die tagesperiodische Wanderung, so das wir auch am Mittag genug Plankton für die spätere Betrachtung im Labor fangen können. Um ca. 14 Uhr erreichen wir schließlich den Hafen von Punat und nach einer Stunde Mittagspause, in der Max die Binoskope in der Station und die Planktonproben bereitstellt und ich mich auf meinen ersten eigenen Vortrag vorbereite, treffen wir uns auf der Wiese vor der Station und mein erster Planktonvortrag beginnt. Nach dem Vortrag geht es ins Labor und die Schüler können einen ersten Blick auf die Planktonproben werfen, wo sich bereits in wenigen Tropfen Meerwasser eine Vielfalt unterschiedlicher Organismen tummelt.

Bild 4: Nach dem Vortrag geht es ins Labor und die Schüler können einen ersten Blick auf die Planktonproben werfen

Nachdem alle Fragen geklärt und alle Organismen bestimmt sind geht es mit dem Bus nach Krk um dort mit Hilfe von kurzen Rätseln die Felsküste zu erforschen. Während die Schüler ihre Rätsel lösen, im Wasser und an Land nach den passenden Tieren suchen und Vorträge ausarbeiten, stehen die Kursleiter und wir mit Rat und Tat zur Seite. Um kurz nach 18 Uhr verlassen wir Krk und während wir uns ungefähr eine Stunde zum Abendessen zusammensetzen geht bereits die Sonne unter. Dies ist das Zeichen für die Zooplankter um wieder zur nährstoffreicheren Wasseroberfläche aufzusteigen wo sie sich über Nacht von den zahlreichen Organismen des Phytoplanktons ernähren können.

Bei Einbruch der Dunkelheit ist derweil, weit entfernt von den Lichtern Punats, ein kleiner planktonischer Organismus für ein mystisches Lichterspektakel verantwortlich, das mir persönlich eine der schönsten Erinnerungen an meine Zeit in Punat bescherte. Noctiluca scintillans, ein gerade einmal bis zu 2mm größer Dinoflaggelat lässt bei Nacht das Meer aufleuchten. Durch mechanische Reize wird bei diesem freischwimmenden, heterotrophen Mikroorganismus eine Reaktion der Enzyme Luciferin und Luciferase in Gang gesetzt die als Biolumineszens bezeichnet wird, also die Fähigkeit von Lebewesen, selbst, oder mit Hilfe von Symbionten Licht zu erzeugen. Hält man nun in einer dunklen Nacht, weitab vom letzten Licht der Straßenlaternen und Strandbars von Punat eine Hand ins Wasser und bewegt sie leicht hin und her,  oder geht gar nachts Schnorcheln, leuchten rund um die erzeugten Wellen kleine bläuliche Lichtblitze auf. Und dies ist nur eines der Beispiele für die vielen faszinierenden Geschöpfe unserer Ozeane. Denn wo die Artenvielfalt im Wald oder auf einer Wiese oft gut verborgen ist springt sie einem im Meer bereits beim Schnorcheln an der Wasseroberfläche direkt ins Auge.

Und obwohl ein Urlaub am Meer stets seine Spuren bei uns hinterlässt, sei es in Form von schönen Erinnerungen, oder durch neu erlerntes Wissen, sollten an den Stränden die wir besucht haben keine Spuren von uns zurück bleiben. Und so gilt im Umgang mit dem Meer, sowie bei unserem Praktikum und für die Schulklassen:
Wir nehmen nur Erinnerungen und Bilder mit und hinterlassen nur Luftblasen!

 

Bild 5: Sonnenuntergang in der Nähe von Stara Baška

 

Bericht: Gesche Möller