Das Mittelmeer – Geschichte und Zukunft eines ökologisch sensiblen Raums

“Wenn jemand sagt, dass das Meer die gleichen Rechte haben sollte wie der Mensch, dann ist er entweder leicht verrückt oder aber ein Philosoph.”

Michel Serres (* 1930), französischer Philosophieprofessor, Mitglied der Académie française.

In seinem Buch “Der Naturvertrag” beschreibt er die Verbrechen des Menschen an der Erde und fordert in der Tradition von Jean-Jacques Rousseau einen neuen “Contrat social” zwischen Mensch und Natur.

 

Ein neues, faszinierendes „Das Mittelmeer“ ist in der finalen Phase seiner Produktion. Nicht ausschließlich biologisch interessierte Leser wird dieses Opus magnum ansprechen, denn es behandelt recht unterschiedliche Fragen rund ums Mittelmeer: über seine Entstehung, seine Geschichte, sein Klima und die verschiedenen Lebensgemeinschaften im Wasser und an den Küsten, seinen Werdegang als Großraum. Die Themenauswahl soll Liebhabern der Mittelmeerregion ebenso entgegenkommen wie Meeresschützern, Tauchern, Forschern, Seglern, Journalisten, Schülern, Studenten, Reisenden – jedem, der über das Mittelmeer mehr erfahren will.

Die Eckdaten (voraussichtliche Erscheinung im Sommer/Herbst 2019):
Hofrichter Robert (Hrsg.), 2019: Das Mittelmeer – Geschichte und Zukunft eines ökologisch sensiblen Raums. Springer Spektrum, Heidelberg, > 850 Seiten, 12 Kapitel, etwa 30 Autoren.

Die Leser werden ein neues „Das Mittelmeer“ in Händen halten, ein vollständig überarbeitetes und aktualisiertes Werk, das für sich allein steht und kein Teil einer Reihe ist. Es ist somit kein „Band I“, obwohl es über manche Strecken dem ursprünglichen Band I von „Das Mittelmeer“ (2001) ähnelt oder auf diesem basiert. Das Kollektiv aus vielen der ursprünglichen und neu dazugekommenen Autoren hat zusammen mit dem Herausgeber ein Werk hoher Aktualität geschaffen. Besonders Umweltfragen sind in den Mittelpunkt gerückt: auf 250 Seiten werden die aktuellsten Erkenntnisse zusammengefasst. Aus ihnen geht hervor, dass business as usual nicht funktionieren wird.

Herausgeber und Autoren schließen sich einem der Ratschläge von Jørgen Randers besonders an: „Tun Sie mehr als Sie müssen! So vermeiden Sie später ein schlechtes Gewissen.“ Die Welt verändert sich vor unseren Augen, und sie wird es immer schneller und immer tiefgreifender tun. Es wäre illusorisch zu glauben, dass sich die Welt bis 2052 nicht radikal verändern, und alles wie immer schon seinen Weg weiter gehen würde. „2052“ (das aktuelle Werk von Jørgen Randers) liefert brauchbare Antworten auf die alles entscheidende Frage: Was sollen wir tun? Sollten wir darauf hinarbeiten, die im Buch prognostizierte Zukunft einer stark veränderten Welt zu verhindern, oder sich lieber darauf vorbereiten? Beides sollten wir tun, rät uns Randers.

Ein ganzheitliches Bild des Mediterrans

In den letzten 20 Jahren haben Herausgeber und Mitautoren viel Verblüffendes über das Mittelmeer erfahren. Wir Naturwissenschaftler können von den Historikern Bedeutsames über den mediterranen Raum lernen (das relativ junge Fach der inter- und multidisziplinären Mediterranistik wird in diesem Band vorgestellt): Der Mediterran ist in seiner jetzigen, vielerorts auch idealisierten Form nicht besonders alt und bestimmt nicht „ewig”. Stattdessen begegnen uns überall Veränderung und ständiger Wandel. Die Historiker haben sich viele Gedanken darüber gemacht, ob und inwiefern es am Naturraum Mittelmeer lag, dass an seinen Küsten die Zivilisation zu solch spektakulären Höhen aufsteigen konnte, und dass sich der menschliche Geist gerade hier so weit entfaltete. Warum stehen Rom und Athen im Mittelmeerraum und nicht etwa in Sibirien? Liegt dies, neben offensichtlichen klimatischen Unterschieden, auch an der besonderen Gliederung dieses Lebens- und Kulturraums, etwa an der Vielzahl von Inseln und Form der Küsten? Gab es geographische Aspekte, die den Ansprüchen und Wünschen einzelner Menschen und ganzer Gesellschaften in besonderer Art und Weise entgegenkamen? Die Form des Mittelmeeres (nirgendwo ist man während einer Seefahrt mehr als einige Hundert Kilometer von der Küste entfernt) spielte wahrscheinlich ebenso eine Rolle wie die vielen Buchten an seinen Küsten; nur wo genug sichere Hafenstädte existieren, kann sich eine maritime Kultur mit Seefahrt und Handel entwickeln. Auch die Form der Küsten, ob sie hoch und gebirgig oder flach sind, machte einen Unterschied. Entlang der europäischen Küsten sieht man das Land auf große Entfernung, entlang der afrikanischen nicht. Und wie viel Einfluss hatte die Anzahl der Inseln? Im Mittelmeer gibt es enorm viele, die meisten in der Ägäis – wohl keine Zufall, dass der enorme Aufschwung des Denkens, der Wissenschaften, der Philosophie, der gesellschaftlichen Entwicklung inklusive der Demokratie hier seinen Anfang nahm.

Dieses Werk erscheint in einer Zeit des Umbruchs. In nahezu allen Lebensbereichen und überall auf dem Globus sehen wir große Veränderungen: ökologische ebenso wie  ökonomische und politische. Während die Grenzen zwischen diesen drei Sparten immer unklarer und unberechenbarer werden, steigt das Tempo der Entwicklungen rasant an. Ohne Angst vor Übertreibungen wagt der Autor zu behaupten, dass unsere Welt heute eine andere ist als noch vor bald 20 Jahren, als „Das Mittelmeer” ursprünglich konzipiert wurde. Die Zukunft des Mittelmeers wird sichtbar anders sein als seine Vergangenheit. Es soll nicht pessimistisch, sondern realistisch klingen, wenn wir feststellen, dass die Welt nicht mehr so werden kann, wie sie 50, vor 100 oder vor 300 Jahren war. Das mare nostrum liegt als Schicksalsgrenze zwischen einer EU mit vielen ungelösten Problemen, dem afrikanischen Kontinent mit einem absehbaren Bevölkerungswachstum von über einer Milliarde Menschen in den nächsten wenigen Jahrzehnten, und einem Nahen Osten, der einem Pulverfass gleicht mit dem brutalen Stellvertreterkrieg im Mittelmeerland Syrien und dem ungelösten Nahostkonflikt zwischen Israel und Palästina. In solch unsicheren Zeiten bleiben für den Schutz des Mittelmeeres nur wenige Ressourcen übrig, und die staatlichen Stellen schenken ihm wenig Aufmerksamkeit.

Schwerpunktthema Umwelt

Keine anderen Kapitel von Das Mittelmeer des Jahres 2001 wurden für diese Neufassung so grundlegend überarbeitet und erweitert wie das über die Umweltsituation (Kapitel 11) und das nachfolgende über Fischerei und Aquakultur (Kapitel 12). Es handelt sich zu 100 % um neu konzipierte Texte. Dafür gibt es mehrere Gründe. Der mediterrane Raum ist in den letzten 20 Jahren weder ökologisch noch politisch ein stabilerer Ort geworden, sondern eher ein noch unsicherer. Die Wahrnehmung des Herausgebers und der Mitautoren hin zu noch mehr Verantwortungsgefühl für das mare nostrum hat sich weiter entwickelt: Die Dringlichkeit der prekären Umweltsituation noch stärker zu betonen, erschien uns der ethisch einzig vertretbare Weg. Während man sich 2001 “aus Platzgründen gezwungen sah, vier ausgewählte ökologische Problemkreise hervorzuheben – die Eutrophierung, die Ölbelastung, die Verunreinigung durch giftige chemische Verbindungen sowie den Verlust an Lebensräumen durch den Tourismus“, – stellt sich die Situation 2019 anders dar. Denn die Menschheit lebt in der Gegenwart auf Kosten ihrer Nachkommen und zerstört die natürliche Umwelt dauerhaft.

Um die umweltrelevanten Schwerpunkte des Werkes hervorzuheben, hat der Herausgeber den renommierten Zukunftsforscher Jørgen Randers (Oslo) um ein einleitendes Geleitwort gebeten.  Darin lesen wir, dass „die Menschheit ihrer Umwelt irreparablen Schaden zufügt – oder zumindest einen Schaden, den zu reparieren zehn menschliche Generationen dauern wird“. Und wir sollten nicht die Augen davor verschließen, „dass ein einfaches Weitermachen wie bisher die Welt, wie wir sie kennen, zerstören wird“.

Und was ist mit den Bestimmungsführern?

Jenen, die viele Jahre auf den oder vielmehr die ersehnten „Bestimmungsführer“ warteten (den Band II/2), möchte der Herausgeber an dieser Stelle nur so viel verraten: Es soll drei weitere Werke mit > 2 500 Seiten geben zur systematischen Übersicht über Flora und Fauna des Mittelmeeres. Sie werden aber unabhängig von diesem hier angekündigten Werk erscheinen. Wir arbeiten daran, und es wird weitere (beträchtliche) Geldmittel benötigen das große Projekt anzuschließen. Mehr dazu soll bald auf dieser Webseite von MareMundi und im Internet allgemein zu finden sein. Zuerst ist es wichtig Das Mittelmeer neu fertig zu stellen.

Nur mit finanzieller Hilfe von Unterstützern kann das Gesamtwerk mit > 2 500 Seiten fertig werden

Bedeutende Vorhaben erfordern oft den Mut, andere Menschen und Institutionen um ihre Unterstützung zu bitten. Viele große und nachhaltig wirkende Projekte, die der Nachwelt erhalten geblieben sind, ob Kunst, Architektur, Wissenschaft oder Entdeckungen, und fast alle wichtige Etappensiege im Natur- und Meeresschutz wurden erst möglich  durch die Hilfe von Förderern und Gönnern wie vielleicht auch Ihnen. Das Mittelmeer und seine Folgeprojekte (u.a. die englische Übersetzung) können einen ganz konkreten Beitrag dazu leisten, das Bewusstsein der Menschen, der Länder und der Politiker für den Mediterran zu schärfen und die Notwendigkeit seines Schutzes zu unterstreichen. Positive Stimmung für das Mittelmeer zu machen, ein Feuer anzuzünden, würde sich lohnen, denn: „Feder und Papier entzünden mehr Feuer als alle Streichhölzer der Welt.“ (Malcolm Forbes)

Unser Mittelmeer verkommt mehr als andere Meere zu einer Kloake. Es ist die am ärgsten überfischte, strapazierte und beanspruchte Meeresregionen der Welt. Der Herausgeber wäre dankbar, wenn Sie seine Begeisterung für den Schutz des Mittelmeeres und der mediterrane Region teilen würden. Mehr Informationen dazu, wie auch Sie dem Mittelmeer helfen könnten, erhalten Sie unter mittelmeer@aon.at.

Vorgeschmack auf einen spannenden Inhalt

(vorläufig nur die ersten drei Kapitel im Detail)

Vorwort des Herausgebers
Kulturpessimismus oder berechtigte Sorge um die Zukunft?
Geleitwort von Jørgen Randers

  1. Einführendes zum Mittelmeer mit Zahlen, Bildern und Begriffserklärungen

Was ist ein Mittelmeer?
Übersichtstabelle Mittelmeer
Das Mittelmeer als Konzentrationsbecken oder kann ein ganzes Meer austrocknen?
Mediterrane Ökosysteme (Mediterranean-type ecosystems)
Was ist Mediterranistik?
Ozeanologie, Ozeanographie und Meeresbiologie
Zur Bedeutung der Ozeanologie/Ozeanographie
Das Mittelmeer und der Okeanos
Die vielen Namen des Mediterrans von Alborán bis zur Levante

  1. Das Mittelmeer und den mediterranen Raum ganzheitlich verstehen

Kein Verständnis des Mediterrans ohne ein besseres Verständnis der Geschichte
Der Mittelmeerraum: Vorstellung oder Realität?
Eis und Gletscher: Der Einfluss der Glaziale
Fußspuren: Wie unsere Vorfahren den Mittelmeerraum prägten
Fernand Braudel und seine mediterrane Welt
Horden und Purcell stellen Großmeister Braudel in Frage
David Abulafia: Nicht der Olivenbaum, sondern der Mensch setzte die Grenzen der Region
Cyprian Broodbank und seine Geburt der mediterranen Welt
Wie einheitlich ist der Mediterran?
Unterwasserarchäologie im Mittelmeerraum

  1. Aus der Geschichte der Ozeanographie und der Meeresforschung am Mittelmeer

Meeresbiologische Forschungseinrichtungen im Mittelmeerraum
„2052“ und ein Blick in die (nahe) Zukunft: Warum dieses Werk über das Mittelmeer verstärkt Umweltfragen hervorhebt
Verantwortungsvoll handeln: Eine Charta für das Mittelmeer
Karten der Umweltprobleme

  1. Tektonik, Geologie und Entstehungsgeschichte
  2. Geographie und Klima
  3. Vegetationslandschaften und Flora des Mittelmeerraumes
  4. Ozeanographie und Wasserhaushalt
  5. Lebensräume und Lebensgemeinschaften
  6. Ökologie – die Lebewesen und ihre Umwelt im Mediterran
  7. Biogeographie und Biodiversität
  8. Umweltsituation: Gefährdung und Schutz des Mittelmeeres
  9. Fischerei und Aquakultur – vom Handwerk zur Industrie

 

Text: Robert Hofrichter

Redaktionelle Bearbeitung: Walter Buchinger

Graphische Gestaltung: Alexander Wunderer und Stefan Haardt