Das Meer südlich von Kreta – ein Laboratorium der globalen Veränderung und spannendes Terrain für Meeresforschung

2014 initiierte die Meeresschutzorganisation MareMundi in Kooperation mit der Tauchbasis dive2gether (Plakias, Südkreta) als zuverlässigen örtlichen Partner eine kleine Meeresstation, die es Universitäten möglich macht hier meeresbiologische Kurse abzuhalten. Studierende wiederum können hier ihre Master- oder andere Studienarbeiteten durchführen. Die Ergebnisse bestätigen immer nur das, was wir bisher dargestellt haben: Die Welt befindet sich im massiven Umbruch und Wandel.

Das östliche Mittelmeer mit dem Ionischen und Levantnischen Hauptbecken unterscheidet sich in mancher Hinsicht vom westlichen mediterranen Becken. Da wäre schon das Klima: Von West nach Ost bzw. Nordwest nach Südost wird es immer trockener und auch heißer. Die Folge: Die Meerestemperaturen steigen in diese Richtung und damit auch die Verdunstung und der Salzgehalt des Wassers. Während wir bei Gibraltar nur etwa 36 psu (numerisch Promille) Salinität messen, sind es bei der Küste Israels schon um die 39,5! Das ist ein enormer Anstieg. Das Mittelmeer ist eben ein Konzentrationsbecken.

Und dann sind wir in meeresökologischer Sicht mit der Frage der Nährstoffe konfrontiert. Das Meer kann nur dann ausreichend Plankton (als Basis der Nahrungsnetze) bilden, wenn für Photosynthese und Primärproduktion ausreichend Nährstoffe zur Verfügung stehen. Und diese sind im östlichen Mittelmeer wirklich rar. Wenn man Karten des Chlorophyllgehalts des Meerwassers (als Maß der Produktivität) und die Produktivitätskarten selbst untersucht, findet man in den Darstellungen tiefblaue Meeresbereiche, die für extrem niedrige Werte stehen. Nicht zufällig ist das Wasser an der Südküste von Kreta so tiefblau und transparent: Eigentlich ist es ein klares Zeichen für Armut. Dieses Blau ist die Farbe der (Meeres)Wüste! Was Taucher wegen der guten Sicht freut, bedeutet für die Fischerei nichts Gutes. Hier können nie so viele Fische gefangen werden wie etwa in der trüben und grünlichen Nordsee.

Fassen wir zusammen:

Von Natur aus müssen wir im östlichen Mittelmeerraum mit einer niedrigeren Produktivität rechnen. Diese hat noch nichts mit Artenarmut zu tun, sondern vielmehr mit der produzierten Biomasse. Und das Wenige, das vorhanden war, wurde durch anhaltenden Raubbau (Überfischung, Dynamitfischerei)weitgehend zerstört.
Die schon ursprüngliche Nährstoffarmut des östlichen Mittelmeeres ist hat im letzten halben Jahrhundert in Folge menschlichen Waltens noch weiter zugenommen. Der Assuan-Hochdamm (und andere Dammprojekte) halten nicht nur das Wasser für die Landwirtschaft zurück, sondern auch die Nährschlamme, die vor Jahrtausenden Ägypten groß gemacht haben. Der natürliche Dünger des Levantinischen Beckens schwindet – und mit ihm sinkt die Produktivität weiter. Ganze Fischereien (Sardine) sind nach dem Dammbau kollabiert.

Ein Tauchgang an der Südküste von Kreta ist daher von Natur aus grundsätzlich anders als einer im Westlichen Mittelmeer, etwa bei Korsika, in Südfrankreich oder den Balearen. Doch kommt noch ein weiterer Faktor hinzu. Eine Hälfte des Phänomens ist unmittelbar menschengemacht: der Suezkanal. Er schuf eine Verbindung zwischen zwei völlig unterschiedlichen biogeographischen Gebieten des Meeres, dem tropischen Indopazifik und dem gemäßigten Ostatlantik mit dem Mediterran. Und die andere Hälfte – die ist eigentlich auch menschengemacht: die Klima- und damit die Meereserwärmung. Tiere wandern zunehmend aus dem Roten Meer ein. Wir bestaunen bei Kreta die Lesseps’sche Migration, die größte biogeographische Veränderung der Gegenwart. Die einst typischen mediterranen Fische wie Meerbrassen (Sparidae) werden immer kleiner und seltener, dafür vermehren sich die tropischen Kaninchenfische (Siganidae) aus dem Roten Meer massenhaft. Wir sprechen auch von der Tropikalisierung des Mittelmeeres. Es verändert sich direkt vor unseren Augen. Selbst die gefräßigen Feuerfische als Symbole tropischer Korallenriffe breiten sich rasant nach Westen aus und werden von Jahr zu Jahr mehr.

Nun versteht man vielleicht besser, warum dieses Gebiet für Meeresbiologen und andere Naturwissenschaftler so spannend ist. Hier erleben wir den globalen Wechsel (global change) auf vielen Ebenen und unmittelbar. Nicht nur bei auffälligen Fischen wie Feuer-, Flöten- oder Soldatenfischen, sondern auch beispielsweise bei winzigen Schnecken.

Den Vormarsch der tropischen Einwanderer und das klimabedingte Verschwinden der ursprünglichen Fauna (mit atlantischer Affinität) kann kein Wissenschaftler mehr stoppen. Doch können wir die Veränderungen zumindest dokumentieren, ihre Geschwindigkeit feststellen (sie ist wesentlich rasanter als früher gedacht) und Trends ablesen.
Unsere Feldstation steht für Forschung, Bildung und Schutz (erste zaghafte Versuche um die Etablierung von Meeresschutzgebieten laufen). An allen drei Fronten wird daher gearbeitet.

Über neue Kooperation- und Forschungspartner würden wir uns sehr freuen. Universitäten können unsere Feldstation im Rahmen von Exkursionen besuchen – sie finden dafür eine perfekte Infrastruktur und Organisation vor. Und auch Forscher und Studierende sind uns willkommen. Plakias, ein Ort, an dem man sich ohnehin wohl fühlt – und nun auch ein Ort, der für Forschung, Bildung und Meeresschutz steht.

 

Arten-Bestimmung im Feld

 

Bericht: Dr. Robert Hofrichter

Bilder: MareMundi, dive2gether