Besuch des MareMundi-Teams an der RSEC-Feldstation in Dahab (Golf von Akaba, Sinai, Ägypten)

Ein Bericht des Stationsgründers Robert Hofrichter

Die einst idyllische Küste um Dahab zu den Anfangszeiten des Tourismus, heute kaum wiederzuerkennen – historische Aufnahmen, Quelle: Archiv Peter Emch

Im Januar und Februar 2019 kamen in Dahab, einem einstigen Hippie-Aussteigernest vor allem der Taucherszene, mehrere Mitglieder und Unterstützer der Meeresschutzorganisation MareMundi zusammen, um die Schönheiten des Roten Meeres, seiner Unterwasserwelt und der benachbarten Wüste zu genießen. Dazu gehört natürlich auch der erfreuliche Aspekt der „Flucht vor dem Winter“. Doch war Vergnügen nicht der Hauptzweck des Besuchs, denn die rapide zunehmenden Umweltschäden sind weder an Land noch unter Wasser zu übersehen.

Die Einleitung ungeklärter Abwässer führt zu Überdüngung und in weiterer Folge zu Veralgung der Korallenriffe / Foto: Robert Hofrichter

Gleich einleitend wollen wir einige vorwegnehmen: Eine massive Überfischung in der Nähe von Städten, Siedlungen und allem voran touristischen Zentren (diese hat weitreichende ökologische Folgen für das Riff), Einleitung ungeklärter Abwässer in das Rote Meer (die Spuren der Eutrophierung sind nicht zu übersehen) und eine ausufernde Belastung der Umwelt durch Plastik und anderen Abfällen (etwa zunehmend auch Aludosen, Coca-Cola hat Ägypten schon vor langer Zeit erreicht, Red Bull erst in den letzten Jahren).

Der Tourismus hat in den letzten Jahren radikal zugenommen, auch viele Jugendliche der Oberschicht aus den ägyptischen Großstädten haben Dahab als Urlaubsziel entdeckt / Foto: Robert Hofrichter

Eine der wesentlichen Aufgaben dieser Feldstation von MareMundi, des Red Sea Environmental Centre (RSEC) ist es, Aufklärung in Umweltfragen zu liefern und ein Bildungsangebot in Biologie und Umwelt zu bieten. Unsere bereits traditionelle „Winterakademie“ wurde abgehalten, an der Teilnehmer aus Österreich, Deutschland, der Schweiz, der Niederlande und Griechenland zusammengekommen sind, um mehr über die Wunder der Korallenriffe und ihre Bedrohung zu lernen (… einfach mal eine relaxte Zeit im Ausland verbringen, andere Studenten treffen, eine neue Kultur kennenlernen, wunderschöne Tauchgänge im Roten Meer erleben und viel über den einzigartigen Lebensraum Korallenriff erfahren…, Winterakademie & Sommerakademie).

Dilemma: Was und wie soll man berichten?

Natur- und Meeresschützer stehen immer vor dem Dilemma entweder „ungeschminkt“ Umweltprobleme anzusprechen. Dann droht die Gefahr, dass man der Besserwisserei, Schwarzmalerei, des Pessimismus und einer einseitigen Berichterstattung zu Ungunsten der Einheimischen, Behörden, Touristen etc. beschuldigt wird. Oder aber man berichtet über die Zustände in sehr schönen Farben, mit schönen, bunten, ästhetischen Bildern ohne Naturdegradation. Dann aber könnte man nach dem Zweck einer Umweltschutzorganisation fragen, denn als „zahnloser Tiger“, der sich scheut, Probleme anzusprechen, kann man nichts bewegen. Vor diesem Dilemma steht man auch als Pädagoge, der jungen Menschen über die Umwelt erzählt.

Als der Autor dieser Zeilen Ende 2002 die RSEC-Station ins Leben rief (die Geschichte kann man auf red sea environmental centre (RSEC) nachlesen), waren die Riffe eindeutig in einem viel besseren Zustand. Der Anteil der lebenden Korallen war viel höher, Korallenkrankheiten wurden damals erst allmählich bekannt, das Riff war nicht von Algen bewachsen, das Meer war weniger durch Abwässer verschmutz und – Wunder über Wunder – im Riff sah man jede Menge frei schwimmender Fische wie Schnapper, Straßenkehrer, Nasendoktoren und andere. Die Veränderungen sind gravierend und ihr Verschweigen wäre für jemanden, der sich für den Meeresschutz stark macht, kaum vertretbar.

Wie also berichten? Es macht wohl keinen Sinn mit erhobenem Zeigefinger zu agieren. An der Lage kann es nichts ändern. Ägypten zählt mit 100 Mio. Einwohnern zu den bevölkerungsreichsten Staaten Afrikas. Zu über 90 Prozent besteht es aus Wüste. Weniger als 10 Prozent des Landes sind besiedelt. Die Sinai-Halbinsel östlich des Suezkanals, Verbindung zwischen Afrika und Asien, ist im Norden durch eine Sandwüste geprägt, im Süden durch ein Gebirge, das durch zahlreiche Trockentäler (Wadis) kräftig zerschnitten ist. Die rund 2 000 km lange Küste zum Roten Meer besteht aus steil abfallenden Gebirgen. Bevölkerung und Landwirtschaft sind in den wenigen Oasen konzentriert, vor allem in der Stromoase des Nils. Dank des Nils ist Ägypten einer der wichtigsten landwirtschaftlichen Produzenten Afrikas.

Der Bevölkerungsdruck wächst. Das einstige Land der Beduinen ist einem ständigen Zuzug aus dem afrikanischen Teil Ägyptens ausgesetzt. Die Moderne ist nicht aufzuhalten, die Menschen haben trotz der Armut der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung einen steigenden Lebensstandard. Die Anzahl der Menschen, multipliziert mit dem Lebensstil, ergibt in einer vereinfachten ökologischen Grundgleichung die Zukunftsaussichten. Ohne dass ein Einzelmensch etwas an der Gegebenheit der Bevölkerungsexplosion in Ägypten ändern könnte, können wir festhalten: Weder für die Umwelt noch für die politische Stabilität der kommenden Jahrzehnte bedeutet weiteres dramatisches Anwachsen der Bevölkerung etwas Gutes.

Konzepte der Nachhaltigkeit und Visionäre sind gefragt

Durch manche relativ leicht umsetzbare Maßnahmen ließe sich die Umweltsituation zumindest entschärfen.

  1. Einhaltung der Gesetze zur Fischerei und Respektieren von Meeresschutzgebieten. Wir als Besucher können auf den ersten Blick nichts tun, oder doch? Die Behörden müssten handeln. Ja, das sollten sie, aber auf sie haben wir keinen Einfluss. Auf das eigene Konsumverhalten hingegen schon. An der Touristenmeile von Dahab werden Abend für Abend die unglaublichsten Fische angeboten. Man fragt sich woher sie kommen, denn im Riff sieht man sie nicht mehr. Die Angestellten des Restaurants erklären, dass sie nicht von hier kommen, sondern aus dem Golf von Sues. Damit würde man das Problem sozusagen von A nach B verschieben, doch außerdem stimmt es nicht. Überall wird mit allen Mitteln gefischt, und als aufmerksamer Beobachter hat man nicht den Eindruck, dass es irgendeine Art Kontrolle gibt. Terroranschläge – selten aber doch auch im Sinai – haben dazu geführt, dass der internationale Tourismus zurückgegangen ist, insbesondere die einheimische Bevölkerung leidet unter dem Schwund an Urlaubern. Die Beduinen haben oft keine andere Wahl als viel intensiver als früher zu fischen, um durch den Verkauf dieser Fische ihre eigenen Familien zu ernähren. Die Preise in Ägypten sind stark gestiegen. Doch Tatsache ist: Das Riff und seine Umgebung sind massiv überfischt. In wenigen Jahren ist eine dramatische Verschlechterung der Situation eingetreten. Durch das Fehlen der algenfressenden Fische (und die Eutrophierung, siehe nächster Punkt) wuchern die Algen selbst auf noch lebenden Korallen.
  2. Kläranlagen, keine Einleitungen ungeklärter Abwässer in dieses oligotrophe, sensible Meer mit seinen Korallenriffen: Auch das ist ein Problem, mit dem die Behörden fertig werden müssten. Wir als Besucher können nichts tun und stehen vor dem kaum lösbaren Widerspruch, dass wir selbst zu diesem Zustand beitragen. Doch wenn wir zu Hause bleiben, kommen genug andere. Denn der Tourismus hat sich radikal geändert, die Mehrzahl der Besucher kommt aus Ägypten selbst. Immer mehr junge Menschen, Kinder der Oberschicht, kommen aus Kairo und den anderen großen Städten um in Dahab Urlaub zu machen. Umweltbewusstsein ist bei diesen Besuchern sehr wenig ausgebildet, was man überall an den Stränden täglich beobachten kann.
  3. Plastik: Bei diesem Punkt hilft kein Jammern über den beklagenswerten Zustand dieses windreichen Landes was die Plastik- und Abfallbelastung betrifft (dauert schon lange an, das war vor 20 Jahren schon so, nur die Menge nimmt laufend zu). Es hilft nur bei sich selbst anzufangen und Plastik überall dort, wo es irgendwie geht, zu vermeiden. Außerdem kann sich jeder an Aktivitäten beteiligen, die helfen das Problem zu erkennen und zu entschärfen. Man kann Meeresschutzorganisationen und Projekte unterstützen, die sich einsetzen. Man kann sich an der Aufklärungsarbeit beteiligen. Man kann an Strandreinigungsaktivitäten von NGOs, Tauchbasen und der lokalen Bevölkerung beteiligen. Warum? Weil man damit Bewusstsein schafft. Bei diesem großen Umweltproblem der Gegenwart müssen wir alle, ausnahmslos, handeln. Wir müssen jetzt unsere Konsumverhalten anpassen (siehe nächste Überschrift).

Überall wird mit allen Mitteln gefischt, und als aufmerksamer Beobachter hat man nicht den Eindruck, dass es irgendeine Art von Kontrolle gibt / Foto Maria Hofrichter

Es wäre fatal auf nicht vorhandene Selbstheilungskräfte der Natur zu hoffen

(Zitiert aus Müller Matthias, erscheint 2019, in Robert Hofrichter, Hrsg.: Das Mittelmeer, Springer Spektrum)

Wir müssen wohl nach heutigem Stand des Wissens akzeptieren, dass der schon im Meer vorhandene Plastikabfall im Ozean verbleibt. Es gibt Versuche, das Plastik an den bekannten Müllstrudeln abzuschöpfen, um es an Land zu recyceln. Aber nur 1 –2 % des gesamten Plastikmülls treiben an der Oberfläche, was dann doch nur der berühmte Wassertropfen auf dem heißen Stein ist. Zusätzlich muss man berücksichtigen, dass der Plastikmüll die Heimat vieler Organismen geworden ist, die mit den Aktionen vernichtet werden.

Plastik wird unweigerlich zu Mikroplastik und Nanoplastik, die mit ihrer Bedrohung am Beginn der Nahrungskette angreifen und dadurch Auswirkung auf das gesamte Meeresleben haben. Die Folgen können wir gar nicht abschätzen, da das Verhalten der Mikroteile und die Dauer des Verbleibs in der Wassersäule völlig unbekannt sind. Es wäre fatal und unverantwortlich, auf nicht vorhandene Selbstheilungskräfte der Natur zu hoffen oder zu denken, dass es nicht so schlimm werden wird. Dass Mikroplastik auch uns betrifft, wurde ja schon recht medienwirksam veröffentlicht. In Stuhlproben von Menschen wurde Mikroplastik nachgewiesen, was aber wirklich keine Überraschung sein dürfte. Die Quellen für Mikroplastik im Menschen sind sehr vielfältig. Unbewusst nehmen wir Mikroplastik natürlich über die Nahrung auf, indem wir Fisch, Muscheln, Garnelen oder das Luxusprodukt Fleur de Sel zu uns nehmen. Aber auch unser Umgang mit Plastikprodukten im Alltag ist eine nicht zu verachtende Quelle für Mikroplastik, der in Form von Abriebplastik oder von Kosmetikprodukten zu uns genommen wird. Mikroplastik gelangt also schon jetzt unweigerlich in jeden Organismus und das sollte uns wirklich nicht überraschen.

Das wirklich wichtigste Instrument ist die Vermeidung von noch mehr Plastikmüll in den Ozeanen. Es liegt an uns, dass kein Plastik mehr in die Umwelt gelangt. Jeder Einzelne kann etwas machen, indem er weniger Plastik kauft, Plastik richtig entsorgt oder Plastik in der Umwelt sammelt und richtig entsorgt, z. B. auch im Urlaub beim Strandspaziergang. Aber es ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe, die einen nicht geringen Aufwand bedeutet. Es müssen Rahmenbedingungen durch die Politik geschaffen werden, wodurch alternative Produkte gefördert werden und Plastik unattraktiv wird. Aber es muss auch in die Infrastruktur investiert werden, um z. B. die großen Mengen an Mikroplastik aus dem Verkehr und den Haushalten aus dem Abwasser herauszufiltern.

Es macht Sinn sich vermehrt dem Umweltschutz zu widmen, nein, es ist ein Muss

So hoffnungslos Umweltschutz auch erscheinen mag, es gibt zu ihm keine sinnvolle Alternative. Zeigen Sie ein Herz für das Meer und den dringend erforderlichen, viel intensiveren Meeresschutz als heute! Mag sein, dass die realistische Betrachtung des Istzustandes auf einige Leser (kultur)pessimistisch wirkt, doch wird sich die ökologische Lage von allein nicht bessern. Diese Hoffnung kann jeder gut informierte Mensch begraben. Nur durch sehr konkrete und auch tatsächlich umgesetzte (also nicht bloß geplante oder beschlossene und auch gut gemeinte) Maßnahmen, ja, manchmal auch einschneidende Maßnahmen, die unsere tägliches Konsumverhalten beeinflussen, können mühsam abgerungene partielle Verbesserungen eintreten. Solche Verbesserungen sind aber eine Hoffnung, keine Selbstverständlichkeit. Es gibt auch die Möglichkeit eines „perfekten Sturms“, auf den wir hier nicht näher eingehen können.

Daher noch einmal einige Zitate vom berühmten Zukunftsforscher Jørgen Randers (aus „2052“ und dem neuen „Das Mittelmeer“, zu dem Jørgen Randers ein Geleitwort schrieb):

  • “Wir sollten nicht die Augen davor verschließen, dass ein einfaches Weitermachen wie bisher die Welt, wie wir sie kennen, zerstören wird.”
  • “Die reichsten 10 % der Menschheit sollten dafür aufkommen, eine beschleunigte Lösung zu finden, sowohl für das Klimaproblem, als auch für all die anderen Herausforderungen auf dem Weg zu globaler Nachhaltigkeit.”
  • „Tun Sie mehr als Sie müssen! So vermeiden Sie später ein schlechtes Gewissen.“

und:

  • “Segeln Sie bei Vollmond auf dem staunenswerten Ozean.”

Der Gründer der meeresbiologischen Station Dr. Robert Hofrichter / Foto Maria Hofrichter

Redaktionelle Bearbeitung: Walter Buchinger

Fotos: Robert Hofrichter, Maria Hofrichter, Peter Emch (sowie einige alte Fotos von Dahab aus dem Bildarchiv von Peter Emch, die wir nicht zuordnen konnten)

Gestaltung: Helmut Wipplinger

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